sehepunkte 26 (2026), Nr. 1

Robert Jan van Pelt: The Barrack 1572-1914

"[...] schlechte Hütten für gemeine Soldaten." - so definiert Johann Christoph Adelung den Begriff 'Baracke' in seinem Grammatisch-kritischen Wörterbuch von 1793.[1] Die Herkunft des Wortes vermutet er im Arabischen. Von dort sei es über das Spanische ins Italienische und Französische diffundiert.

Zweihundert Jahre später ist der Eintrag 'Baracke' in Meyers Großem Konversations-Lexikon auf über zwei Seiten angewachsen. Neben Erläuterungen zu Herkunft und Gebrauch findet man auch den Eintrag Lazarett-, Hospital- und Krankenbaracke.[2]

In diesen Worten deuten sich bereits die Dimensionen des Themas an, das den niederländischen Architekturhistoriker Robert Jan van Pelt seit langer Zeit fasziniert: die Baracke als günstige, vielseitige und mobile Baugattung, die bis heute von der Architekturgeschichtsschreibung oftmals übersehen wurde. Van Pelt hat sich keine einfache Aufgabe gestellt, denn seine Untersuchungsgegenstände existieren heute weitestgehend nicht mehr. Dennoch handelt es sich um einen in ganz Europa und darüber hinaus verbreiteten, seit über 400 Jahren genutzten und immer wieder weiterentwickelten Bautypus. Bis heute wird die Baracke zur Unterbringung der Soldaten in Kriegszeiten eingesetzt - oder im Fall von Naturkatastrophen für temporäre Unterbringungen dringend benötigt.

In seinem Buch The Barrack, 1572-1914. Chapters in the History of Emergency Architecture geht van Pelt gleich zu Beginn auf ein sprachliches Missverständnis ein. In den meisten europäischen Sprachen steht 'Baracke' für einen behelfsmäßigen, temporär errichteten Bau. Nur im Anglo-Amerikanischen hat sich die Bedeutung in eine andere Richtung entwickelt: Heute verstehen die Briten unter dem Pluralwort 'Barracks' die stabilen, aus Stein errichteten festen Quartiere des Militärs. In anderen europäischen Sprachen hat sich dieser Typus wiederum eher unter dem Begriff 'Kaserne' etabliert.

Bisher interessierte das Thema eher in der Archäologie, Militärgeschichte oder den Ingenieurswissenschaften.[3] Oder es stand die zielgerichtete Entwicklung einzelner Kasernenanlagen vom Provisorium zum Steinbau im Vordergrund.[4] Van Pelt jedoch konzentriert sich gerade auf die ephemeren Strukturen, die durch die Jahrhunderte in Gebrauch waren. Die Baracken von Auschwitz haben in diesem Sinne wohl die furchtbarste Bedeutung erlangt, worüber van Pelt bereits publizierte.[5]

In seinem neuen Buch zeichnet van Pelt in zwölf thematischen Kapiteln die Geschichte des Barackenbaus von den ersten Anfängen Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Anfang des Ersten Weltkriegs nach. Der Untertitel ist dabei bewusst gewählt, weist der Autor doch gleich in seiner Einleitung darauf hin, dass er den ursprünglichen Plan, das Schreiben einer Monografie, erst einmal aufgegeben habe, weil sich das Thema hierfür als zu umfassend herausstellte (18-20). Die Beispiele stammen aus über zwei Dutzend Ländern, darunter neben Frankreich, Spanien, Deutschland und den Niederlanden auch England, Russland, Schweden, Luxemburg oder Österreich.[6] Jedes Kapitel hat im Durchschnitt 40 Seiten. Ausgestattet ist das Buch zudem mit über 290 Farbabbildungen und 58 schwarz-weiß Illustrationen, darunter Konstruktionszeichnungen, Fotografien, Drucke, Ansichten, Pläne, Gemälde, Traktate ebenso wie 20 eigens erstellte Isometrien von Meilensteinen in der Geschichte des Barackenbaus.

