Volker Reinhardt verspricht, Rousseau aus vereinfachenden Deutungen herauszulösen und ihn im Kontext seiner Zeit zu verstehen, um "Werk und Leben, biografische Erfahrung und ihre Auswertung, Ideen und Ziele Rousseaus als spannungsreiche Einheit zu betrachten" (16f). Als Schlüssel dafür dienen ihm Rousseaus Confessions, die Reinhardt als Aneinanderreihung von Lebensinszenierungen liest und mit anderen Quellen kontrastiert, um ein tieferes Verständnis des Protagonisten zu erreichen.
In acht Kapiteln schildert Reinhardt den Lebensweg Rousseaus entlang dessen eigenen Rückblicken in den Confessions. Die ersten Kapitel behandeln Kindheit, Jugend und früheres Erwachsenenalter bis zu Rousseaus endgültigen Wechsel von Savoyen nach Paris. Sie erzählen von seiner familiären Herkunft und Erziehung, seiner Vertreibung aus Genf und den damit einhergehenden Wanderungen, seiner Konversion zum Katholizismus und seinen Kontakten zu gesellschaftlichen Eliten. Neben dieser selbstbewussten Darstellung offenbart Rousseau in seiner Autobiografie jedoch auch körperliche Schwäche, berufliche Misserfolge und charakterliche Verfehlungen. Exemplarisch für diese Ambivalenz ist sein Verhältnis zu der dreizehn Jahre älteren Françoise-Louise de Warens ("Maman"). Reinhardt gelingt es, die Fragilität von Rousseaus behaupteter inniger Zuneigung zu veranschaulichen und dessen "tränenreiche Herzensergießungen" (45) als strategische Selbstinszenierung zu entlarven. Er deutet das von Rousseau hervorgehobene gesellschaftliche Scheitern als prophetische Märtyrerpose: Das eigene Leben wird zum Lehrstück für die Menschheit, da alle Demütigungen und Schwächen letztlich in der sozialen Umwelt begründet lägen. Doch Rousseau strebt danach, seine Schwäche in Stärke zu verwandeln, indem er "Texte formt, die das Gemüt" (97) rühren und so zur Tugend mahnen. Reinhardt analysiert diese intellektuellen Versuche mit distanzierter Schärfe: Rousseaus Ideen seien weder originell noch literarisch überzeugend. Im Vergleich zu Voltaire wirken sie stümperhaft und sentimental aufgeblasen. Sie kaschieren kaum seine eigene Subalternität.
Auch den weiteren Lebensweg Rousseaus betrachtet Reinhardt mit Skepsis. Dass es Rousseau gelang, "seinen Namen zu einem unverwechselbaren Markenzeichen für innovative und provokative Texte zu etablieren, ist das einzige und eigentliche Wunder dieses Lebens." (113) Reinhardt betont wiederholt Rousseaus Versagen: in der Musiktheorie, bei seinen literarischen Anfängen ("allenfalls Mittelmaß", 145) oder als Sekretär des französischen Botschafters in Venedig. Stets scheitert der Provinzler an seinem mit Hybris gepaarten Unvermögen.
Die folgenden Kapitel behandeln nicht nur die wichtigsten Schriften, sondern auch weniger bekannte Stücke, etwa die Komödie Narcisse, ou l'amant de lui-même oder das Märchen La Reine Fantasque. Reinhardt interpretiert sie als kulturkritische Abrechnung eines Calvinisten mit dem Zeitalter der höfischen Aufklärung. Im Zentrum stehen daher nicht philosophische oder politische Aspekte, sondern Rousseaus pathetisch-prophetischer Gestus für eine "ökonomisch, gesellschaftlich und kulturell weitgehend homogene Gemeinschaft" (195).
