Rezension über:

Sylvain Fachard / Edward M. Harris (eds.): The Destruction of Cities in the Ancient Greek World. Integrating the Archaeological and LIterary Evidence, Cambridge: Cambridge University Press 2021, XIV + 361 S., 67 s/w-Abb., 7 Tbl., ISBN 978-1-108-49554-7, GBP 75,00
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Rezension von:
Philipp Deeg
Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Philipp Deeg: Rezension von: Sylvain Fachard / Edward M. Harris (eds.): The Destruction of Cities in the Ancient Greek World. Integrating the Archaeological and LIterary Evidence, Cambridge: Cambridge University Press 2021, in: sehepunkte 24 (2024), Nr. 1 [15.01.2024], URL: https://www.sehepunkte.de
/2024/01/37194.html


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Sylvain Fachard / Edward M. Harris (eds.): The Destruction of Cities in the Ancient Greek World

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Als im Jahre 17 n.Chr. das sogenannte Zwölf-Städte-Beben Kleinasien verheerte, soll laut Tacitus Sardeis am heftigsten betroffen gewesen sein. [1] Tatsächlich sind archäologisch Baumaßnahmen nachweisbar, die durch dieses Beben nötig geworden sein könnten. Doch wie kann es sein, dass das so schwer zerstörte Sardeis sich nur kurze Zeit später mit reellen Erfolgschancen um den Bau eines Kaiserkulttempels bewerben konnte? [2] Zudem sind Bautätigkeiten über einen recht langen Zeitraum fassbar - wie unmittelbar ist der Zusammenhang mit dem Erdbeben? [3] Dies zeigt, dass archäologische und literarische Evidenz zu Schadensereignissen nicht immer leicht in Einklang zu bringen sind. Vor allem stellt sich die Frage, ob die Quellenautoren nicht ordentlich übertreiben.

Genau dieser Frage geht auch der vorliegende Sammelband nach, der auf einer Tagung der American School of Classical Studies at Athens im Mai 2019 beruht. Gerade weil die literarischen Quellen hinsichtlich des Ausmaßes von Beschädigungen notorisch suspekt sind, steigt der potenzielle Wert archäologischer Belege, wie die Herausgeber in ihrer Einleitung darlegen (1ff.). Dabei sind sie sich der methodischen Probleme - etwa der oft schwierigen Datierung von nachweisbaren Schadenshorizonten - bewusst. Da das genannte Quellenproblem sich keineswegs nur auf Schäden durch sogenannte Naturkatastrophen beschränkt, sondern mindestens ebenso Berichte über kriegerische Zerstörungen betrifft, werden vorrangig letztere betrachtet. Untersucht werden griechische Städte von der archaischen bis in die römische Zeit, wobei die Beiträge ohne weitere Untergliederung des Bandes in Sachabschnitte chronologisch sortiert sind. Es wird versucht, sowohl das tatsächliche Schadensausmaß als auch dessen langfristige ökonomische Folgen zu eruieren, um die Chancen und Grenzen archäologischer Befunde auszuloten.

Der Band bietet eine Reihe spannender Ergebnisse: Panagiotis Karkanas (34ff.) arbeitet mit stratigraphischer Analyse und Bodenproben. Dieser Ansatz ermöglicht ihm Rückschlüsse auf die Art verbrannten Materials oder auf die Weiternutzung von Gebäuden nach Beschädigungen. Er gibt sich aber keinen Illusionen hin: Sein Ansatz ist ressourcenintensiv und schon deshalb schwer auf großflächige Schadenshorizonte anwendbar. Instruktiv sind die Ergebnisse dennoch.

Dass die mittel- bis langfristigen Folgen der Eroberung einer Stadt bisweilen nur geringfügig waren und sie sich schnell erholen konnte, zeigt John McKesson Camps Untersuchung der Zerstörung Athens durch die Perser (70ff.). Die "extraordinarily fast and effective recovery of Athens in the next fifty years" (80) sei einigen entscheidenden Faktoren zu verdanken gewesen. Darunter fiele insbesondere der Verzicht, Tempel sofort neu zu errichten, was massiv Kosten gespart habe.

Manthos Bessios, Athina Athanassiadou und Konstantinos Noulas gelingt im Falle Methones der archäologische Nachweis einer Belagerung - samt Spuren des makedonischen Lagers (108ff.). Entscheidend für diesen Befund sei, dass die Stadt nach dem Angriff aufgegeben worden sei. Dies habe die Fundstelle gleichsam unberührt gelassen. Zugleich widerlegten die Befunde Quellenbehauptungen von einer völligen Zerstörung der Stadt.

