Rezension über:

Michael R. Jackson Bonner: The Last Empire of Iran (= Gorgias Handbooks), Piscataway: Gorgias Press LLC 2020, 404 S., 2 Kt., ISBN 978-1-4632-0616-1, USD 72,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Tino Shahin
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universit├Ąt, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Tino Shahin: Rezension von: Michael R. Jackson Bonner: The Last Empire of Iran, Piscataway: Gorgias Press LLC 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 9 [15.09.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/09/34479.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Michael R. Jackson Bonner: The Last Empire of Iran

Textgröße: A A A

Die alte Welt ist in Vorderasien etwas älter geworden als in Europa. In Bezug auf das West- und Oströmische Reich sind Traditionsbrüche etwa in der Absetzung des Kaisers Romulus Augustulus (476) und der Schließung der Platonischen Akademie in Athen (529) zu erkennen. Deswegen gilt der Zeitraum um 500 allgemein als Übergangsphase von der Antike zum Mittelalter. Auf den vorderasiatischen Raum ist diese Chronologie nicht zu übertragen. Dort brachte erst die islamische Expansion im 7. Jahrhundert wesentliche Veränderungen in Herrschaft, Ideologie, Verwaltung und Sprache. Die Schlachten von Qādisīya (636?) und Nehāvand (641?) waren einschneidende Ereignisse, die zum Untergang des Sāsānidenreiches führten. Nachdem die Könige (und beiden Königinnen) der persischen Dynastie über vier Jahrhunderte beansprucht hatten, über Iran und Nicht-Iran zu herrschen, starben ihre letzten Vertreter auf der Flucht bzw. im Exil.

Der langen Herrschaft der Sāsāniden widmet Michael R. Jackson Bonner sein Handbuch "The Last Empire of Iran". Dabei betrachtet er den Zeitraum zwischen der Machtübernahme Ardašīrs I. im Jahr 224 auf den Boden des alten Partherreiches und der Tötung von Yazdgerd III. (651?). Der Autor konzentriert sich auf die politische Geschichte und richtet sich nach eigenen Angaben an eine breitere, aber belesene Leserschaft ("a more general, but learned, audience" 4).

Insgesamt hat sich der Forschungsstand zum vorislamischen Iran in den letzten Jahren deutlich verbessert. Bonner selbst hatte sich bereits im Rahmen seiner Dissertation über das Geschichtswerk Dīnawarīs [1] und einiger Aufsätze mit den Sāsāniden beschäftigt. Mit den religiösen Verhältnissen unter sāsānidischer Herrschaft setzte sich R. Payne auseinander. [2] Zu neuen Erkenntnissen hat insbesondere die von Llewellyn-Jones herausgegebene Reihe "Edinburgh Studies in Ancient Persia" beigetragen. Diese umfasst etwa Rezakhanis Werk zur Transformation des iranischen Ostens [3] und Sauers Sammelband zu den Einflüssen der Sāsāniden auf ihre Umwelt. [4]

Eher gering ist nach wie vor die Zahl der Monografien, die sich ausschließlich mit der politischen Geschichte der Sāsāniden beschäftigen. Dies hängt nicht zuletzt mit der schwierigen Frage zusammen, wie eine solche Gesamtdarstellung sinnvoll zu gliedern ist. Anders als in der politischen Geschichte der Römer mit ihren Systemtransformationen und Dynastiewechseln gab es keine so prägenden Strukturveränderungen, nach denen sich ein Werk über die Sāsāniden schlüssig einteilen ließe. Ebenso wenig sind in Kunst und Kultur grundlegende Zäsuren nachzuweisen, die wie im griechischen Raum eine historische Ordnung ermöglichen. Wie ist die Geschichte einer Dynastie mit mehr als 30 Monarchen zu strukturieren, denen die Quellen in sehr unterschiedlichem Maße Aufmerksamkeit schenken, da einige mehr und andere weniger wirkmächtig gewesen sein sollen? Bonner entschied sich, sein Handbuch in 11 Kapitel inklusive Einleitung einzuteilen, deren Titel entweder wie im Fall "From Shapur I to Shapur II" personenbezogen sind oder wie in "Triumph and Tribulation" eine analytische Frage zu einer historischen Phase aufwerfen. Er teilt vier Jahrhunderte sāsānidische Geschichte in ausgewogene Kapitel, obgleich nicht aus jedem Titel sofort hervorgeht, welchen Zeitraum er in den Blick nimmt.

