Rezension über:

Franz Hederer: Politik der Ökonomie. Der Reichswirtschaftsrat in der Weimarer Republik, Frankfurt/M.: Campus 2024, 415 S., ISBN 978-3-593-51833-6, EUR 54,00
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Rezension von:
Felix Selgert
Bonn
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Empfohlene Zitierweise:
Felix Selgert: Rezension von: Franz Hederer: Politik der Ökonomie. Der Reichswirtschaftsrat in der Weimarer Republik, Frankfurt/M.: Campus 2024, in: sehepunkte 25 (2025), Nr. 3 [15.03.2025], URL: https://www.sehepunkte.de
/2025/03/39247.html


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Franz Hederer: Politik der Ökonomie

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Der (vorläufige) Reichswirtschaftsrat (RWR) hat in der Forschung bisher nur sehr wenig Beachtung erfahren. Franz Hederer will diese Lücke schließen und untersucht in seiner Frankfurter Habilitationsschrift das politische Wirken des RWR in der Weimarer Republik. Die mangelnde Würdigung des Gremiums liege, so Hederer, an der Messung von Erfolg an der, vom RWR beeinflussten oder hervorgebrachten Gesetzen. Legt man dieses Kriterium an, war der RWR in der Tat ein zahnloser Tiger, dessen in Paragraf 165 der Weimarer Reichsverfassung (WRV) angelegtes Versprechen nie realisiert wurde. Der Autor erkennt zwar den fehlenden Output des RWR an, legt jedoch den Fokus auf die institutionellen Veränderungsprozesse des Gremiums. Seine Wandlungsfähigkeit und die Ausbildung einer spezifischen "institutionellen DNA" (163) habe die Persistenz des erst 1933 aufgelösten RWR ermöglicht, wobei das Gremium jedoch nie seinen prekären Charakter verloren habe. Hederer möchte so auch einen Beitrag zur Geschichte der Weimarer Republik leisten und reiht sich damit in eine Reihe neuerer Arbeiten ein, die die Offenheit des Neuanfangs und die Entwicklungsmöglichkeiten der jungen deutschen Demokratie betonen, anstatt die Republik von ihrem tragischen Ende her zu betrachten.

Hederer entwickelt seine Argumentation in fünf Kapiteln. Im ersten Kapitel formuliert er seine Fragestellung und Hypothesen. Im Kern geht es ihm um eine "Neuvermessung der praktischen Rolle des Reichswirtschaftsrats in Wirtschaftsordnung und politischem System der Weimarer Republik" (24). In Kapitel zwei untersucht er die Verfassungsnorm des RWR und deren faktische Nicht-Umsetzung. In Paragraf 165 WRW war ein universelles System von Arbeiterräten angelegt, die zusammen mit den Arbeitgebern Bezirkswirtschaftsräte bilden sollten. An der Spitze dieser Pyramide war der Reichswirtschaftsrat vorgesehen. Die Umsetzung dieses Rätesystems scheiterte jedoch, allerdings nahm 1920 ein vorläufiger, durch Verordnung geschaffener Reichswirtschaftsrat die Arbeit auf. Dessen Kompetenzen waren im Vergleich zum Verfassungsversprechen stark beschnitten. So konnte das Gremium beispielsweise nicht verlangen, dass ihm Gesetze von wirtschafts- oder sozialpolitischer Bedeutung vorgelegt oder seine Mitglieder im Reichstag gehört werden mussten. Somit folgten den hohen Erwartungen an die Verfassung sehr bald eine Ernüchterung.

Kapitel drei geht eine analytische Ebene tiefer und betrachtet unter Rückgriff auf den historischen Institutionalismus den RWR im politischen System der Weimarer Republik. Hederer identifiziert hier die drei Phasen der Erprobung (1919-1923), des Wandels (1924-1928) sowie der Infragestellung und Behauptung (1929-1933/34). Die institutionelle Entwicklung des Gremiums sei dabei vor allem durch eine institutionelle conversion geprägt gewesen. Der sich in den 1920er Jahren rapide und mehrfach wechselnden politischen Situation habe sich der RWR also institutionell angepasst. Hierzu gehörte vornehmlich der Verzicht auf Verhandlungen im Plenum zugunsten der Ausschüsse sowie eine Versachlichung und Entpolitisierung der Debatten. Auf diese Weise bildete der RWR seine "institutionelle DNA" aus, mit der er sich vom politischen Tagesgeschäft des Reichstags abzugrenzen versuchte.

Kapitel vier nimmt diesen Argumentationsfaden auf und vertieft ihn anhand von vier Fallbeispielen: "Übergangswirtschaft und Sozialisierung", "Reparations- und 'Erfüllungspolitik'", "Kartelle, Wettbewerb und Wirtschaftsordnung" sowie "Arbeitsbeschaffung und Konjunkturpolitik". So interessant und relevant diese Beispiele auch sind, wiederholen sie im Kern doch nur die Thesen des vorherigen Kapitels. Kapitel drei liest sich deshalb auch wie eine Zusammenfassung des vierten Kapitels. Die beiden Teile hätten somit ohne Probleme den Platz tauschen können. Kapitel fünf fasst die Ergebnisse noch einmal zusammen und versucht, den RWR in das Gesamtbild der Weimarer Republik zu integrieren. So sei der RWR als "politisch-kommunikative Alternative" (375) zu verstehen, die eine von den Zeitgenossen empfundene Leerstelle gefüllt habe und das politische Parlament in komplexen ökonomischen Entscheidungen entlastet und die Debatte versachlicht habe. Gleichzeitig sollte der RWR aber auch die Allmacht des politischen Parlaments abschwächen (372). Diese Leerstelle vollständig auszufüllen, gelang dem RWR allerdings nie.

Der Ansatz Hederers, den RWR nicht nach seinem legislativen Output zu bewerten, sondern nach seiner institutionellen Entwicklung, ist fruchtbar. So erfahren die Leser einiges über das Selbstverständnis der handelnden Akteure und deren wirtschaftspolitisches Denken. Es bleibt allerdings bei der Innensicht der Akteure. Wie Regierung, Reichstag oder Öffentlichkeit über den RWR dachten, offenbart das Buch nicht. Zwar treten Regierungsvertreter als Akteure auf, jedoch immer nur als Teilnehmer der Debatten oder als Adressaten des RWR. Die Fremdwahrnehmung des RWR in der Öffentlichkeit behandelt Hederer überhaupt nicht. Hierzu hätten sich beispielsweise Tageszeitungen angeboten, von denen mittlerweile viele digital verfügbar sind.

Felix Selgert