Das erste Kapitel deckt die Anfänge des Barackenbaus vom 16. bis zum 19. Jahrhundert ab (37-72). Dies war eine Zeit, in der sich das Militärwesen neu ordnete, Kriegstaktiken änderten und sich das Problem temporärer Behausungen neu stellte. En passant sehen wir die erste von van Pelt ausgemachte Illustration des Innern einer Baracke aus der Hand des Dänen Frederik Christian Lund 1850 zur Zeit der Schleswig-Holsteinischen Erhebung (37). Auch das den Untertitel kennzeichnende Jahr 1572 wird anhand einer Zeichnung erklärt: Das erste bekannte, strategisch errichtete Barackenlager stand vor Haarlem, als die Spanier die Stadt über sieben Monate lang belagerten. Das erste Kapitel endet mit Verweis auf den Krimkrieg 1853-1856. Diesem widmet van Pelt das ganze darauffolgende Kapitel 2 (77-109). Denn erst im 19. Jahrhundert mit seinen technischen Neuerungen kam es zu einer sprunghaften Entwicklung und zu systematischeren Darstellungen des Barackenbaus. Der Krimkrieg begann allerdings mit katastrophalen Fehlentscheidungen zur Unterbringung des britischen Heers, wie van Pelt anschaulich beschreibt. Infolge dessen kam es auch zu einer entscheidenden Reform des Lazarettbarackenbaus, in der neben anderen eine Frau, Florence Nightingale, eine zentrale Rolle bei der Bekanntmachung und Verbesserung der Krankenpflege spielte.

Geschickt webt der Autor Hintergrundinformationen zu politischen Interessenlagen, Kriegstaktiken und historischen Hintergründen eines Konflikts mit ein. Es ist dezidiert keine deskriptive, rein am Objekt orientierte Geschichte, sondern macht die jeweilige Entwicklung der Bauten im übergeordneten Kontext nachvollziehbar. Das Buch schreibt damit eine interkontinentale Architekturgeschichte, die größtenteils von Ingenieuren, Architekten, Generälen und Erfindern geprägt ist. Nur wenige Frauen nennt das Register am Schluss, dabei handelt es sich vor allem um sozial und politisch engagierte Autorinnen, Krankenpflegerinnen, Philanthropinnen. Dies reflektiert die wenigen Bereiche, in denen Frauen damals öffentlich hervortreten konnten.

Van Pelts Buch geht über eine Architekturhistoriografie weit hinaus: Er streift die Militärgeschichte, die Geschichte von Herrscherhäusern, ihren Koalitionen, Konflikten und Niederlagen, aber auch die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und die Geschichte der Krankenversorgung. Das Buch gibt einen tiefen Einblick in das Elend des täglichen Kriegsgeschäfts bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts und zeigt gleichzeitig die Medialisierung der Kriegsberichterstattung in der damaligen Presse auf.[7]

So bereichernd die Lektüre ist, so sehr schmerzen einige Unterlassungen des Autors. Es ist unklar, wie die zwölf Kapitel thematisch angeordnet sind, da die Überschriften zwar prägnante Zitate aufgreifen, aber dennoch nur sehr abstrakt etwas über die Themen der Kapitel verraten. Es wird deutlich, dass van Pelt seinen Untersuchungsgegenstand zwar lose chronologisch ordnet, aber innerhalb der Kapitel doch mit den Beispielen zeitlich und örtlich springt. Zudem nutzt er weder Zwischenüberschriften noch Schlagworte. Ebenso verzichtet er auf eine den Text strukturierende Metaebene innerhalb der Kapitel wie Vorankündigungen, Rück- oder Ausblicke oder ein Schlussresümee. Zwar gibt es am Ende einen hilfreichen Index aus Personen, Namen, teils Ereignissen, aber keinen Anhang mit Quellenverzeichnis, besuchten Archiven oder einer Übersicht über die von ihm verwendete Sekundärliteratur [8]. All diese Hintergrundinformationen müssen sich die Leserinnen und Leser selbst aus dem Text zusammenstellen, was die Orientierung erschwert.

