Rezension über:

Alberto Spataro: Velud fulgor meridianus. La 'vita' di papa Gregorio IX. Edizione, traduzione e commento (= Ordines. Studi su istituzioni e societá nel medioevo europeo; 8), Milano: Vita e Pensiero 2018, XI + 226 S., ISBN 978-88-343-3148-4, EUR 25,00
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Rezension von:
Wendan Li
Historisches Seminar, Bergische Universität, Wuppertal
Redaktionelle Betreuung:
Étienne Doublier
Empfohlene Zitierweise:
Wendan Li: Rezension von: Alberto Spataro: Velud fulgor meridianus. La 'vita' di papa Gregorio IX. Edizione, traduzione e commento, Milano: Vita e Pensiero 2018, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 2 [15.02.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/02/32737.html


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Alberto Spataro: Velud fulgor meridianus

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Im Vergleich zu anderen mittelalterlichen Papstviten wurde der Vita Gregorii IX seitens der bisherigen Forschung erstaunlich wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Während die Gesta Innocentii III zum Beispiel von Brenda Bolton als "too important to neglect" [1] bezeichnet wurden und in mehreren modernen Sprachen übersetzt vorliegen, galt bis vor Kurzem als letzte und einzige monographische Studie zur Gregorsvita die 1889 abgeschlossene, leider nicht allzu ergiebig und in vieler Hinsicht nicht überzeugende Berliner Dissertation von Jakob Marx. Die geschilderte Vernachlässigung hängt zum einen damit zusammen, dass Louis Duchesne der Gregorsvita eine innere Bindung an die herkömmliche Papstgeschichtsschreibung absprach und sie in seine Edition des Liber pontificalis nicht übernahm. Zum anderen erschwerten der schwülstige Stil und parteiische Ton die Rezeption der Vita als glaubwürdige historische Quelle, sodass renommierte Historiker wie Ferdinand Gregorovius und Eduard Winkelmann in ihr eine "Wüstheit" sahen und deren Angaben als "vielfach irrig" werteten. [2]

Der ab den 1970er Jahren fassbare Paradigmenwechsel von der Ereignis- hin zur Vorstellungsgeschichte hat die mittelalterliche Geschichtsschreibung verstärkt in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses gerückt, wobei dieser Umstand dazu beigetragen hat, dass auch das Interesse an der päpstlich-kurialen Historiographie und somit an der Gregorsvita gewachsen ist. Ein erster, wichtiger Impuls kam von Agostino Paravicini Bagliani, der - im Gegensatz zu Duchesne - die inhaltliche und kodikologische Verknüpfung der Gregorsvita an die Papstgeschichtsschreibung des 12. und 13. Jahrhunderts überzeugend herausgearbeitet und die Weichen für weiteren Beschäftigungen mit dieser Quelle gestellt hat. [3] Durch das zu besprechende Werk von Alberto Spataro ist schließlich ein altes Forschungsdesiderat erfüllt worden, denn dadurch liegt eine moderne kritische Edition der Vita Gregorii IX vor, die die ältere, im Rahmen des Liber Censuum gedruckte Ausgabe von Paul Fabre und Louis Duchesne ablöst.

