sehepunkte 13 (2013), Nr. 9

Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagorean

Leonid Zhmud, Autor von Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, hat später zu Eudemos von Rhodos und zur antiken Historiographie geforscht [1] und hat eine Deutung von Pythagoras und vom Pythagoreismus ausgearbeitet, die deren wissenschaftliche und rationale Aspekte betont. Gegenstand dieser Rezension ist eine überarbeitete und erweiterte, aus dem Russischen übersetzte Version des Buches von 1997. In 12 Kapiteln, die mehr als 400 dichte Seiten lang sind, werden erstens die älteste Überlieferung von Pythagoras (Kap. 1), dann sein Lebenslauf (Kap. 2), danach die Prosopographie und die Chronologie der Pythagoreer (Kap. 3), die Natur der von Pythagoras gegründeten Gemeinschaft (Kap. 4), die Überlieferung über die mathematikoi und die akousmatikoi (Kap. 5) und die religiösen Aspekte des Pythagoreismus sowie der Metempsychose (Kap. 6) diskutiert. Die Kapitel 7-10 behandeln die Mathematik (7), die Harmonie und die Akustik (8), die Astronomie (9) und die Medizin (10). Die letzten Kapitel befassen sich mit der pythagoreischen Auffassung der Seele und der Zahl in Bezug auf die Positionen von Platon und der Akademie sowie von Aristoteles und der Peripatetiker. Ein 15 Seiten langes Literaturverzeichnis, ein Index der antiken Namen und ein detaillierter Index der zitierten antiken Stellen ergänzen dieses engagierte und genauestens belegte Buch, das für ein sehr nützliches Nachschlage- und Arbeitsbuch zu halten ist.

Die Ziele dieser Studie werden in der Einführung genannt. Der Hauptzweck besteht darin, den Beitrag von Pythagoras zur Philosophie und zur Wissenschaft zu rekonstruieren. Dies wird als selbstverständlich, und nicht als ein kritischer Punkt der Deutung angesehen: Pythagoras wird in die Linie eingereiht, die von der ionischen Naturwissenschaft (insb. der Geometrie und der Astronomie) zur pythagoreischen Mathematik des 5.-4. Jahrhunderts führt. Pythagoras soll für diese die notwendige Voraussetzung gewesen sein, in einer dem Pythagoreismus absolut internen, evolutionistischen Logik.

Nach Zhmud gibt es keinen Grund dafür, die sagenhafte Überlieferung über Pythagoras für archaisch zu halten: diese Überlieferung wäre lediglich "religiöse Folklore" ohne direkten Zusammenhang mit dem Pythagorikos tropos tou biou. Im Allgemeinen sei eine künstliche "Archaisierung" der Vorsokratiker nicht berechtigt und die Modernisierung des archaischen Griechenland soll gar nicht verworfen werden. Mit A. Zajcev [2] hat Zhmud kein Problem, von einem "griechischen Wunder" zu sprechen. Ganz dem entsprechend ist er der Meinung, dass das Bild des Pythagoras als Philosoph und Wissenschaftler nicht von der Akademie ausgearbeitet wurde, sondern dass es auf eine zuverlässige, frühere Tradition fußt. Tatsächlich bezeugt für Zhmud die gesamte älteste Überlieferung über Pythagoras (insbesondere Herakleitos B 129, Ion von Chios B 4, Empedokles B 129) die intellektuelle Größe, die vielseitige Belesenheit, die umfangreichen wissenschaftlichen Kenntnisse, die kognitiven Fähigkeiten eines außerordentlichen Denkers. Eine Untersuchung der archaischen Semantik von sophía, historía, kakotechníe wird offensichtlich für nicht notwendig gehalten.

