Rezension über:

Robert-Tarek Fischer: Österreich-Ungarns Kampf um das Heilige Land. Kaiserliche Palästinapolitik im Ersten Weltkrieg, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2004, 180 S., ISBN 978-3-631-52268-4, EUR 39,00
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Rezension von:
Dieter Wolf
Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Dieter Wolf: Rezension von: Robert-Tarek Fischer: Österreich-Ungarns Kampf um das Heilige Land. Kaiserliche Palästinapolitik im Ersten Weltkrieg, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 1 [15.01.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/01/8217.html


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Robert-Tarek Fischer: Österreich-Ungarns Kampf um das Heilige Land

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Die griffige Studie möchte in ein bisher wenig bekanntes Nebenkapitel österreichischer Geschichte (9) einführen und untersucht auf rund 150 Seiten Darstellung die Rolle der Donaumonarchie als Bündnispartner des Osmanischen Reiches in den nahöstlichen Konflikten des Ersten Weltkrieges. In übersichtlich konzipierten zwölf Kapiteln schildert der Autor, wie sich das nicht erst seit der Annexionskrise um Bosnien-Herzegowina 1908 ambivalente Verhältnis Österreichs zur Türkei unter deutscher Federführung 1914 in ein militärisches Zweckbündnis verwandelte, in dessen Gefolge weiter reichende Eigeninteressen gesucht und angesteuert werden konnten. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Habsburgerstaat verstärktes Engagement an den Tag gelegt, zu seinen in das Heilige Land ausgewanderten Staatsangehörigen Verbindung zu halten und humanitär wie imperial gedachte Schutzfunktionen auszuüben. Diese galten neben katholischen (80-94) vor allem jüdischen (94-107) Religionseinrichtungen, insbesondere Schulen und Spitälern. Die zionistischen Siedlungsgemeinden österreichisch-ungarischer Provenienz lebten vom "Chaluka"-System, d. h. von selbst unter Kriegsbedingungen aus der früheren Heimat reichlich fließenden Geldspenden, die jedoch beim Währungsumtausch massiv an Wert einbüßten. Mit der steigenden materiellen Not sahen sich die Juden in Palästina rigiden Benachteiligungen durch die nationalistische jungtürkische Führung um den Großwesir Talat Pascha in Konstantinopel ausgesetzt. Eine sehr unnachsichtige Rolle scheint vor allem aber der Statthalter Djemal Pascha gespielt zu haben. So sehr Österreich durch Unterstützung jüdischer Einrichtungen seinen Einfluss im Innern der Türkei über das Karitative hinaus bewusst politisch ausweiten wollte, so sehr verletzte die Türkei mit Repressalien gegen jüdische Siedler insgesamt, mit Requisitionen und sogar Deportationen, die Rechte österreichisch-ungarischer Staatsangehöriger, was angesichts des Kriegsbündnisses als Paradoxon empfunden werden musste.

Während es im übergeordneten Sinne Absicht der Wiener Regierung war, "ihr Prestige und ihren Einfluss im levantinischen Raum erheblich zu steigern und vor allem auf wirtschaftlicher Ebene nachhaltig an Boden zu gewinnen" (19), hatten es in Konstantinopel Botschafter Pallavicini und der Militärbevollmächtigte Pomiankowski sowie in Jerusalem der Konsul Kraus (34 ff.) mit den konkreten Umsetzungsschwierigkeiten vor Ort zu tun. Die rückständige Infrastruktur der Türkei bestimmte nachteilig den Gang der militärischen Ereignisse in Palästina. Dennoch gelang es mit österreichischer Hilfe, die Briten 1917 bei Gaza vorübergehend aufzuhalten. Als im Dezember 1917 Jerusalem nicht mehr zu verteidigen war (137-142), verfielen auch die Einsatzpläne für ein gerade entstehendes k.u.k. Orientkorps, und es setzte eine jüdische Rückwanderungswelle nach Österreich ein, die angesichts der Hungersnot in Wien und des - zwei Jahrzehnte später - kommenden Holocaust vielfach geradewegs in das Unglück führte.