In diesem Sinne versteht Reinhardt nicht nur Rousseaus Ablehnung der feinen Gesellschaft und seinen Bruch mit den Aufklärern, sondern auch seine demonstrative Flucht aus Paris als rhetorische Umdeutung des eigenen Scheiterns. Zwar zeigt Reinhardt angesichts der intriganten Ränkespiele um Paul-Henri Thiry d'Holbach ein gewisses Verständnis für Rousseau, doch sein Urteil bleibt unmissverständlich: Hier schreibt nicht nur ein radikaler Kritiker, sondern auch ein Versager, der selbst im Ruhm seinen kleinbürgerlichen Habitus und sein Unvermögen nicht abstreift. Immer wieder verweist Reinhardt auf Rousseaus Hypochondrie und Inkontinenz. Entsprechend erscheint dessen Philosophie als ressentimentgeladene "Sublimierung seiner Leidenschaften" (239).
Das Zurücktreten der philosophischen und politischen Argumente wird am deutlichsten in Reinhardts Deutung des Discours sur l'origine et les fondements de l'inégalité parmi les hommes. Er befragt ihn nicht nach seinem gesellschaftskritischen Sprengstoff, sondern deutet ihn als eine im Geiste des Calvinismus inszenierte Liebeserklärung an "Genf, Genf und noch einmal Genf" (185). So interpretiert er den Contrat Social als eine an calvinistischer Sittenstrenge und am Gemeinwohl orientierte Idealisierung Genfs. Dabei rücken Rousseaus Forderungen nach politischer Teilhabe in den Hintergrund, während die republikanischen Pflichten als jakobinisch-calvinistischer Tugendterror erscheinen. Diese antipluralistische Lesart ist nicht neu. Überraschend bleibt sie dennoch in einer Biografie, die Rousseau aus seinem historischen Kontext verstehen will. Ähnlich ist seine Analyse des Émile: Zwar erkennt Reinhardt die widersprüchlichen Motive und entsprechend konfligierenden Lesarten, doch letztlich sieht er darin eine krude Gesellschaftskritik, verbunden mit der Ideologie "der patriarchalischen bürgerlichen Kleinfamilie" (325). Dass frühe Feministinnen wie Louise Dupin in Rousseau einen Bundesgenossen sahen, bleibt dabei unerklärt. Auch Rousseaus reformpädagogische Wirkung erscheint so lediglich als Missverständnis, und sein größter literarischer Erfolg, Julie, ou la Nouvelle Héloïse, wird zum sentimentalen Rührstück mit calvinistisch geprägter Moral und misogynem Frauenbild.
Die biografische Lesart tendiert jedoch zwangsläufig dazu, etwaige Widersprüche auf Rousseaus Ressentiment zurückzuführen. Wo Reinhardt philosophische Argumente findet, kontrastiert er diese mit Rousseaus peinlichen Geständnissen (153). Wo er revolutionäre Ideen sieht, relativiert er sie durch den Vorwurf, Rousseau sei doch von aristokratischen Gönnern abhängig geblieben (284). Eine sozialhistorische Perspektive hätte die strukturell bedingten intellektuellen Handlungsspielräume deutlicher zur Sprache bringen können.[1]
In dieser Linie schildert Reinhardt auch Rousseaus politische Verfolgung. Diese sei weniger eine Folge seines Schrifttums, sondern vielmehr ein Resultat der zeitgenössischen kirchlich-politischen Konstellation sowie Rousseaus mangelnder Klugheit, seine provokanten Thesen nicht anonym zu publizieren. Die in seinen späten Schriften immer wieder beschworene Verschwörung gegen seine Person interpretiert Reinhardt als Gemisch aus tatsächlicher Verfolgung, gezielten Anfeindungen und wachsender Paranoia. Vor allem aber sieht er darin eine Rechtfertigungsstrategie, dem eigenen Leben einen Sinn zu verleihen. Entsprechend bewertet Reinhardt die späten Schriften mit Ausnahme der Confessions als bloße "Nebenprodukte eines unaufhaltsam wachsenden Wahns" (328).
