Das Erscheinen dieser Edition zu besprechen, ist eine angenehme Aufgabe, besteht sie doch im Wesentlichen in der Empfehlung an die forschende Zunft, sich des umfangreichen Tagebuchs zu bedienen, das nun allgemein zugänglich ist. Aufgrund des Anschaffungspreises und der beanspruchten 23 Regalzentimeter kommt dafür wohl meist eine einschlägig sortierte Bibliothek in Frage. Es liegen fünf voluminöse Bände vor, die hauptsächlich den Tagebuchtext umfassen, der sich über gut drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts erstreckt. Außerdem wurden Stillfrieds autobiografische Notizen über den vorausgehenden Zeitabschnitt aufgenommen. Dem Ganzen voran stehen nicht weniger als 180 Seiten mit verschiedenen Einleitungen, und den Schluss bilden 300 Seiten mit Registern.
Rudolf von Stillfried-Rattonitz (1804-1882), seit 1861 Graf von Alcántara, gehörte zu den Prominenten des damaligen Preußen. Er fungierte als Hofcharge und Gesellschaftsgröße und war über die Grenzen Preußens hinaus als wissenschaftlich ambitionierter Intellektueller und Publizist bekannt. Dem aus dem schlesischen Hirschberg (Jelenia Góra) stammenden katholischen Adligen war der Weg an den preußischen Hof keinesfalls vorgezeichnet gewesen. 1830 war er mit dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm (später IV.) in Kontakt gekommen, was sich über die schlesische Nachbarschaft auf Schloss Fischbach (Karpniki) ergab, das sich im Besitz des Prinzen Wilhelm von Preußen (1783-1851) befand. Eine biografische Weichenstellung war es, als Stillfried 1833 nach Berlin ging und sich dort historiografischen Rechercheaufträgen Friedrich Wilhelms zur Dynastiegeschichte der Hohenzollern widmete. Damit teilten die beiden Männer ein Projekt miteinander, das für das Legitimationsdenken der preußischen Monarchie immer größere Bedeutung erlangen sollte. Gerade Stillfrieds Neuanfang in Berlin fällt leider in die chronologische Lücke zwischen den autobiografischen Notizen (bis 1833) und den Tagebuchaufzeichnungen (ab 1849). Aus demselben Grund bleibt auch der Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. 1840 ausgespart.
Stillfrieds Verbindung zum preußischen Hof hielt jedenfalls für den Rest seines Lebens. Ihre Ausprägung unterlag den Konjunkturen, die vor allem durch die Person des jeweiligen Monarchen bestimmt wurde. Stillfried stimmte mit den historistischen Auffassungen Friedrich Wilhelms so weitgehend überein, dass er der ideale Partner für den Monarchen war, um dessen bezügliche Projekte voranzutreiben und umzusetzen. Im Gleichklang damit machte er nicht nur Karriere bei Hof, sondern prägte diesen wiederum auch selbst für Jahrzehnte. Stillfried avancierte zum Oberzeremonienmeister, zum Direktor des seit 1848 gebildeten Königlichen Hausarchivs und zum Leiter des 1855 eingerichteten Berliner Heroldsamtes. Die Neugestaltung der Staatswappen war ebenso seine Sache wie die Wiederaufbauprojekte der Burg Hohenzollern sowie der Hohenzollern-Grablegen Heilsbronn und Petersberg, wobei er teils sogar federführend war. Als Zeremoniar nahm er darüber hinaus eine Hofreform in die Hand, und er unterstützte auch die von sowohl der biografischen Forschung als auch der Adelsforschung seit langem breit besprochenen Ordensprojekte Friedrich Wilhelms IV. Keines der Projekte des umtriebigen Monarchen verlief ohne Stillfrieds Beteiligung. Inwieweit er in diesen Vorhaben einen eigenen Einfluss ausübte oder gar eine inhaltliche Prägekraft entwickelte, das darf ab jetzt gern zum Gegenstand weiterer Forschung zur Tätigkeit Stillfrieds werden.
Im Zuge der Arbeiten an diesen unterschiedlichen Projekten geriet der Autodidakt Stillfried wiederholt in Konflikt mit den beteiligten Architekten und Historikern. Während das Profil und Engagement eines höfischen homme de lettres heute schillernd wirken mag, wird für den Historismus des 19. Jahrhunderts darin doch eine gewisse Typik zu erkennen sein. Gerade die nun vorliegenden Tagebücher sind geeignet, uns diese Scharnierstelle zwischen dem Monarchen bzw. seinem Hof einerseits und der Fachwelt andererseits zu erschließen. Nicht zuletzt damit liefert die Edition einen wertvollen Baustein zur Geschichte der Monarchie.
Dass viele Gewerke der historischen Wissenschaften in diesem Text das Ihre finden werden, versteht sich und muss hier nicht weiter spezifiziert werden. Da eine selbstständige Biografie des Rudolf Graf von Stillfried-Alcántara bislang nicht vorliegt, wäre diese in einem nächsten Schritt wünschenswert. Einstweilen helfen hier sowohl Roland Gehrkes Einführung des Protagonisten als auch die von beiden Herausgebern erstellte Zeittafel zu Leben und Werk weiter. Ebenso instruktiv sind die von Joachim Bahlcke zusammengetragenen detaillierten Informationen über die Tagebuchquelle selbst und ihre Genese, da sie für das Verständnis des Texts und dessen Interpretation relevant sind. Zu erwähnen ist auch die umfassende editorische Erklärung von Rafael Sandek und Susanne Mall.
Die Wiedergabe des autografen Textes, der textkritische und der sachkritische Apparat sowie die Register entsprechen den wissenschaftlichen Standards in bester Weise. Alles zusammengenommen gelangt man zu dem Urteil, dass hier ein umfangreiches und für ein universitäres Projekt äußerst langfristiges Vorhaben zu einem gelungenen Abschluss gelangt ist. In einer Zeit, die Editionsprojekten nur spärlich Förderung gewährt, erstreckte sich die Genese der Edition als ein Projekt am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Stuttgart über 13 Jahre hinweg. Nur mit viel Durchhaltevermögen konnte die Arbeit an der beachtlichen Textmasse gedeihen und - anknüpfend an ein vorausgegangenes deutsch-polnisches Verbundprojekt über Adel in Schlesien - auch die notwendige Forschungsarbeit geleistet werden, die mit einem solchen Vorhaben unabdingbar verbunden ist. Am Stuttgarter Lehrstuhl liefen auch die erforderlichen Kooperationen zusammen, vor allem mit dem Staatsarchiv Breslau und dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz sowie auch mit privaten Leihgebern und Sponsoren. Die fertiggestellte Publikation wird sicher auch bei den vielen Beteiligten mit Zufriedenheit betrachtet werden.
Joachim Bahlcke / Roland Gehrke (Hgg.): Die Tagebücher des preußischen Hof- und Staatsbeamten Rudolf Graf von Stillfried-Alcántara 1827 bis 1882. Eine historisch-kritische Edition (= Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz - Quellen; Bd. 75), Berlin: Duncker & Humblot 2023, 5 Bde., 3890 S., ISBN 978-3-428-19014-0, EUR 399,90
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