Youssef Mogtader / Gregor Schoeler: Turandot. Die persische Märchenerzählung. Edition, Übersetzung, Kommentar, Wiesbaden: Reichert Verlag 2017, 134 + 57 S., ISBN 978-3-95490-283-5, EUR 39,80
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
David O. Morgan / Anthony Reid (eds.): The Eastern Islamic World. Eleventh to Eighteenth Centuries, Cambridge: Cambridge University Press 2010
Boaz Shoshan: Poetics of Islamic Historiography. Deconstructing Tabaris History, Leiden / Boston: Brill 2004
Francis Robinson (ed.): The Islamic World in the Age of Western Dominance, Cambridge: Cambridge University Press 2010
Werner Ende / Udo Steinbach (Hgg.): Der Islam in der Gegenwart, 5., neubearb. Auflage, München: C.H.Beck 2005
Adel Theodor Khoury: Der Ḥadīth. Quelle der islamischen Tradition. Band 1: Der Glaube, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2007
Sabine Haag / Mario Klarer / Veronika Sandbichler (Hgg.): Piraten und Sklaven im Mittelmeer. Eine Ausstellung von Schloss Ambras Innsbruck und der Universität Innsbruck, Innsbruck: Haymon Verlag 2019
Reuven Amitai: Holy War and Rapprochement. Studies in the Relations between the Mamluk Sultanate and the Mongol Ilkhanate (1260-1335), Turnhout: Brepols 2013
Ich denke, die meisten von uns kennen Giacomo Puccinis (1858-1924) Oper "Turandot". Das Libretto basiert auf einem 1762 angefertigten Schauspiel des italienischen Dramatikers Carlo Graf Gozzi (1720-1806). Der Venezianer Gozzi hatte sich als erster europäischer Dichter der Turandot-Geschichte angenommen. Da sein Stück den Titel "Turandot. Fiaba chinese teatrale tragicomica" ("Turandot. Chinesisches tragikkomisches Märchenspiel") trug, verortete man in Europa fortan die Herkunft des Stoffes in China. Das ist allerdings falsch. Die Turandot-Geschichte kommt aus dem islamisch-persischen Raum und findet sich in einer Reihe von Erzählsammlungen.
In dem hier vorliegenden Werk hat es sich der bis 2009 an dem Orientalischen Seminar der Universität Basel tätige Gregor Schöler zusammen mit dem ebendort lange Jahre als Lektor angestellten Youssef Mogtader zur Aufgabe gemacht, zwei der erhaltenen persischen Turandot-Texte zu identifizieren, zu edieren und zu übersetzen.
Eine Art kurze "Ur-Version" der "Rätselprinzessin" findet sich in Sadïd ad-Dïn Muḥammad ʿAufïs (ca. 1170-ca. 1232) Werk Ǧawāmiʿ ul-ḥikāyāt ("Erzählungssammlung"). Schoeler und Mogtader haben als Grundlage für ihre Edition folgende Texte benutzt: (1) Das Offset (1956) einer Handschrift, die dem Herausgeber zufolge aus dem Beginn des 13. Jahrhunderts stammt (= R); (2) ein Manuskript aus der Pariser Bibliothèque Nationale aus dem Jahr 1300 (= P) sowie (3) eine Wiener Handschrift aus der Österreichischen Nationalbibliothek von 1490-1 (= W). Die drei Fassungen unterscheiden sich geringfügig - P und R weniger, W hat Kürzungen. Für die Edition fungierte R als Leithandschrift.
Aus der Kurzversion haben sich dann im Laufe der Zeit Langfassungen entwickelt, die in der Regel den Titel "Geschichte des Prinzen aus Turan" tragen. Als Basis der Edition dieser erweiterten Erzählung nahmen die beiden Islamwissenschaftler die erste Geschichte in der Oxforder Sammelhandschrift Bodleiana Ouseley Nr. 58 (undatiert, wahrscheinlich 18. Jahrhundert). Zum Vergleich wurden dann noch fünf weitere handschriftliche oder gedruckte Fassungen herangezogen. Allerdings handelt es sich in diesen Texten um völlig unterschiedliche Versionen der Erzählung.
Neben der tadellosen Edition und der ganz ausgezeichneten Übersetzung der beiden Geschichten bietet das Buch den Lesern noch den textuellen Kontext des Märchens von der männerfeindlichen Rätselprinzessin, die Geschichte des Stoffes von Gozzis Schauspiel über Friedrich von Schillers (1759-1805) Bearbeitung ("Turandot, Prinzessin von China. Ein tragigkomisches Märchen nach Gozzi") bis hin zum Libretto von Puccinis Oper Turandot sowie ein Interpretationsvorschlag für beide Märchen.
Alles in allem zeigt das Buch, zu welchen großartigen Leistungen "klassische" philologische Arbeit fähig ist.
Stephan Conermann