Aus der darauffolgenden Diskussion der Quellen über die pythagoreische Gemeinschaft schließt der Autor, dass dieser die geheimen und mündlichen Lehren, die Initiationsgrade, eine strenge Festlegung der Lebensregeln sowie die unbestrittene Autorität des Meisters fremd waren. Die Vermögensgemeinschaft solle eine Erfindung von Timaios von Tauromenion sein. Die pythagoreische Gemeinschaft war keine religiöse Bruderschaft und auch keine Sekte im soziologischen Sinne, sondern eine politische Vereinigung, deren Mitglieder Spitzenpersönlichkeiten waren. Es verbleibt aber die Frage der Prägnanz und Kontinuität der pythagoreischen Identität: eine Hetairie besteht nicht Jahrhunderte, Zhmud ist aber der Ansicht, dass "Pythagoreisch sein" so viel bedeutet wie die Grundsätze einer philosophischen Schule zu teilen. Folgerichtig existierte ein "akusmatischer" Pythagoreismus nicht: Die Symbola sollen zum ersten Mal erst von Iamblichos als akousmata bezeichnet worden sein, und nicht von Aristoteles, von dem Iamblichos jedoch abhängt, und sollen einfach "Sprüche", nicht Lebensregeln gewesen sein; sie wurden nie in die Praxis umgesetzt und die Pythagoristai sollen nur auf der athenischen Bühne existiert haben. Schließlich hätte Anaximander von Milet in seinem Werk "Über die pythagoreischen Symbole" einen pythagoreischen Ursprung volkstümlichen "Sprüchen" und Mottos zugewiesen.

Eine Folge der Beseitigung der religiösen und rituellen Aspekte des Pythagoreismus, die Zhmud verfolgt, ist auch eine eindeutige Abwertung der Lehre der Seelenwanderung, die Pythagoras vom Orphismus abgeleitet hätte, der nach Zhmud eine religiöse Bewegung war, die in der 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts auch in Magna Graecia völlig anerkannt war.

In dieser Konstruktion eines von Anfang an rationalistischen und wissenschaftlichen Pythagoreismus spielt die Mathematik von Pythagoras eine wichtige Rolle, aus der sich die Mathematik von Hippasos ableitet, der die Irrationalität von √ 2 entdeckt und bewiesen hätte, und jene von Archytas. "It is therefore quite natural to supppose" - schreibt Zhmud - "that these studies were founded by the founder of the school" (256). Das floruit des Hippasos wäre zwischen dem 6. und dem 5. Jahrhundert anzusetzen, aber die Überlieferung über die antipythagoreischen Aufstände nennt ihn (Iamblichos VP 257) in Bezug auf eine Krise, die nur jene Mitte des 5. Jahrhunderts sein kann, und nicht in Bezug auf den Aufstand Kylons am Ende des 6. Jahrhunderts, was Zhmud als selbstverständlich betrachtet (124). Nichts beweist, dass man den restlichen Zeugnissen chronographischen Wert zuweisen soll, trotz der Beobachtungen von Zhmud (130). Was die Entdeckung der irrationalen Zahlen anbelangt, bezieht Zhmud alle möglichen Zeugnisse, die anonym und widersprüchlich sind, auf Hippasos; auf jeden Fall ist die Quelle Nichomachos, und nichts erlaubt, auf Eudemos zurückzugehen. Umso weniger kann man ein Kompendium der pythagoreischen Mathematik postulieren, das die ersten vier Bücher von Euklids vorweggenommen hätte: Eine solche Schrift, die nach Tannery existierte, war vor dem späten 5. Jahrhundert nicht möglich. [3] Es bleibt also unwahrscheinlich, dass der "Satz des Pythagoras" vor Hippasos bewiesen worden sei, und aufgrund des Epigramms von Apollodoros von Kyzikos (Anthologia Palatina, 7 119), scheint es nicht vertretbar zu sein, dass Pythagoras ihn in der Form eines mathematischen Lehrsatzes kannte. Es bleibt zudem zweifelhaft, ob Eudemos dem Pythagoras die Entdeckung der ersten drei Verhältnisse zuschreibt (so Zhmud, 265-266), und das Fragment 23 Wehrli von Aristoxenos scheint nicht zu genügen, um Pythagoras eine Formulierung der Zahlentheorie zuzuweisen; die restlichen Zeugnisse des 4. Jahrhunderts, auf die Zhmud sehr besteht (257 ff.), beweisen sicher nicht, dass Pythagoras der Gründer der griechischen axiomatischen Mathematik ist.

