sehepunkte 22 (2022), Nr. 1

Sina Rauschenbach (ed.): Sephardim and Ashkenazim

Zu einer der frühen Entscheidungen von Wissenschaftler*innen, die zu jüdischer Religion, Geschichte oder Literatur arbeiten, gehört es häufig, sich für einen geographischen Raum und damit auch zwischen Forschungen zu sephardischen oder aschkenasischen Juden zu entscheiden. Schon die Anforderungen an Sprachkenntnisse lassen oft nur nähere Beschäftigung mit einer der beiden Untergruppen des europäischen Judentums zu, auch wenn es immer wieder Ausnahmen wie Carsten Wilke oder Sarah Abrevaya Stein gibt, die zu beiden Gruppen intensiv gearbeitet haben. [1] Dies ist oft umso überraschender für Orte, an denen beide Gruppen eng zusammenlebten, wie in Amsterdam, Hamburg oder London.

Der vorliegende Sammelband ist ein Versuch, die Geschichte von Sephardim und Aschkenasim im Europa der Frühen Neuzeit wieder stärker zusammen zu denken und zu schreiben. In ihrer Einleitung zum Sammelband gibt Sina Rauschenbach einen kurzen Überblick über die relevante Historiographie, vor allem Arbeiten, die die Herausbildung aschkenasischer und sephardischer Identität(en) und deren Berührungspunkte bisher in den Blick genommen haben. Ziel des Bandes ist es, anhand einzelner Fallstudien aufzuzeigen, welche neuen Perspektiven vergleichende Ansätze oder die entangled history für die Untersuchung sephardisch-aschkenasischer Beziehungen in der Frühen Neuzeit bieten können.

Besonders hervorzuheben in diesem Band ist der Beitrag von Jonathan Ray, Ashkenazim and Sephardim before (and after) the Modern Age, der vor allem die Herausbildung des Narrativs einer ethnischen Spaltung der jüdischen Gemeinschaft in Aschkenasim und Sephardim herausarbeitet und eine solche Trennung zumindest für die Zeit vor dem 17. Jahrhundert in Frage stellt und dagegen vor allem auf die Bedeutung lokaler Zugehörigkeiten, auch im Bereich halachischer (religionsgesetzlicher) Entscheidungen, hinweist. Eine wirkliche Herausbildung ethnischer Zugehörigkeit sieht er erst im Laufe der Frühen Neuzeit.

Die folgenden Beiträge lassen sich grob in drei methodische bzw. thematische Gruppen unterteilen, einmal einen Zugang über Fragen materieller Kultur, zweitens eine religionsgeschichtliche Perspektive und drittens Beiträge, die konkrete Kontaktzonen in den Blick nehmen. Katrin Kogman-Appel beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit bildlichen Darstellungen in spätmittelalterlichen aschkenasischen Haggadot (Handlungsanweisungen für den Pessach-Abend). Anhand des Schreibers und Illuminators Joel ben Simoen (geb. um 1420) aus dem Rheinland zeigt der reich bebilderte Beitrag, dass auch zu dieser Zeit die Möglichkeit bestand, sich im aschkenasischen Raum, v.a. in Italien, mit sephardischer Manuskriptkultur und den dort verwendeten Illustrationen vertraut zu machen. Ein anderes Beispiel visueller Kultur beleuchtet Rafael D. Arnold in seinem Beitrag zu aschkenasischen und sephardischen Grabsteinen im frühneuzeitlichen Venedig. Er weist dabei der Gestaltung dieser Grabsteine und den entsprechenden testamentarischen Festlegungen eine wichtige Rolle in der Herausbildung von Gruppenidentitäten in Venedig zu. Beide Beiträge betonen damit auch die Bedeutung Italiens als frühneuzeitliche Kontaktzone zwischen sephardischer und aschkenasischer Kultur.

Einen religionsgeschichtlichen Zugang wählen Moti Benmelech, Tirza Kelman und Jonathan Schorsch. Benmelech diskutiert in seinem Beitrag den Einfluss messianischer Bewegungen auf die Herausbildung und Festigung sephardischer und aschkenasischer Identitäten und die unterschiedlichen Haltungen beider Gruppen zum Messianismus. Dabei waren es im frühen 16. Jahrhundert vor allem Aschkenasim, die in messianische Bewegungen involviert waren, während Sephardim ihnen oft feindlich gegenüberstanden. Trotz der Verfestigung der Gruppenidentitäten löste sich die ablehnende Haltung der Sephardim jedoch mit dem Sabbatianismus im 17. Jahrhundert auf.

