Rezension über:

Umberto Roberto: Il secolo dei Vandali. Storia di un'integrazione fallita, Palermo: 21 Editore 2020, 368 S., ISBN 9788899470456, EUR 23,00
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Rezension von:
Rocco Selvaggi
RomanIslam - Center for Comparative Empire and Transcultural Studies, Universität Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Rocco Selvaggi: Rezension von: Umberto Roberto: Il secolo dei Vandali. Storia di un'integrazione fallita, Palermo: 21 Editore 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 2 [15.02.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/02/35377.html


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Umberto Roberto: Il secolo dei Vandali

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Unter den jüngsten Studien über die Vandalen - die sich allesamt durch lebhafte Forschungsdebatten auszeichnen - sticht das vorliegende Buch sicherlich heraus, da es sich bei Robertos Arbeit um die erste, vollständige Publikation zur Geschichte der Vandalen in italienischer Sprache handelt. Schon durch den prägnanten Titel legt der Autor seine Schwerpunkte offen: Einerseits den genauen Inhalt des Buches, das saeculum, dessen Bedeutung sorgfältig in der Einleitung (11-14) erörtert wird; andererseits das Ergebnis seiner Untersuchungen, das heißt eine fehlgeschlagene Integration, die auch im Fazit (siehe unten) vorkommt.

Im ersten Kapitel (15-28) thematisiert Roberto die Ethnogenese der Vandalen, indem er nicht nur die ursprüngliche Herkunft dieser gens, sondern auch deren Kontakte mit dem Römischen Reich vom 1. Jh. n. Chr. (erste Erwähnungen in den antiken Quellen) bis zur Zeit von Stilicho hinterfragt. Trotz der akkuraten Behandlung schweigt Roberto interessanterweise über die von Claudian tradierten Gefechte zwischen den Vandalen und Stilicho in Rätien. [1] Diese Unruhen sind beachtenswert, weil sie ein interessantes Bild zeichnen, nämlich die Existenz einiger römisch-vandalischer foedera sowie die Gefahr, die von den Vandalen bereits vor dem Rheinübergang auf die Grenzen des Imperiums ausging. [2]

Der ersten Phase der vandalischen Migration, das heißt von dem Einfall in das Römische Reich bis zum Übergang nach Afrika, widmet sich das zweite Kapitel (29-51). Der Autor scheint sich mit den zu diesem Teil der vandalischen Geschichte gehörenden Themen in unterschiedlicher Weise beschäftigt zu haben. Die Wanderung über Gallien wird nur skizziert und der Beschreibung des Aufenthalts in Spanien mangelt es an Details. Für den Übergang auf die Iberische Halbinsel fehlt außerdem eine adäquate Analyse, die sich hingegen im Fall des Rheinübergangs sowie des Zuges nach Afrika als hervorragend erweist. [3] Roberto konzentriert sich eher auf andere Elemente, vor allem auf die Figur des rex und die ersten Kontakte mit der Seefahrt - wohl mit dem Ziel, einige der kennzeichnenden Aspekte der vandalischen Identität schon in dieser Entwicklungsphase der Vandalengeschichte zu vermitteln.

Im dritten Kapitel (53-79) stellt Roberto den Einzug in Afrika sowie den Marsch entlang der Küste bis zur Eroberung Karthagos zur Diskussion. In diesem Abschnitt beginnt er, die religiöse Frage aufzugreifen, die - wie er zu Recht im Laufe des Buches wiederholt - bei der Untersuchung der vandalischen Identität von großer Bedeutung ist. Besondere Aufmerksamkeit verdienen zwei Unterabsätze: Zum einen wird die Frage einer möglichen Apostasie Geiserichs aufgeworfen, die Roberto mit überzeugenden Überlegungen nicht ausschließt; zum anderen wird die Rolle der Kirche in Afrika deutlich und exemplarisch vorgestellt. Des Weiteren ist auch zu beachten, dass der Verfasser in Bezug auf die römisch-vandalischen Vereinbarungen mit dem Teil der Forschung übereinstimmt, der den Vertrag von 435 für ein foedus und den von 439 für eine amicitia hält, die die Geburt eines eigenen vandalischen Staates bedeute. [3]

