sehepunkte 26 (2026), Nr. 4

M. Rainer Lepsius: Soziologie des Nationalsozialismus

Das Manuskript lag unbearbeitet in einem Ordner des Nachlasses. Der Soziologe M. Rainer Lepsius hatte seine Überlegungen zu einer Soziologie des Nationalsozialismus 1983 in einer Vorlesung an der Universität Heidelberg vorgetragen und später in zwei Essays ausgearbeitet. Eine Veröffentlichung hatte er vor seinem Tod 2014 jedoch noch nicht in die Wege geleitet.

Das haben jetzt die Soziologen Tilman Allert und Maurizio Bach nachgeholt. Leider ist der Name des Bands "Soziologie des Nationalsozialismus" irreführend. Lepsius war von der Vorläufigkeit seines Vorhabens überzeugt. Er hatte eben das zu Beginn der Vorlesung in Heidelberg ausführlich begründet und seinen Zuhörern deshalb lediglich eine Vortragsreihe "Zur Soziologie des Nationalsozialismus" versprochen.

Der 1928 in Brasilien geborene aber im nationalsozialistischen Deutschland aufgewachsene Lepsius versuchte seit Beginn seines wissenschaftlichen Lebens, den Nationalsozialismus und seine Vorgeschichte analytisch zu durchdringen. Darüber hinaus war es sein Anliegen die Mystifizierungen der deutschen Verbrechen in der DDR, Österreich und der Bundesrepublik aufzuklären sowie die vielgestaltige Abwehr von Verantwortung und Haftung zu durchbrechen.

Lepsius hat sich zu dieser aufklärerischen Rolle seiner wissenschaftlichen Tätigkeit immer bekannt. [1] Es sei ihm darum gegangen, so beschrieb er sein Programm zum Beispiel 2008 in einem Interview, "nach der nominalen Entnazifizierung" und "nach der Identifizierung der Verbrechen" die "kognitive Grundstruktur" der deutschen Gesellschaft "zu verändern", und das hieß, "Nation, Volk und ähnliche Kollektivbegriffe abzubauen" und sie durch "individualistische Handlungsanalyse und konkrete Kontextbestimmung zu ersetzen" [2].

Liest man das im Wesentlichen 1983 geschriebene Manuskript heute, stellt sich schnell Enttäuschung ein. Wesentliche Verbrechen, die von Deutschen verübt worden sind, werden in diesem Text nicht analysiert. Lepsius verwendete vor allem Begriffe des Soziologen Max Weber, um das nationalsozialistische Herrschaftssystem als charismatische Form der Herrschaft zu zeigen. Er griff auf Konzepte Theodor Geigers zurück, um Milieu und Ideologie der Nazis zu analysieren. Außerdem orientierte er sich an der Anomie-Theorie Emile Durkheims, um die Krise der Weimarer Republik und ihre nationalsozialistische Lösung zu sezieren. Er nutzte William Kornhausers Theorie der intermediären Gruppen, um die Transformation der Weimarer Demokratie in den Nationalsozialismus zu beschreiben. Es sei den Nationalsozialisten gelungen, so seine Hauptthese 1983, die in einer modernen Demokratie intermediär vermittelten Interessen zu fragmentieren.

Aber der Antisemitismus als zentrale und handlungsleitende Ideologie der nationalsozialistischen Gesellschaft wird lediglich am Rande als Teil von Hitlers manichäischer Weltsicht analysiert. Lepsius griff auch auf die zur Zeit seines Vortrags längst begonnene Holocaustforschung nicht zurück. Schon 1961 war Raul Hilbergs bahnbrechende Studie "Die Vernichtung der europäischen Juden" in den USA erschienen, 1982 schließlich in deutscher Übersetzung. Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die Besatzungsherrschaft in Europa werden nur am Rande als Teil einer deutschen Tendenz zum kontinentalen Imperialismus beschrieben. Dass die Deutschen überall wo ihre Soldaten standen, die jüdischen Gemeinden auslöschten, findet sich in Lepsius Text von 1983 ebenfalls nicht.