Tirza Kelman analysiert in ihrem Beitrag den Gebrauch aschkenasischer halachischer Arbeiten in dem Gesetzeswerk Beit Yosef des sephardischen Rabbiners Joseph Karo. In seinem, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts verfassten Werk, so Kelmans These, nutze er zwar weniger Werke aschkenasischer Autoren, was aber vor allem mit deren Zugänglichkeit für Karo zu begründen sei. Wenn möglich minimierte er die Unterschiede zwischen verschiedenen geographischen Regionen, auch wenn er strikt einer sephardischen Methodologie folgte. In einem dritten Fallbeispiel beschäftigt sich Jonathan Schorsch mit der gemeinsamen Buchproduktion von Sephardim und Aschkenasim in Amsterdam anhand des kabbalistischen Werkes Sefer Raziel ha-Malakh, das erstmals 1701 in Amsterdam gedruckt wurde. Gerade im Bereich des Buchdrucks, betont Schorsch, habe es eine enge Zusammenarbeit zwischen Aschkenasim und Sephardim gegeben, die die Grenzen der Gemeindeorganisation häufig und deutlich überschritt. Wie in Kelmans Beitrag waren es Kabbalah und Sabbatianismus, die die Bedeutung ethnischer Unterschiede verringerten oder Kooperationen zuließen, obwohl auch diese Beiträge die Herausbildung von ethnischen Zugehörigkeiten im Verlauf der Frühen Neuzeit verdeutlichen.

Drei weitere Beiträge nehmen spezifische Kontaktzonen und Aktivitäten außerhalb der religiösen Sphäre in den Blick. Tirtsah Levie Bernfeld geht in ihrem Beitrag den Bemühungen der Amsterdamer Sephardim im 17. Jahrhundert nach, jüdische Gefangene freizukaufen, und nimmt mit Amsterdam eine der wichtigsten Kontaktzonen in den Blick. Gerade der Freikauf von Gefangenen erforderte eine enge Kooperation zwischen Sephardim und Aschkenasim, obwohl, so Bernfeld, die Amsterdamer Portugiesische Gemeinde ihren Glaubensgenossen von der iberischen Halbinsel durchaus den Vorzug gab. Dies stärkte gleichzeitig die Verbindungen zwischen verschiedenen sephardischen Gemeinden. Gleichzeitig war es der Freikauf von Gefangenen und die Unterstützung der aschkenasischen Gemeinden in Mittel- und Ostmitteleuropa im 17. Jahrhundert, die eine Wohltätigkeit über die Grenzen der eigenen ethnischen Gemeinschaft hinaus unterstrich, wie kürzlich auch Adam Teller ausführlich gezeigt hat. [2]

Die letzten beiden Beiträge geben einen Ausblick ins 19. Jahrhundert. Am Beispiel Wiens widmet sich Martin Stechauer einer eher unbekannten Kontaktzone zwischen Aschkenasim und Sephardim und folgt der zunehmenden Akkulturation der sephardischen Juden aus dem Osmanischen Reich, die sich als doppelte Minderheit letztendlich darum bemühten, sich ihrer jüdischen und nicht-jüdischen Umwelt anzupassen, selbst wenn sie unter bestimmten Bedingungen auch ihre Bindungen zum Osmanischen Reich betonten. Abschließend widmet sich Carsten Schapkow am Beispiel des zionistischen Denkers Max Nordau der rückblickenden Wahrnehmung des sephardischen Judentums durch die neue politische Bewegung zum Ende des 19. Jahrhunderts. Anders als die positive Wahrnehmung der Sephardim durch die Wissenschaft des Judentums, die schon häufig behandelt wurde, kritisierte Nordau vor allem die (vermeintliche) Assimilation des Judentums auf der iberischen Halbinsel, die er als Zionist ablehnte.

Insgesamt bietet der Band interessante Beispiele für die Verflochtenheit (entangled history) aschkenasischer und sephardischer Gemeinden und Individuen in ganz Europa, auch wenn bestimmte Themengebiete, vor allem Religion, stärker beleuchtet werden als andere, wie wirtschaftliches Handeln oder Alltagspraktiken. Der Band regt dazu an, sowohl der gemeinsamen Geschichte als auch der Verfestigung getrennter Identitäten beider ethnischer Subgruppen nachzugehen. Wichtig ist der Befund, dass nicht nur von einer Auseinanderentwicklung der ethnischen Gruppen in der Frühen Neuzeit gesprochen werden kann, sondern es in bestimmten Lebensbereichen gleichzeitig zu Annäherungen und Kooperationen kam.


Anmerkungen:

[1] Siehe Sarah Abreveya Stein: Making Jews Modern. The Yiddish and Ladino Press in the Russian and Ottoman Empires, Bloomington 2004; Carsten Wilke: Sephardi and Ashkenazi Conceptions of World History: From Gedaliah ibn Yahya to David Gans, in: Judaica Bohemiae 51,1 (2016), 111-126.

[2] Adam Teller: Rescue the Surviving Souls. The Great Jewish Refugee Crisis of the Seventeenth Century, Princeton 2020.

Rezension über:

Sina Rauschenbach (ed.): Sephardim and Ashkenazim. Jewish-Jewish Encounters in History and Literature (= Europäisch-jüdische Studien. Beiträge; Vol. 18), Berlin: de Gruyter 2020, VI + 269 S., 14 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-069530-4, EUR 119,95

Rezension von:
Cornelia Aust
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld
Empfohlene Zitierweise:
Cornelia Aust: Rezension von: Sina Rauschenbach (ed.): Sephardim and Ashkenazim. Jewish-Jewish Encounters in History and Literature, Berlin: de Gruyter 2020, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 1 [15.01.2022], URL: http://www.sehepunkte.de/2022/01/36067.html


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