Der Band ist zweigeteilt: Auf eine quellenkritische Einleitung folgt die eigentliche Edition der Quelle mit einer italienischen Übersetzung und einem historischen Kommentar. Der Einleitungsteil beginnt mit einem ausführlichen Überblick über die päpstliche Geschichtsschreibung von ihren Anfängen bis zu den Gesta Innocentii III, an die die Vita Gregorii offensichtlich anknüpft. Einen Schlüssel zum Verständnis der Papstviten des 13. Jahrhunderts erkennt Spataro in der starken Verbindung zwischen der Intensivierung päpstlicher Geschichtsschreibung und der Verdichtung kurialer Verwaltung (18f.). Das anschließende Unterkapitel befasst sich mit dem Überlieferungskontext der Quelle, nämlich mit dem Liber Censuum. Hier bietet Spataro eine kodikologische Beschreibung des Codex 228 der Biblioteca Riccardiana zu Florenz (23f.) sowie ein Stemma Codicum (29-36). Dabei revidiert er die Annahme von Paul Fabre und datiert die Eintragung der Gregorsvita in den Liber Censuum in der Zeit Alexanders IV. Diese Entscheidung begründet er damit, dass die Dokumente, die zusammen mit der Vita Gregorii in den Liber Censuum eingefügt wurden, eher die Schwerpunkte und Interessen dieses Pontifikats widerspiegeln. Die Initiative zur Eintragung der Vita in das päpstliche Zinsbuch wird Nikolaus von Anagni zugeschrieben, dem Neffen Gregors IX. und Kämmerer Alexanders IV. (26). Im Unterkapitel zur Entstehung des Werks setzt sich Spataro von der These von Jakob Marx ab, der in Bezug auf die Entstehung der Gregorsvita von zwei Arbeitsstufen ausgegangen war. Gegen diese ältere Meinung stellt Spataro überzeugend heraus, dass die gesamte Quelle im Zusammenhang mit den Ereignissen von Juni/Juli 1240 entstanden sein muss (37f.). Daran anschließend befasst sich der Vf. mit der Verwendung von Dokumenten der päpstlichen Kanzlei in der Gregorsvita. Er erkennt Parallelen zwischen der Vita Gregorii IX und dem päpstlichen Brief "Attendite ad petram", nimmt eine Identität zwischen dem Diktator dieses Briefs und dem Autor der Gregorsvita an (41) und verortet die Gregorsvita im politischen Kontext der zweiten Exkommunikation Friedrichs II., als der Kaiser als Vorläufer des Antichristen gebrandmarkt wurde (44-46). Im vierten Unterkapitel beschäftigt sich Spataro mit der Autorschaft und zieht dabei drei Kandidaten in Erwägung: Johannes von Ferentino, Johannes von Campania und Nikolaus von Anagni (50-52). Besonders wichtig sind die Befunde zu den Arbeitsfeldern des Vitenverfassers. Die Gregorsvita lässt laut Spataro Bezüge zur apostolischen Kammer und päpstlichen Kapelle erkennen (53f.), wobei sich auch ein Einfluss des kurialen theologischen Kreises um den Kardinal Rainer von Viterbo vermuten ließe (56f.). Im letzten Unterkapitel des ersten Teils konzentriert sich Spataro auf die Spiritualität Gregors IX. im Spiegel seiner Vita. Die Aussage der Gregorsvita bezüglich der Rolle Hugolinos (des späteren Gregors IX.) bei der Gründung des Minoritenordens, welche lange Zeit als Übertreibung galt, wird von Spataro in den Kontext der Exkommunikation Friedrichs II. und Absetzung des Generalministers Elias von Cortona im Jahr 1239 überzeugend eingefügt (60-64). Schließlich weist der Vf. darauf hin, dass die Hervorhebung der Spiritualität des Papstes eine Innovation in der päpstlichen Geschichtsschreibung darstellt, die wohl im Zusammenhang mit der Ekklesiologie Gregors IX. zu sehen sei (67-69).

Im zweiten, gewichtigen Teil der Arbeit befinden sich der Editionstext, eine italienische Übersetzung mit einem historischen Kommentar. Dies ist besonders zu begrüßen, denn die ältere Ausgabe von Fabre/Duchesne war leider nicht fehlerfrei und nur mit einem dürftigen Kommentar versehen. Diese Lücken werden nun von Spataro geschlossen: Seine Textausgabe (78-144) entspricht den wissenschaftlichen Editionsstandards; die Übersetzung in eine moderne Sprache (79-145) macht diesen teilweise schwierigen Text einem größeren Publikum zugänglich; der umfassende historische Kommentar mit Hinweis auf zeitgenössische Quellen und moderne Sekundärliteratur (147-193) liefert die Grundlagen für die weitere Beschäftigung mit dieser Quelle. Ein Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Orts- und Personenregister (195-226) beschließen den Band.

Resümierend lässt sich sagen, dass Spataro durch eine vorzügliche Edition und Übersetzung, einen sehr informativen Kommentar und eine durchaus gelungene quellenkritische Untersuchung die Vita Gregorii IX endgültig aus dem Schatten herausgeholt hat. Der besondere Stellenwert der Vita Gregorii kommt darin zum Ausdruck, dass dieses Werk unter unmittelbarem Einfluss des Papstes entstand und ein Bild des Pontifikats liefert, welches Gregor IX. seiner Nachwelt hinterlassen wollte (59). Obwohl einige Fragen - wie zum Beispiel nach der Autorschaft, den Quellen und der Rezeption - noch offenbleiben (und angesichts der Quellenlage sich wohl nicht ohne weiteres beantworten lassen), liefert die vorliegende Arbeit neue und weiterführende Einsichten in den Pontifikat Gregors IX. sowie in die Papstgeschichtsschreibung des 13. Jahrhunderts. Es bleibt zu hoffen, dass dieses verdienstvolle Buch eine größere Verbreitung findet.


Anmerkungen:

[1] Brenda Bolton: Too Important to Neglect. The 'Gesta Innocentii PP III', in: G. A. Loud e.a. (eds.): Church and chronicle in the Middle Ages. Essays presented to John Taylor, London e.a. 1991, 87-99.

[2] Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Roma im Mittelalter: vom V. bis zum XVI. Jahrhundert, Stuttgart 1859, Bd. 5, 155; Reg. Imp. V/2/3, Nr. 6669b; Jakob Marx: Die Vita Gregorii IX: quellenkritisch untersucht, Berlin 1889, 5f.

[3] Agostino Paravicini Bagliani: La storiografia pontificia del secolo XIII. Prospettive di ricerca, in: Römische Historische Mitteilungen 18 (1976), 45-54.

Wendan Li