Dass diese Deutung möglicherweise zu pauschal ausfällt, deutet er selbst an, wenn er Rousseaus Lettres écrites de la Montagne und den Projet de constitution pour la Corse analysiert. Denn hier findet sich nicht nur eine politische Verteidigung seiner religions- und staatstheoretischen Positionen, sondern auch eine explizite Kritik am Dogmatismus Genfs und am "Diktator Calvin" (350) sowie ein Bekenntnis zu Demokratie und Toleranz. Dennoch fällt Reinhardts Urteil missbilligend aus: Die Ausgrenzung von Frauen, Lohnarbeitern, Fremden und Besitzlosen im korsischen Projekt mache auch diesen Text zu einer "rückwärts gerichteten Utopie mit egalitären Einsprengseln" (377).
Insgesamt demonstriert er verständlich, dass Rousseau ein schwieriger Charakter war, dessen literarisch-politische Überhöhung idealisierend ausfiel und dessen spartanischer Tugendrigorismus weder dem Freiheitsverständnis seiner Zeit noch dem heutigen entspricht. Doch eine solche Position wird heute ohnehin kaum mehr vertreten. Und sollte Rousseau tatsächlich nur ein larmoyanter, inkontinenter Taugenichts mit mittelmäßigem literarischem Talent gewesen sein, der seine Schwächen durch eine grobe Form calvinistischer Tugend zu kompensieren suchte, warum dann eine Biografie über ihn verfassen? Reinhardt betont zwar die Notwendigkeit der Erörterung grundlegender philosophischer, historischer und politischer Fragen, doch er deutet Rousseaus Philosophie primär als biografische Inszenierungen, sodass Rousseau abwechselnd als Aufschneider, als kranker Mann oder - seltener - als raffinierter Literat, aber nicht als ernstzunehmender Philosoph erscheint. Spätestens hier sei an Ernst Cassirers Einwand erinnert: Rousseaus Grundgedanken mögen aus seiner Persönlichkeit hervorgehen, gewinnen jedoch eine "objektive Problematik", die über ihn und seine Epoche hinausweist.[2] Abschließend ist festzuhalten, dass einige grundlegende Studien in der beigefügten annotierten wissenschaftlichen Literatur nicht berücksichtigt wurden.[3]
Anmerkungen:
[1] Vgl. Robert Darnton: Literaten im Untergrund. Lesen, schreiben und publizieren im vorrevolutionären Frankreich, Frankfurt am Main 1988; mit dem Blick auf die entstehende Öffentlichkeit: Antoine Lilti: The Invention of Celebrity 1750-1850, Cambridge 2017.
[2] Ernst Cassirer: Das Problem Jean Jacques Rousseau, in: ders. / Jean Starobinski / Robert Darnton: Drei Vorschläge, Rousseau zu lesen, Frankfurt am Main 1989, 7-78, 11.
[3] Maurice Cranston: Jean-Jacques: The Early Life and Work of Jean-Jacques Rousseau, 1712-1754, Chicago 1982; ders.: The Noble Savage: Jean-Jacques Rousseau, 1754-1762, Chicago 1991; ders.: The Solitary Self. Jean-Jacques Rousseau in Exile and Adversity, Chicago 1999; Leo Damrosch: Jean-Jacques Rousseau: Restless Genius, Boston 2007; Philippe Lejeune: Der autobiographische Pakt, Frankfurt am Main 1994; Christopher Kelly: Rousseau as Author. Consecrating one's Life to the Truth, Chicago 2003; Hermine de Saussure: Rousseau et les manuscrits des Confessions, Paris 1958.
Volker Reinhardt: Rousseau. Auf der Suche nach der verlorenen Natur. Eine Biographie, München: C.H.Beck 2026, 463 S., Zahlreiche s/w-Abb., ISBN 978-3-406-84295-5, EUR 34,00
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