Die folgenden drei Kapitel bilden zweifellos den Hauptteil des Bandes, in dem der Autor die Eigenarten der vandalischen Realität auf afrikanischem Boden darlegt. Das vierte Kapitel (81-103) ist einer der prägnantesten Teile. Hier beleuchtet Roberto nämlich einige Elemente, die sich als signifikant für das Verständnis der vandalischen Geschichte erweisen: unter anderen die Bedeutung der Einnahme einer reichen Haupt- und Hafenstadt wie Karthago, die religiöse Spaltung mit der anschließenden Verfolgung Geiserichs von den Katholiken, die Rolle Afrikas für das Imperium bzw. die Konsequenzen seines Verlusts für Westrom infolge der Eroberung der Vandalen, die administrativen Maßnahmen zwecks einer erfolgreichen Ansiedlung (sortes Vandalorum), die Eheverbindung mit der theodosianischen Dynastie (diesbezüglich diskutiert der Autor aber nur kurz die Reaktionen der anderen germanischen Stämme auf diese Außenpolitik Geiserichs), sowie die Thalassokratie.

Darauf aufbauend, wird die Weiterentwicklung der vandalischen Herrschaft im fünften Kapitel (105-147) gezeigt. Hier steht die Figur des Geiserich im Fokus, dessen Regierung detailliert untersucht wird. Beachtenswert sind die Beobachtungen über Geiserichs Rolle als Reichsgründer durch die translatio imperii und zu Geiserichs raffinierter Außenpolitik mit Blick auf die vermögensrechtlichen Bindungen. Ein gut strukturiertes Zwischenfazit über den wichtigsten aller Vandalenkönige beschließt dieses Kapitel. Robertos Analyse beschränkt sich aber nicht ausschließlich auf die Vandalen, sondern befasst sich auch gründlich mit dem Niedergang des Weströmischen Reichs, mit dem klaren - und nachvollziehbaren - Ziel, die zwei Phänomene miteinander zu verbinden.

Die Beschreibung des Regimes von Hunerich stellt für Roberto die Möglichkeit dar, die Frage der vandalischen Identität im sechsten Kapitel (149-195) zu behandeln. Nach einer erforderlichen sowie deutlichen Erläuterung der politischen und wirtschaftlichen Arbeitsweise des vandalischen Königsreichs fokussiert er sich auf die "identità evanescente" der Vandalen, die aufgrund einer permanenten Ethnogenese schwach erscheint sowie durch einen Assimilationsprozess an die römischen Provinzialkultur zu kennzeichnen ist. Eine Folge solcher Identität war laut Roberto eine beabsichtigte Isolationsstrategie, die den Fortbestand als Herrscher Afrikas bezweckte, aber zu einer von Konflikten und Teilung geprägten Gesellschaft führte. Hier spricht der Verfasser zum ersten Mal von der gescheiterten Integration ("integrazione fallita", 170), nämlich der Formulierung, die sich schon im Titel findet. Von großer Bedeutung diesbezüglich sind das demographische Problem und die religiöse Spaltung zwischen Katholiken und Arianern, der sich der letzte Teil dieses Kapitels mit Hunerichs Religionspolitik und den damit verbundenen Verfolgungen widmet.

Im siebten Kapitel (203-216) umreißt Roberto die Zeit von Gunthamund und Thrasamund, indem er die Pläne dieser Könige gegen den anlaufenden Niedergang der vandalischen Hegemonie im Mittelmeerraum erklärt. Ein Exkurs über den Stand der kulturellen Identität der Vandalen erlaubt dem Autor, das Manko einer vandalischen Historiographie zu akzentuieren: Eine Geschichte der Vandalen aus vandalischer Sicht fehlt, was deren vollständige Rekonstruktion unweigerlich zum Scheitern verurteilt.

Im achten Kapitel (217-226) stellt Roberto die letzten zwei Vandalenkönige gegenüber: Aufgrund seiner Zugehörigkeit zur theodosianischen Kaiserdynastie erwies sich Hilderich als ein untypischer Souverän, indem er eine prorömische und -katholische Politik verfolgte; Gelimer, wohl auch im Gegensatz zu seinem Vorgänger, verschärfte die traditionelle antirömische und proarianische Politik. Das Kapitel endet mit der Vorstellung des Justinian und dessen Einstellung zur Politik Gelimers.