Van Pelt versteht es ausgezeichnet, den Leserinnen und Lesern seine Passion für das Thema zu vermitteln. Seine Quellenfunde sind beeindruckend. Zudem ist das Buch flüssig und anregend geschrieben. Die dem Buch innewohnende Konzeption müssen sich die Leserinnen und Leser allerdings durch eigene Textarbeit selbst erschließen. Insofern bleibt zu wünschen, wie van Pelt es in seiner Einleitung selbst andeutet, dass das letzte Kapitel des Barackenbaus noch nicht geschrieben ist. Auf van Pelts weitere Veröffentlichungen zum Thema dürfen wir gespannt sein.


Anmerkungen:

[1] Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1, Leipzig 1793, 727-728, online abrufbar unter: http://www.zeno.org/Adelung-1793/A/Bar%C4%81ke,+die.

[2] Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 2, Leipzig 1905, 362-363, online abrufbar unter: http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Baracke. So zwei stichprobenartig in zwei deutschen Lexika von der Rezensentin ermittelte Begriffsdefinitionen.

[3] David Davison (1989): The barracks of the Roman Army from the 1st to 3rd centuries A.D. A comparative study of the barracks from fortresses, forts, and fortlets with an analysis of building types and construction, stabling, and garrisons, Oxford: Archaeopress Archaeology. https://www.archaeopress.com/Archaeopress/Products/9781784912246; James Phillips (1984): Bibliographic essays on the architecture of the ancient city of Rome: Public buildings: archives, barracks, and libraries, Monticello, Ill.: Vance Bibliographies (Architecture series; 1226); Nicholas A. Bill (2022): Mastering Timber, in: Construction History, 2022, Vol. 37, No. 1 (2022), 83-110.

[4] James Douet (1998): British barracks 1600-1914. Their architecture and role in society, London: Stationery Office (Themes in military architecture and archaeology series); Frank Oosterboer (2020): Kazernes in Nederland: van barak naar paviljoensysteem 1567-1914, Soesterberg: Uitgeverij Aspekt.

[5] Vgl. u.a. Anne Bordeleau / Robert Jan van Pelt / Sascha Hastings (2020): The Evidence Room, Toronto: University of Toronto Press; Robert Jan van Pelt / Luis Ferreiro / Miriam Greenbaum (eds.) (2019): Auschwitz: Not long ago. Not far away. Museum of Jewish Heritage, New York / London: Abbeville Press Publishers.

[6] Um nur zwei Beispiele zu nennen: Ejnar Berg (1981): Kaserner, baracker och hyddor: svenska soldatboningar under fyra århundraden, Stockholm: Armémuseum hos Almqvist & Wiksell international (Armémusei skrifter; 3); Paola Fabbri / Anna Fabbri / Massimiliano Righini: L'accampamento militare nella prima metà del XVI secolo. Negli affreschi di Giovanni Stradano a Palazzo Vecchio, in: Ars Historiae, Apr./Jun. 2007, 14-18, vgl. https://www.academia.edu/44640727/ Laccampamento_militare_nella_prima_met%C3%A0_del_XVI_secolo

[7] Anders jedoch als eine weitere, kürzlich erschienene Publikation über Lagerarchitektur enthält sich der Autor jeder Anwendung der Erkenntnisse auf die darauffolgende Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts, vgl. Antje Senarclens de Grancy (2025): Lager als Architektur. Kriegsflüchtlingslager der Habsburgermonarchie und Architektur der Moderne, Basel: Birkhäuser Verlag. https://directory.doabooks.org/handle/20.500.12854/147433

[8] Z.B. wäre eine Übersicht der von ihm herangezogenen Architekturtraktate hilfreich gewesen. Es sei dem Autor jedoch zugestanden, dass dies und eine Liste der besuchten Archive möglicherweise den Rahmen des Buches gesprengt hätten.

Rezension über:

Robert Jan van Pelt: The Barrack 1572-1914. Chapters in the History of Emergency Architecture, Zürich: Park Books 2024, 528 S., 290 Farb-, 58 s/w-Abb., ISBN 978-3-03860-365-8, CHF 49,00

Rezension von:
Anke Blümm
Max-Weber-Kolleg, Universität Erfurt
Empfohlene Zitierweise:
Anke Blümm: Rezension von: Robert Jan van Pelt: The Barrack 1572-1914. Chapters in the History of Emergency Architecture, Zürich: Park Books 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 1 [15.01.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/01/40152.html


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