Rezension über:

Cordula A. Franzke (Hg.): Schuldbücher und Rechnungen der Großschäffer und Lieger des Deutschen Ordens in Preußen. Band 4: Liegerbücher der Großschäfferei Königsberg (Ordensfolianten 150-152 und Zusatzmaterial) (= Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte. Neue Folge; Bd. LIX, 4), Berlin: Duncker & Humblot 2018, XVI + 745 S., ISBN 978-3-428-15251-3, EUR 99,90
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Marcus Wüst
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Marcus Wüst: Rezension von: Cordula A. Franzke (Hg.): Schuldbücher und Rechnungen der Großschäffer und Lieger des Deutschen Ordens in Preußen. Band 4: Liegerbücher der Großschäfferei Königsberg (Ordensfolianten 150-152 und Zusatzmaterial), Berlin: Duncker & Humblot 2018, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 7/8 [15.07.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/07/36079.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Cordula A. Franzke (Hg.): Schuldbücher und Rechnungen der Großschäffer und Lieger des Deutschen Ordens in Preußen

Textgröße: A A A

Der mittelalterliche Deutschordensstaat an der Ostsee bedurfte, aufgrund seiner komplexen Struktur und der Bedürfnisse der Ordensritter, Finanzmittel und Güter, die durch bloßen Binnenhandel, Subsistenzwirtschaft und Eigenproduktion in Preußen nicht zu erwirtschaften waren. Der Deutsche Orden nahm über die Schäffer (Ordensmitglieder, die umfänglichen Handel zur Versorgung der Konvente trieben) und Lieger (vom Orden beauftragte, selbständige Handelsleute in verschiedenen Städten, nachweisbar von 1356 bis 1451) am profitablen Handelssystem der Hanse teil, welches ihm Einnahmen, Wirtschaftsmacht und den Zugang zu Handelsgütern sicherte, ihn aber auch zum Konkurrenten für andere Kaufleute im Preußenland werden ließ. Die wichtigsten Städte des Ordenslandes (z.B. Danzig, Elbing, Königsberg und Thorn) waren ohnehin Mitglieder der Hanse - die Ordenskorporation selbst nicht. Die Großschäffer von Marienburg und Königsberg zeichneten für den Getreide- und Bernsteinexport verantwortlich, importierten flandrische und englische Tuche und trieben sehr umfangreichen weiteren Handel und auch Reederei.

Die hieraus entstandene pragmatische Schriftlichkeit, die nicht vollständig überliefert ist (15, 147), also Rechnungen, Schuldaufzeichnungen, Inventare usw., wurde in den sogenannten Ordensfolianten (GStA PK, XX. HA Hist. StA Königsberg, OF 141-155) zusammengefasst. Den Kern der vierbändigen Edition bilden diese Schuldbücher und Rechnungen aus dem Zeitraum 1391-1436 sowie Zusatzmaterialien, die teilweise schon an anderer Stelle ediert worden sind.

Die Wirtschaftsführung des Deutschen Ordens hat die Wissenschaft schon länger beschäftigt. Bedeutende Editionen sind etwa von G. Carl Sattler, Peter Thielen oder Stuart Jenks vorgelegt worden. Gerade Sattlers Edition der wichtigen Schuld- und Rechnungsbücher der Großschäffereien entspricht jedoch wegen ihrer erheblichen Selektivität nicht mehr modernen wissenschaftlichen Ansprüchen.

Jürgen Sarnowsky hat mit seiner Habilitationsschrift und daran anschließenden Arbeiten die Erforschung der Wirtschaft im mittelalterlichen Ordensstaat wieder stark angeregt. Dazu zählt auch die hier zu besprechende Edition, die mit dem vorgelegten vierten Band ihren Abschluss gefunden hat. Sie beruht auf der an der Universität Hamburg vorgelegten Dissertation von Cordula Franzke.

Der Band gliedert sich in eine Untersuchung zu den Liegern des Deutschen Ordens (1-153) und die Edition der Liegerbücher der Großschäfferei Königsberg aus den OF 150-152 mit einer ausführlichen Beschreibung derselben sowie Zusatzmaterial (155-696). Hiernach folgen ein Glossar von Handelsbegriffen sowie Register der Personen, Ämter und Berufe, Handelswaren und Sachbezeichnungen, Orte sowie Währungen und Gewichte. Beigefügt ist eine lose Karte mit einer Zeitleiste zu den Liegern von 1356 bis 1451.

Nach grundsätzlichen Feststellungen und Ausführungen zu der Bedeutung der flandrischen Handelsstadt Brügge, dem Währungssystem und seinen Wandlungen, dem Liegeramt, der Rolle der Schriftlichkeit und den Ausbildungsvoraussetzungen der Lieger (23-95) stellt Franzke die relativ wenigen Informationen über die Lieger des Ordens in Brügge Johannes Plige (1391-1399) und Andreas Koyan (1419-1435/36) zusammen. Nur deren Liegerbücher sind überhaupt überliefert. Beide Lieger waren sowohl für den Deutschen Orden als auch im privaten Eigenhandel tätig. Resümierend hebt Franzke die besondere Bedeutung der nachweisbaren 57 Lieger für den Orden hervor, die sich in der Vereidigung auf den Hochmeister, der verordneten Schriftlichkeit und durch das Handelsvolumen zeige. Es folgt die Edition der Liegerbücher sowie von Zusatzmaterial, welche - wie bereits gesagt - durch ein ausführliches Register erschlossen ist. Die Edition bietet durch die Register, über die kurz referierten Inhalte hinaus, eine Fundgrube für viele weitere Fragen zum Beispiel der Namenforschung, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Seefahrtsgeschichte, Prosopografie und Kulturtransferforschung, oder auch für Forschungen zu einer Vielzahl von Handelsgütern. Alle vier Bände bieten außerdem implizit eine hervorragende Bibliografie, auch für abseitig edierte Stücke und Literatur, zur Wirtschaftsgeschichte des Deutschen Ordens und des Ordenslandes.

Der vierte Band gewährt, zusammen mit den drei zuvor erschienenen Editionsbänden, reichen Einblick in personale Netzwerke, den Warenverkehr im hansischen Wirtschaftsbereich und die kapitalintensive und europaweite Handelstätigkeit des Deutschen Ordens, die dem preußischen Landesherrn einen hohen Lebensstandard, aber auch die Finanzierung von Kriegszügen und Gesandtschaften ermöglichte.

Außerdem eröffnet das Werk gute Ansätze und Impulse für eine weitere Erforschung der Tätigkeit der Lieger im Deutschen Orden. Mit der handwerklich sehr guten Edition dieser wertvollen und auf weite Strecken für die ostmitteleuropäische und mittelalterliche Wirtschaftsgeschichte einmaligen Quellen sind für die nächsten Jahrzehnte Maßstäbe als Standardwerk für die Forschung gesetzt.

Marcus Wüst