Die größte Herausforderung für eine Gesamtdarstellung über die sāsānidische Geschichte ist die hohe Zahl an Quellen, die sich in Bezug auf Gattung, Sprache und Kontext teils deutlich voneinander unterscheiden. Neben den Zeugnissen, die wesentlich von einer sāsānidischen Perspektive geprägt sind (Königsinschriften, islamische Geschichtswerke und Firdausīs Šāhnāme), hat Bonner auf die Werke römischer, syrischer und armenischer Autoren zurückgegriffen, sowie auf chinesische Zeugnisse in Übersetzung.

In den zahlreichen Fußnoten weist der Autor auf wichtige Forschungskontroversen hin und positioniert sich auch in vielen Streitfragen. So übersetzt er etwa die Titulatur Šāpurs I. mit "King of kings of the Aryans and non-Aryans" (65) und meint, dass der Machthaber sich auf Gebiet bezog, das er von den Römern erobert hatte. An anderer Stelle legt Bonner sich darauf fest, dass es unter Šāpur II. eine Christenverfolgung gegeben habe, und widerspricht damit einer jüngeren Forschungsthese (72).

Am Ende des Werks fragt der Autor nach den wesentlichen Faktoren, die zum Untergang des Sāsānidenreiches führten (341-347). Er legt prägnant dar, dass die persische Herrschaft insbesondere durch die Jahrzehnte andauernden Konflikte mit dem Oströmischen Reich geschwächt war, die Sāsāniden nachhaltig an Prestige eingebüßt hatten, die arabischen Stämme nicht als existenzielle Bedrohung des Reiches wahrgenommen wurden und das politische Zentrum Ktesiphon schnell erobert wurde.

Bonner legt mit "The Last Empire of Iran" ein historisch umfassendes Überblickswerk vor, in dem er die sāsānidische Geschichte grundlegend darstellt. Dadurch kann er Diskussionen über komplexe Zusammenhänge und strittige Einzelfragen an vielen Stellen nur anreißen. Die Fragestellung nach politischer Geschichte kann dazu verleiten, die Sichtweise von Quellen zu reproduzieren, die vornehmlich Herrscher betrachten und bewerten. Bonner ist es aber gelungen, eine kritische Distanz zu seinen Überlieferungen beizubehalten. Eine tabellarische Chronologie hätte das Handbuch sinnvoll ergänzt, zumal Bonner sich für einige Datierungen entscheidet, die in der Forschung umstritten sind. Die Sprache des Autors ist ausgeschmückt, sein Stil unterhaltsam. Beides wird das breite Publikum, an das er sich vornehmlich wendet, freuen. Der engere Forscherkreis, der sich mit den Sāsāniden und der Spätantike beschäftigt, kann die historische Gesamtdarstellung als nützliches Hilfsmittel gebrauchen.


Anmerkungen:

[1] Michael Richard / Jackson Bonner: Al-Dīnawarī's Kitāb al-aḫbār al-Ṭiwāl: An Historiographical study of Sasanian Iran, Paris 2016.

[2] Richard E. Payne: A State of Mixture. Christians, Zoroastrians, and Iranian Political Culture in Late Antiquity, Oakland 2015.

[3] Khodadad Rezakhani: ReOrienting the Sasanians. East Iran in Late Antiquity, Edinburgh 2017.

[4] Eberhard W. Sauer (ed.): Sasanian Persia. Between Rome and the Steppes of Eurasia, Edinburgh 2017.

Tino Shahin