Die Katastrophe auf den Hauptkriegsschauplätzen und im zivilen Leben des europäischen Kontinents kommt bei Fischer nur sehr unzureichend zur Sprache, und es steht etwas unklar im Raum, wie überhaupt die materiellen Mittel für das aufwändige wie abseitige Nahost-Engagement in der Höhe so lange noch aufgebracht werden konnten. Der Autor schildert in geraffter Form die begrenzten, aber immerhin bemerkenswerten, nach damaliger Lesart rühmlichen militärischen Einsätze österreichisch-ungarischer Truppeneinheiten, skizziert das teils unkoordinierte diplomatische Verhältnis zwischen Wien und Istanbul und fächert die verschiedenen österreichischen Initiativen auf, die beispielsweise auch eine propagandistisch konzipierte Mission des Orientforschers Alois Musil noch im Herbst 1917 einschlossen. Fischer setzt sich mit der Aussichtslosigkeit mancher Vorhaben kritisch auseinander und zeigt auf, dass es auch einzelne Erfolge österreichischer Präsenz im Heiligen Land gegeben hat. In einem letzten kleinen Kapitel "Spurensuche" (161 ff.) wird deutlich, dass mit Ausnahme des österreichischen Pilgerhauses in der Jerusalemer Via Dolorosa fast keine Resultate wirklich dauerhaft blieben.

Fischer hat sich eines kleinen Themas angenommen und ist über jeden erstaunlichen Beleg österreichischen Geltungsdranges dankbar. Der Eindruck des Illusionären und Bedeutungsarmen wird nicht geleugnet. Warum also wurde eine solche Studie vorgelegt? Diese Frage beantwortet sich vielleicht mit Fischers zentraler Feststellung: "Hinsichtlich der Spendentätigkeit für Palästina im Ersten Weltkrieg lag die Donaumonarchie an zweiter Stelle nach den Vereinigten Staaten und leistete so einen beachtlichen Beitrag für den Fortbestand des Judentums in Palästina." (103). Dass diese arg selbstbewusste, die Bedeutung möglicherweise weit überschätzende These auf dem aktuellen Hintergrund des von der Republik Österreich 2001 beschlossenen NS-Entschädigungsfonds etwas sehr Provozierendes in sich trägt, mag Fischer, der einen Dienstposten im Bundeskanzleramt versieht, nicht unbekannt sein. Der zweite rote Faden, der in seiner Argumentation stets durchschimmert, ist Fischers Befund, dass Österreich-Ungarn entgegen aller offiziellen "Nibelungentreue" nur widerwillig, quasi "mit gefurchter Stirn" (60), an der Seite Deutschlands gestanden habe und alles Abweichende getan hätte, sich konkurrierend vom größeren, anscheinend ungeliebten Bündnispartner abzugrenzen. Der doch mindestens genauso wichtige Aspekt fruchtbarer österreichisch-deutscher Kooperation in der "Waffenbrüderschaft" geht bei Fischer vollkommen unter. Auch das mag politisch konditioniert sein.

Zum Buch sind ausgiebige Quellenstudien am Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv, hauptsächlich in den Beständen Politisches Archiv und Konsulatsarchiv Jerusalem vorausgegangen, was den Wert der Erkenntnisse punktuell hoch veranschlagen lässt. Türkische Quellen fehlen leider vollständig. Die Darstellung liest sich streckenweise recht spannend, manchmal schon abenteuerlich (etwa die tollkühnen Geschichten des Georg Gondos, 49-52) und vermittelt interessante Einzeleindrücke. Um den Verlauf des Kriegsgeschehens besser nachvollziehen zu können, wäre dem Leser eine beigegebene Landkarte des Nahen Ostens zu wünschen gewesen. Nicht immer folgt der Faktenreihung eine analytische Betrachtung aller Hintergründe und Voraussetzungen. Nicht selten erscheinen stattdessen größere Zitatblöcke "selbstredend" mitten im Haupttext, die wie der Quellenanhang (165-173) unvermittelt zur interpretationsfreien Lektüre angeboten werden.

Die eher dokumentarisch aufgebaute Erzählung findet keinen Raum, sich mit der anscheinend nur in bescheidenem Umfang vorliegenden wissenschaftlichen Literatur näher auseinanderzusetzen. Die Studie stößt hier schnell an ihre Grenzen, liefert jedoch als Einstieg in die österreichische Türkeipolitik eine wertvolle Hilfe, auch wenn der Autor wohl die Absicht hegte, das Bild Österreichs auch in aktueller Hinsicht aufzuhellen.

Dieter Wolf