Christos Gatzolis und Selene Psoma arbeiten mit numismatischer Evidenz (129ff.). Münzen bieten demnach den deutlichen Vorteil, durch Datierbarkeit konkrete Hinweise auf den Zerstörungszeitpunkt zu geben, wenn sie in entsprechendem Kontext gefunden werden. Zumindest einen terminus post quem ermöglichen sie. Etwas zu optimistisch mögen indes die Rückschlüsse der Autoren auf die Lebendigkeit einer Stadt auf Basis der gefundenen Münzmenge erscheinen. Wie ändern sich etwa die Ergebnisse, wenn Ausgrabungen nicht sehr weit fortgeschritten sind und bei Fortsetzung mehr Münzmaterial liefern? Solche Möglichkeiten hätten die Autoren näher diskutieren können.

Guy Ackerman (163ff.) zeigt, dass eine Zerstörung Eretrias durch Antigonos Gonatas im Jahre 267 fernliegt: Weder seien archäologische Belege dafür auffindbar noch könne es im Interesse des Antigonos gelegen haben, eine Stadt zu zerstören, in der er eine Garnison einrichten wollte. Das lehrt: Eine Stadt musste nicht notwendigerweise zerstört werden, wenn sie einmal eingenommen war.

Thematisch etwas außer der Reihe läuft der Beitrag von Alain Bresson, der mit dem Rhodos-Erdbeben von 227 v.Chr. keine Kriegszerstörung untersucht (189ff.). Bresson liefert eine äußerst detaillierte Untersuchung der überlieferten Hilfen, die Rhodos von diversen Herrschern erhielt. Allenfalls den politisch-sozialen Gesamtkontext der hellenistischen Welt - etwa die ideelle Alexandernachfolge der Dynasten - hätte er dabei noch stärker einbinden können. [4] Dennoch ist der Beitrag ein nicht zu ignorierender Standard für die weitere Erforschung dieses Erdbebens.

Charles K. Williams u.a. (258ff.) reflektieren ihre Untersuchungsergebnisse zur Zerstörung Korinths kritisch: Sie sind überzeugt, die wenigen Belege für die Zerstörung durch Mummius korrekt identifiziert zu haben - "but if one were to accept the downdating of Corinthian Hellenistic pottery by half a century or more, then another explanation for these contemporary deposits would have to be offered. It would almost have to be a major earthquake" (281).

Als besonders übertrieben erweisen sich mit Dylan Rogers (288ff.) die Darstellungen der Zerstörung Athens durch Sulla samt angeblicher Massenhinrichtungen. Nicht nur zeige der archäologische Befund keinen so umfassenden und systematischen Zerstörungswillen, wie die literarischen Quellen suggerieren - es mangele etwa an zu erwartenden Massengräbern. Ferner deuten die Ehrungen, die Sulla wenig später von Athen erhielt, sein recht hohes Ansehen in der Stadt an. Es seien erst deutlich spätere Quellen, seit dem zweiten Jahrhundert, die Sulla derart negativ zeichnen.

Auch wenn hier nur einige wenige Beiträge und Ergebnisse behandelt werden konnten, handelt es sich um einen lesenswerten Band. Es gelingt insgesamt schlüssig, den Wert archäologischer Befunde für die Rekonstruktion von Schadensereignissen herauszuarbeiten, wenn man sie denn mit Bedacht interpretiert. Dann können sie eine zentrale Ergänzung, wenn nicht gar ein Korrektiv zu den in ihrer Zuverlässigkeit manchmal überschätzten literarischen Quellen sein. Man mag darüber streiten, ob nicht dennoch eine eindringlichere Warnung vor Zirkelschlüssen hätte in den Band aufgenommen werden müssen - vielleicht wäre das aber zu viel betreutes Denken angesichts eines als urteilsfähig einzuschätzenden Fachpublikums. Zumal hier auch der online verfügbare Appendix lobend zu erwähnen ist: In mühevoller Kleinarbeit wurden sämtliche bekannten Stadtzerstörungen im griechischen Mutterland, im Ägäisraum und im westlichen Kleinasien mit allen verfügbaren Quellen dokumentiert und mit knappen Hinweisen etwa zur Bevölkerungsentwicklung und zu feststellbarem Wiederaufbau versehen. Damit steht allen Nutzern die höchsteigene Prüfung, wie die Evidenz einzuschätzen ist, problemlos offen.


Anmerkungen:

[1] Tac. ann. 2,47.

[2] Tac. ann. 4,55-56.

[3] Zum Ganzen Richard Posamentir: Erdbeben als Ende und Anfang. Auflösungsprozesse im römischen Osten, in: Erdbeben in der Antike. Deutungen - Folgen - Repräsentationen, hgg. von Jonas Borsch / Laura Carrara, Tübingen 2016, 115-136, hier 121-124.

[4] Hierzu ein knapper Überblick mit weiteren Nachweisen bei Philipp Deeg: Der Kaiser und die Katastrophe. Untersuchungen zum politischen Umgang mit Umweltkatastrophen im Prinzipat (31 v.Chr. bis 192 n.Chr.), Stuttgart 2019, Anhang 1.

Philipp Deeg