Rezension über:

Daniel Benedikt Stienen: Verkauftes Vaterland. Die moralische Ökonomie des Bodenmarktes im östlichen Preußen 1886-1914 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft; Bd. 243), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2022, 356 S., 22 Tbl., ISBN 978-3-525-36765-0, EUR 65,00
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Rezension von:
Korinna Schönhärl
Historisches Institut, Universität Paderborn
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Korinna Schönhärl: Rezension von: Daniel Benedikt Stienen: Verkauftes Vaterland. Die moralische Ökonomie des Bodenmarktes im östlichen Preußen 1886-1914, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2022, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 11 [15.11.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/11/36727.html


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Daniel Benedikt Stienen: Verkauftes Vaterland

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Den Bodenmarkt stellen wir uns gemeinhin als einen mehr oder weniger freien vor, auf dem Angebot und Nachfrage die Preise bestimmen, zu denen man Land kaufen oder verkaufen kann. Im Gegensatz dazu nimmt Daniel Stienen in seiner Dissertation den zunehmend deliberalen Bodenmarkt in den beiden preußischen Provinzen Westpreußen und Posen ins Visier, und zwar zwischen der Gründung der sog. preußischen Ansiedlungskommission 1886 und dem Ersten Weltkrieg. Er geht der Frage nach, wie die Moralisierung dieses Bodenmarktes vor sich ging, und welche Rolle dabei die genannte Ansiedlungskommission spielte - eine in der älteren deutschen ebenso wie polnischen Forschung nationalistisch aufgeladene Problemstellung.

Der Autor bettet seine Untersuchung in das Spannungsfeld zwischen Moral und Ökonomie ein, das in letzter Zeit viel historiografische Aufmerksamkeit gefunden hat. [1] Dass die beiden Sphären nichts miteinander zu tun hätten, weil der Mensch als homo oeconomicus ausschließlich seinen Nutzen zu maximieren versuche, dieses Credo mancher Ökonomen ist lange ad acta gelegt. Stienen entwickelt seinen Ansatz ebenso präzise wie verständlich: Es geht ihm um die Normen, die das Handeln der Akteure am Bodenmarkt bestimmten, und deren Wandel in einer Phase zunehmenden Nationalismus. Dabei interessieren ihn erstens die preußische Bürokratie und ihr Verwaltungshandeln, zweitens die Praktiken des Handelns und Verhandelns von Grundbesitz, und drittens die sozialen Diskurse über diese Praktiken. Dass dieser wohl überlegte Rahmen ohne die explizite Nennung der Diskursanalyse, ob mit oder ohne Foucault, auskommt, ist erstaunlich.

Dreh- und Angelpunkt der Analyse ist die 1886 gegründete preußische Ansiedlungskommission, die den Zweck verfolgte, polnischen Großgrundbesitz aufzukaufen und in Parzellen zerlegt an deutsche Siedler*innen weiterzugeben, wobei sich sozialpolitische und nationalistischen Zielsetzungen von Anfang an überlagerten. Basierend auf ebenso breiter wie sorgfältiger Analyse deutscher und polnischer Quellen verschiedenster Provenienz zeichnet Stienen einerseits die wachsende Verbitterung deutscher Großgrundbesitzer nach, deren Angebote die Kommission ausschlug, andererseits aber auch die Befürchtungen eines Ausverkaufs polnischen Bodens an die Deutschen, die viele Polen hegten. Insbesondere das erstarkende polnische Bürgertum erkannte hier auch eine Chance, sich gegenüber dem polnischen Adel (der oft selbst Grundbesitz besaß und damit handeln wollte) als wahrer Vertreter nationalpolnischer Interessen in Szene zu setzen. Polnische Genossenschaften versuchten dementsprechend ihrerseits die preußischen Praktiken zu kopieren, wenn auch mit wesentlich geringeren Ressourcen. Quer durch die meisten gesellschaftlichen Schichten gelang es den nationalistischen polnischen Stimmen, der Norm, dass Polen keinesfalls an Deutsche oder an die Ansiedlungskommission verkaufen dürften, Geltung zu verschaffen. Dazu trugen auch die konsequent umgesetzten Sanktionsandrohungen bei Nichtbeachtung (Ächtung, Ausschluss aus der polnischen "imagined community") bei, die in polnischen Zeitungen aller Couleur Verbreitung fanden. Auf deutscher Seite hingegen gelang es nicht einmal in nationalliberalen Kreisen, einer Norm des Nicht-Verkaufens deutschen Bodens an Polen Geltung zu verschaffen. Besonders spannend werden Stienens Überlegungen dort, wo die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Akteure als deutsch oder polnisch gar nicht feststand, sondern ihrerseits Gegenstand von Aushandlungsprozessen war. Auch die Untersuchung einzelner Makler als "Wanderer zwischen den Welten" lotet die Grenzen der Normbildung und -durchsetzung geschickt aus.

1898 fällte die preußische Regierung die Entscheidung, die Ankaufs- und Siedlungspolitik in Posen und in Westpreußen fortzusetzen, zumal der Andrang potentieller Siedler groß war. Gleichzeitig stiegen aber die Bodenpreise immer weiter, zum einen auf Grund der erfolgreichen polnischen Moralisierung des Bodenmarktes, zum anderen wegen der Implementierung diverser Instrumente zur Unterstützung von Grundbesitzern preußischerseits wie etwa der Förderung von Fideikommissen und Besitzfestigungsverfahren. Immer mehr Boden wurde so dem freien Markt entzogen - vor dem Ersten Weltkrieg rund ein Drittel des gesamten Bestandes. Diese "Eskalationsspirale" drehte sich ständig weiter, wovon auch die Preise im benachbarten Schlesien nicht unberührt blieben. 1908 schließlich sicherte die preußische Regierung sich per Gesetz das Recht, polnische Güter im Bedarfsfall enteignen zu können. Auch wenn dieses Gesetz nur einige wenige Male angewendet wurde, war es doch ein weitreichender Eingriff in die Besitzrechte polnischer Grundbesitzer und stellte die während des 19. Jahrhunderts entwickelten individuellen Eigentumsrechte massiv in Frage. Als besondere Pointe darf gelten, dass die Regierung der zweiten polnischen Republik nach 1918 viele der preußischen Gesetze im jetzt polnischen Territorium kopierte, nun allerdings mit antideutscher Stoßrichtung.

Daniel Stienen entwickelt mit seinem Fokus auf die Moralisierungsstrategien der deutschen und der polnischen Öffentlichkeit eine ganz neue Perspektive, die dem Themenfeld erfrischend originelle Aspekte abgewinnt. Er liefert damit ein gelungenes Beispiel des Zusammendenkens von Moral und Ökonomie, dem viele Nachahmer*innen zu wünschen sind.


Anmerkung:

[1] Ute Frevert (Hg.): Moral Economies (Geschichte und Gesellschaft Heft 26). Göttingen 2019; Ποταμιάνος , Νίϰος [Potamianos, Nikos] (Hg.): Εϰδοχές της ηθιϰής οιϰονομίας. Ιστοριϰές ϰαι θεωρητιϰές μελέτες [Versions of moral economy. Historical and theoretical studies], Athens 2021; Jürgen Finger / Benjamin Möckel (Hgg.): Ökonomie und Moral im langen 20. Jahrhundert. Eine Anthologie, Göttingen 2022.

Korinna Schönhärl