Den Begriff Zivilisationsbruch verwendete Lepsius nicht, im Unterschied zu den Herausgebern des Bandes [3]. Er sprach stattdessen von einer "moralischen Niederlage Deutschlands", die mit der "Selbstaufgabe seiner inneren Freiheit" (199) am 30. Januar 1933 begonnen und sich bis in den planmäßigen Völkermord an Juden, Sinti und Roma, Polen oder Völkerschaften der Sowjetunion fortgesetzt habe.

Möglicherweise war es das Bewusstsein seiner in zentralen Punkten unvollständig gebliebenen Analyse, die Lepsius nach 1983 davon abhielt, seine Vorlesung und ihre Ergänzungen durch Vorträge zum Widerstand und der Befreiung am 8. Mai 1945 als Buch zu publizieren. Lediglich eines der in der Vorlesung 1983 behandelten Themen, die Analyse des Nationalsozialismus als charismatische Herrschaft, findet sich in einem 1993 von ihm selbst zusammengestellten Sammelband seiner wichtigsten soziologischen Aufsätze zur Demokratie in Deutschland [4].

Es ist großartig, dass die akademische Welt jetzt über das aus dem Nachlass veröffentlichte Manuskript von M. Rainer Lepsius verfügt. Lepsius gehört mit Ralf Dahrendorf und vielen anderen zu den großen Anregern einer bis heute unabgeschlossen gebliebenen deutschen Anerkennung und Haftung für die verschiedenen mit der Vernichtung der europäischen Juden verbundenen Verbrechen.

Weniger gelungen ist es, dass die Herausgeber des Bandes die heute deutlich erkennbaren blinden Flecken der vorläufigen Überlegungen von Lepsius zu einer Soziologie des Nationalsozialismus von 1983 in ihrer Einleitung nicht wenigstens skizzieren. So entsteht der Eindruck, es sei mit Lepsius damaligen Überlegungen bereits alles Wesentliche gesagt. Historiker, Soziologen, Rechtswissenschaftler und viele andere haben vielfach gezeigt, dass dies nicht der Fall ist. Auch Lepsius selbst betonte schließlich die Vorläufigkeit seiner Überlegungen.


Anmerkungen:

[1] M. Rainer Lepsius: Das Erbe des Nationalsozialismus und die politische Kultur der Nachfolgestaaten des "Großdeutschen Reiches", in: M. Haller / H.-J. Hoffmann-Nowotny / W. Zapf (Hgg.): Kultur und Gesellschaft: Verhandlungen des 24. Deutschen Soziologentags, des 11. Österreichischen Soziologentags und des 8. Kongresses der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie in Zürich 1988, Frankfurt a. M. 1989, 247-264.

[2] M. Rainer Lepsius, zit. nach: Adalbert Hepp / Martina Löw (Hgg.): M. Rainer Lepsius - Soziologie als Profession, Frankfurt a. M. 2008, 35.

[3] Vgl. Dan Diner (Hg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt a. M. 1988.

[4] Vgl. M. Rainer Lepsius: Das Modell der charismatischen Herrschaft und seine Anwendbarkeit auf den "Führerstaat" Adolf Hitlers, in: ders.: Demokratie in Deutschland, Göttingen 1993, 95-118.

Rezension über:

M. Rainer Lepsius: Soziologie des Nationalsozialismus. Hrsg. v. Tilman Allert / Maurizio Bach (= Rote Reihe; 166), Frankfurt/M.: Vittorio Klostermann 2025, 208 S., ISBN 978-3-465-04632-5, EUR 24,80

Rezension von:
Martin Jander
Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Martin Jander: Rezension von: M. Rainer Lepsius: Soziologie des Nationalsozialismus. Hrsg. v. Tilman Allert / Maurizio Bach, Frankfurt/M.: Vittorio Klostermann 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 4 [15.04.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/04/40876.html


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