Jannis Panagiotidis / Hans-Christian Petersen (Hgg.): Antiosteuropäischer Rassismus in Deutschland. Geschichte und Gegenwart, Weinheim: Verlagsgruppe Beltz 2024, 240 S., ISBN 978-3-7799-6823-8, EUR 25,00
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Rassismus gegen Menschen aus dem östlichen Europa wird in Deutschland in Politik, Aktivismus und (Geschichts-)Wissenschaft bislang nicht ausreichend problematisiert. Dieser Leerstelle widmet sich das zu rezensierende Buch, das vor allem auf der vorhandenen, mitunter eher spärlichen deutschsprachigen Literatur und einigen ergänzenden Quellenrecherchen basiert. In ihrer instruktiven Einleitung erörtern die Autoren eine Reihe analytischer Problemstellungen. Auf Basis der Rassismusdefinition von Philomena Essed stellen sie fest, dass antiosteuropäischer Rassismus in Deutschland seit Langem und bis heute existiert. Jüngst haben Historikerinnen und Historiker auf kolonialistische Diskurse und Praktiken hingewiesen, mit denen Preußen und Deutschland ihre östlichen Nachbarn unterwarfen, ohne dass je eine formale Kolonie bestand. Die Arbeit schließt an diesen wichtigen jüngeren Forschungsstrang an.
Mit Sebastian Conrad [1] gehen die Autoren von einer "Mindestdefinition" (20) aus, demnach koloniale Verhältnisse sich durch unterschiedliche sozio-politische wie historische Verhältnisse zwischen kolonisierenden und kolonisierten Gesellschaften und durch Vorstellungen unterschiedlicher Entwicklungsstände seitens der Kolonisatoren auszeichnen. Panagiotidis und Petersen wenden sich dabei gegen eine Überdehnung des Kolonialismusbegriffs und plädieren vor diesem Hintergrund auch für notwendige analytische Differenzierungen in der Rassismusdiskussion. Zurecht benennen die Autoren Probleme des populären Critical Whiteness-Konzepts, das wegen seiner Orientierung an Hautfarben für die Analyse des antiosteuropäischen Rassismus kaum geeignet ist, trifft dieser doch Menschen, die zwar als "weiß" gelten und dennoch rassifiziert und abgewertet werden. Die "spezifische Ambivalenz der Position von Osteuropäer*innen" (21) ist analytisch hochrelevant.
Zehn Kapitel untersuchen die Geschichte des antiosteuropäischen Rassismus in Deutschland seit der Aufklärung, wobei die Analyse einschlägiger Alteritätskonstruktionen sowie die Immigration aus Ländern (süd-)östlich von Deutschland die Hauptstränge bilden. Bereits Denker der Aufklärung schufen moderne Diskurselemente, die den "Osten" abwerteten und verklärten. Das östliche Europa erhielt einen ambivalenten Zwischenstatus zwischen Orient und Okzident beziehungsweise zwischen Barbarei und Zivilisation, gleichsam als "Europe but not Europe" (31). So konstruierte man Überlegenheitsvorstellungen und eine Zivilisierungsmission, die für (völkischen) Rassismus und Antislawismus konstitutiv werden sollten. Derartige Alteritätskonstruktionen wurden seit 1848 politisch relevant, insofern mit ihnen deutschnationale Expansions- und Hegemoniebestrebungen begründet werden konnten.
Im Kaiserreich verschärften sich Diskurse und Praktiken gegenüber dem östlichen Europa. Popularisiert wurden koloniale Fantasien durch den "Ostmarkenroman", einem beliebten Literaturgenre, das Minderwertigkeitsbehauptungen sowie deutsche Herrschaftsansprüche vor allem gegenüber Polen propagierte. Etwa gleichzeitig entwickelten sich Querbezüge zur Kolonialisierung außereuropäischer Gebiete, wobei die Autoren mit Verweis auf aktuelle Forschungen auf wichtige Unterschiede zwischen den jeweiligen Diskursen hinweisen. Anders als das "nicht ganz europäische" (57) östliche Europa, galt etwa Afrika als eindeutig nicht europäisch und somit noch zivilisationsferner. Auch die herrschaftliche Praxis war in Kolonien in Afrika schärfer als gegenüber der polnischen Bevölkerung. So waren, anders als in Afrika, sogenannte Mischehen zwischen Deutschen und Polen nicht verboten und letztere konnten vorübergehend die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen. Seit den 1880er Jahren ging man jedoch zu einer verschärften Verdrängung über, die sich vor allem in der preußischen Ansiedlungspolitik sowie dem nationalen Ausschluss von Polinnen und Polen und Jüdinnen und Juden ausdrückte. Deutlich wird die wichtige Intersektionalität von Antislawismus und Antisemitismus, der den aufgeregten Diskurs um einwandernde "Ostjuden" prägte, denen man zuschrieb, schmutzig, infektiös und kriminell zu sein.