Zhmuds Buch behandelt außerdem ausführlich die pythagoreische Musikwissenschaft, die pythagoreische Astronomie, die pythagoreische Medizin und eine wichtige Untersuchung der pythagoreischen Auffassung der Zahlenkunde nach den Lehren der platonischen Schule und des Aristoteles: Es ist hervorzuheben, dass nach Zhmud die pythagoreische Auffassung der gleichzeitig materiellen und mathematischen Natur der Zahl kein archaisches, typisch vorsokratisches Element ist, sondern eine Rekonstruktion des Aristoteles, der den Pythagoreern eine Lehre zuschreibt, die jene platonische des arithmos kechorismenos, der von der Wahrnehmungswelt "abgetrennten" Zahl, widerspricht.

Leonid Zhmud hat eine große Vielzahl von antiken Quellen und modernen Studien über Pythagoras und den Pythagoreismus gesammelt und diskutiert; aufgrund der Fülle an Informationen und der Vielfalt der untersuchten Literatur, stellt sein Buch das aktuellste und vollständigste heute verfügbare Arbeitsbuch über dieses Thema dar. Es handelt sich um ein wertvolles Arbeitsbuch. Der Leser soll sich aber bewusst sein, dass seine Ansichten radikal sind und Walter Burkerts Interpretation des Pythagoreismus widersprechen.

Inwieweit seine Interpretation des Pythagoreismus im Rahmen der griechischen archaischen Kultur zutreffend ist, ist eine historische und kulturelle Frage, die sich Zhmud anscheinend nicht stellt. Er ist der Auffassung, dass eine Rekonstruktion der kulturellen Erscheinung des Pythagoreismus auf Grund der Untersuchung der einzelnen Quellen möglich sei. Eine Untersuchung, die dazu neigt, die Quellen in einer skeptischen und modernisierenden Hinsicht abzuwerten, wenn es darum geht, die archaischen, religiös-kulturellen und mit der Weisheit zusammenhängenden Aspekte herunterzuspielen, und die Quellen hingegen buchstäblich deutet, wenn es darum geht, die wissenschaftlichen und rationalistischen Aspekte und deren Bedeutung stark zu betonen.

In einem Fall steht man dem Quellenmaterial sehr kritisch gegenüber, im anderen Fall betrachtet man rückblickend als Belege der Geschichte der Wissenschaft jene Quellen, die von Burkert in sehr unterschiedlicher Weise gedeutet wurden.


Anmerkungen:

[1] L. Zhmud: The Origin of the History of Science in Classical Antiquity, Berlin 2006.

[2] A. Zajcev: Das griechische Wunder: Die Entstehung der griechischen Zivilisation, Konstanz 1993.

[3] R. Netz: Eudemus of Rhodes, Hippocrates of Chios and the Earliest form of a Greek Mathematical Text, Centaurus, 46.4 (2004), 243-286.

Rezension über:

Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagorean. Translated from Russian by Kevin Windle and Rosh Ireland, Oxford: Oxford University Press 2012, XXIV + 500 S., ISBN 978-0-19-928931-8, GBP 95,00

Rezension von:
Maurizio Giangiulio
Trento
Empfohlene Zitierweise:
Maurizio Giangiulio: Rezension von: Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagorean. Translated from Russian by Kevin Windle and Rosh Ireland, Oxford: Oxford University Press 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: https://www.sehepunkte.de/2013/09/21826.html


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