Daran schließt sich das neunte Kapitel (227-253) an, in dem Roberto sich mit dem Ende des vandalischen Reichs auseinandersetzt. Der Krieg zwischen Vandalen und Byzantinern wird in Gänze diskutiert: die Zweifel am konstantinopolitanischen Hof über die Vorbereitung, die entscheidenden Schlachten, der Sieg Belisars, die Konsequenzen des Übergangs der afrikanischen Territorien ins politisch-ökonomische System des byzantinischen Reichs. Laut Roberto ist die "percezione provvidenzialistica" der Vandalen für das eigene Reich auch bei dessen Niedergang wahrnehmbar (40).

Ein Schlusskapitel (255-263) über die Rezeption der Vandalen in den späteren Jahrhunderten bis zur heutigen Forschung und ein kurzes und vielsagendes Fazit (265-267), in dem die Grundlagen der vandalischen Geschichte - nämlich eine fragile Identität und der religiöse Konflikt - explizit erwähnt werden, runden Robertos Untersuchung ab. Den Text ergänzen elf Abbildungen (196-201), eine kurze Chronologie (329-330), die Bibliographie (331-351), eine Namensliste (353-357) und eine Ortsliste (359-362). [4]

Trotz der Ankündigung des Verfassers in seinem Vorwort, seine Arbeit solle nur als Überblick gemeint sein, ist das vorliegende Buch eine vollständige, hervorragende Behandlung der Geschichte der Vandalen. Die Struktur der einzelnen Kapitel in sehr kurzen Unterabsätzen sowie der bündige Schreibstil erleichtern die Lektüre insofern, als dieses Buch auch für ein Publikum ohne Kenntnisse der Spätantike nutzbar ist. Dem Inhalt mangelt es trotzdem nicht an Qualität und Akkuratesse: Paradigmatisch sind die umfangreichen Anmerkungen, die einerseits die antiken Quellen zitieren und kompetent kommentieren, andererseits weitere Vertiefungen bieten. Die Erwartungen der "scientific community" sehen sich also ebenso erfüllt. Robertos Publikation ist in den Kreis der grundlegenden Werke über die Vandalen aufzunehmen und neben Castritius, Merrills - Miles, Modéran, Vössing und Steinacher zu stellen. [5]


Anmerkungen:

[1] Claudianus. De bello Gothico 278-281; 363-365; 401-403; 415.

[2] Y. Modéran: Les Vandales et l'Empire romain, Arles 2014; R. Selvaggi: Erfolgreiche Vertragskonzepte oder foedera incerta? Die weströmische Außenpolitik des 5. Jahrhunderts im Spiegel der römisch-germanischen Vereinbarungen, Hamburg 2020, 36-39.

[3] Für die Annahme beider Verträge als amicitiae und folglich lediglich als Etappen im Entstehungsprozess eines souveränen Staates der Vandalen vgl. R. Selvaggi: Erfolgreiche Vertragskonzepte oder foedera incerta? Die weströmische Außenpolitik des 5. Jahrhunderts im Spiegel der römisch-germanischen Vereinbarungen, Hamburg 2020, 61-69 und 211-214.

[4] In dem umfangreichen Literaturverzeichnis verwundert das Fehlen folgender Publikationen, insbesondere für die Analyse der Beziehungen der Vandalen zu Sueben und Westgoten: Pablo C. Díaz: El reino suevo (411-585), Madrid 2011; C. Delaplace: La fin de l'Empire romain d'Occident: Rome et les Wisigoths de 382 à 531, Rennes 2015.

[5] H. Castritius: Die Vandalen. Etappen einer Spurensuche, Stuttgart 2007; A. Merrils / R. Miles: The Vandals, Chichester 2010; Y. Modéran: Les Vandales et l'Empire romain, Arles 2014; K. Vössing: Das Königreich der Vandalen: Geiserichs Herrschaft und das Imperium Romanum, Darmstadt 2014; R. Steinacher: Die Vandalen: Aufstieg und Fall eines Barbarenreichs, Stuttgart 2016.

Rocco Selvaggi