Während des Ersten Weltkriegs eroberte Deutschland großflächig östliche Gebiete und übte dort unterschiedliche Herrschaftspraktiken aus. Die Zivilverwaltung im Generalgouvernement Polen betrieb gegenüber den Einheimischen eine "Politik der begrenzten Zugeständnisse" (71). Ein nach dem Militärbefehlshaber als "Ober Ost" bezeichnetes Territorium im heutigen Baltikum besaß hingegen deutliche koloniale Züge samt rücksichtloser Ausbeutung und Germanisierungsabsichten. Niederlage und Versailler Vertrag verschoben jedoch die Grenze sogar nach Westen. In der Zwischenkriegszeit erlebte die deutsche Osteuropaforschung einen Aufschwung, der stark mit revisionistischen Perspektiven zusammenhing.
Grauenhafter Höhepunkt des antiosteuropäischen Rassismus bildeten der Zweite Weltkrieg und die Besatzung in Osteuropa - Hitlers zentrales Projekt und Feindbild. Bisherige Entwicklungen radikalisierten sich nun zu einem rassistischen und antisemitischen Ausbeutungs- und Vernichtungskrieg. Ob Siedlungskonzepte wie der Generalplan Ost als kolonial zu beschreiben sind, ist den Autoren zufolge in der Forschung umstritten, da die Nationalsozialisten den millionenfachen Tod der Einheimischen kalkulierten und somit keine Zivilisierungsmission erkennbar ist.
Kontinuitäten des antiosteuropäischen Rassismus in Deutschland seit 1945 sind eine Forschungslücke. Wichtige Anknüpfungspunkte ergaben sich etwa im antikommunistischen Diskurs, der rassistisch und antisemitisch angereichert war. Wichtig sind zudem Kontinuitäten und Brüche in (Arbeits-)Migrationsprozessen aus dem östlichen und südöstlichen Europa nach Deutschland, die für Bundesrepublik und DDR gleichermaßen bedeutend waren. Anhand von Artikeln des Magazins Der Spiegel zeigen die Autoren die ambivalente Auseinandersetzung mit Menschen, die vor den realsozialistischen Regimen flohen und in diesem Kontext eine diskursive Aufwertung erfuhren, gerade im Vergleich zu Geflüchteten aus außereuropäischen Ländern. Diese relative Besserstellung ist jedoch prekär, wie sich vor allem seit der EU-Osterweiterung mit Blick auf Abwertungsdiskurse um Kriminalität und Armutszuwanderung zeigt, in deren Zentrum häufig zugewanderte Roma stehen und die auffallend an den "Ostjuden"-Diskurs erinnern. Aus jüngerer autobiografischer und autofiktionaler Literatur von Autorinnen und Autoren mit Migrationsbezug zu Polen und zur Sowjetunion arbeiten die Autoren rassistische Erfahrungen der Betroffenen heraus. Die Ambivalenz des antiosteuropäischen Rassismus wird hier in der spezifischen (Un-)Sichtbarkeit der Zugewanderten und ihrer Nachkommen deutlich, denen Assimilationschancen über das Beherrschen der deutschen Sprache und Bildungsaufstieg offener stehen als anderen rassifizierten Personengruppen.
Die Autoren schließen mit einer Forderung nach einer "Osterweiterung" (210) der Rassismus- sowie der Kolonialismusdebatte in Deutschland, zumal sie die Aktualität des gesellschaftlichen Problems nachweisen. Dass Reden über "Russophobie" (23) seit der russischen Totalinvasion der Ukraine in propagandistischer Absicht zugunsten des Kremls genutzt werden, mache differenzierte Betrachtungen umso notwendiger. Gerade für die Geschichtswissenschaft, so ließe sich hinzufügen, ist hieraus ein Auftrag zu weitergehenden Forschungen abzuleiten. Panagiotidis' und Petersens Arbeit bildet eine gelungene und gut lesbare Synthese des vorhandenen Forschungsstands, die bestehende Problemstellungen der Forschung sowie Desiderata nachvollziehbar macht.
Anmerkung:
[1] Vgl. Sebastian Conrad: Deutsche Kolonialgeschichte, 2. Aufl., München 2012, 15.
Felix Matheis