Rezension über:

Ulrich Lappenküper / Wolfram Pyta (Hgg.): Entscheidungskulturen in der Bismarck-Ära (= Otto-von-Bismarck-Stiftung. Wissenschaftliche Reihe; Bd. 32), Paderborn: Brill / Ferdinand Schöningh 2024, 335 S., ISBN 978-3-506-79289-1, EUR 56,00
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Rezension von:
Matthias Stickler
Institut für Geschichte, Julius-Maximilians-Universität, Würzburg
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Stickler: Rezension von: Ulrich Lappenküper / Wolfram Pyta (Hgg.): Entscheidungskulturen in der Bismarck-Ära, Paderborn: Brill / Ferdinand Schöningh 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 6 [15.06.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/06/39221.html


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Ulrich Lappenküper / Wolfram Pyta (Hgg.): Entscheidungskulturen in der Bismarck-Ära

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Die Interpretation der Geschichte des Deutschen Kaiserreichs hat in den letzten zehn Jahren immer wieder Stoff für Forschungskontroversen geliefert. Dabei war auffällig, dass, als eine Art Nachhall des Gedenkjahrs 2014, unter den Wortmeldungen auch Schwarz-Weiß-Zeichnungen waren, die sich im Fahrwasser der alten These vom "deutschen Sonderweg" bewegten. Der hier zu besprechende Band bietet demgegenüber insgesamt wohltuend abgewogene Beiträge. Die Thesen der Autoren basieren, was nicht weiter verwundert, auf deren einschlägigen Forschungsergebnissen in den Jahren zuvor. Insofern werden auch keine grundstürzend neuen Ergebnisse präsentiert, aber fundierte Analysen, die geeignet sind, zur Versachlichung einer bisweilen auch von schrillen Tönen begleiteten Debatte beizutragen.

Der Terminus "Entscheidungskulturen" knüpft an Ergebnisse des Sonderforschungsbereichs "Kulturen des Entscheidens" der Universität Münster (2015-2019) an, dessen Schwerpunkt allerdings auf der Frühen Neuzeit lag. Die beiden Herausgeber machen ferner Theorien der entscheidungssoziologischen Forschung fruchtbar, v.a. auch die von Uwe Schimank. Im Kern geht es darum, ob bzw. inwieweit politische Entscheidungen in der Bismarck-Ära von Einzelpersönlichkeiten, den viel beschworenen "großen Männern", determiniert wurden oder das Ergebnis komplexer Aushandlungsprozesse einer Mehrzahl von Akteuren waren. Der Band versucht hierbei kultur- und politikgeschichtliche Theorieansätze miteinander zu verbinden. Dies gelingt nicht in allen Beiträgen gleich überzeugend, was sich unter anderem auch daran zeigt, dass der Untersuchungszeitraum von einigen Autoren auf das ganze Kaiserreich ausgedehnt wird.

Der erste Aufsatz von Jan Markert "Das Kaiserreich, kein Bismarckreich. Wilhelm I. in neuer Perspektive" stellt gleichsam einen Fanfarenstoß dar. Markert, der inzwischen seine durch eine Vielzahl einschlägiger Aufsätze, zu denen auch dieser gehört, angekündigte bzw. beworbene Oldenburger Dissertation "Wilhelm I. Vom "Kartätschenprinz" zum Reichsgründer" (Berlin/Boston 2025) als Buch vorgelegt und damit auch ein vielfältiges Medienecho erreicht hat, bürstet gleichsam die bisherige Forschung zum "Bismarck-Reich" gegen den Strich: Er rückt Wilhelm I. als "großen Mann" in den Vordergrund. Markert hat für diese These viel, auch publizistische, Aufmerksamkeit, aber auch Widerspruch erfahren. Die Ergebnisse der anderen Autoren relativieren ebenfalls Markerts steile These in vielfältiger Weise, die dennoch geeignet ist, einen provokativen inhaltlichen Akzent zu setzen. Frank Lorenz Müller beschäftigt sich mit der kurzen Herrschaft des "Hundert-Tage-Kaisers" Friedrichs III., dessen Scheitern er überzeugend herausarbeitet. Dieses Fallbeispiel ist geeignet, Wolfram Pytas These eines "Kompromissorientierten Konstitutionalismus" in den Jahren 1871 bis 1890 ein Fragezeichen entgegenzusetzen. Hinzuzufügen ist allerdings, dass Pyta wichtige Argumente gegen eine immer noch weitverbreitete Interpretation von Bismarcks Regierungsstil liefert, die einseitig das konfrontative Muster ("Reichsfeinde") betont. Ähnlich argumentiert auch Ulrich Lappenküper in seinem Beitrag "Entscheidungskulturen im politischen Handeln Otto von Bismarcks", der herausarbeitet, dass Bismarck bei aller Bereitschaft zur Konfrontation gerade kein "Diktator" bonapartistischer Prägung war, sondern, im Zentrum der Macht stehend, einer Vielzahl von Akteuren gegenüberstand, die einem reinen Durchregieren im Wege standen.

Oliver F. R. Haardt arbeitet in diesem Zusammenhang den rasch eintretenden Bedeutungsverlust des Bundesrats heraus, der keineswegs die Schlüsselstellung im politischen System des Kaiserreichs wahren konnte, die Bismarck ihm einst zugedacht hatte; er verlor vielmehr sukzessive an Bedeutung, was indirekt und gegen Bismarcks ursprüngliche Intention den Reichstag als Gegenüber von Kaiser und Reichskanzler aufwertete. Stefan Gerber hebt in seinem Aufsatz zum Thema "'Eiertanz'? Ludwig Windthorst und die Entscheidungskulturen im Reichstag der Bismarck-Ära" die zentrale Rolle dieses Zentrumspolitikers als politischer Akteur hervor und arbeitet insofern an diesem Beispiel die Bedeutung von Einzelpersönlichkeiten für Entscheidungskulturen heraus. Holger Afflerbach betont vor allem die extrakonstitutionelle Stellung des Militärs und damit den Vorrang der Kultur des Militärischen gegenüber der zivilen Welt.

Friedrich Kießling behandelt Diplomaten als Entscheidungsträger und Cornelius Torp die Rolle der Wirtschaftsverbände. Bei diesen beiden Beiträgen zeigt sich, wie auch bei Afflerbach, dass das Rahmenthema "Entscheidungskulturen" bei solchen Akteuren offensichtlich seine Grenzen hat. Modernes multipolares Entscheidungshandeln erkennen Kießling und Torp erst nach 1890. Dies ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb diese Autoren den Zeitraum bis 1914 in den Blick nehmen. Einen besonderen Akzent setzt Birgit Aschmann in ihrem Beitrag "Emotionen als gamechanger in den Kulturen des Entscheidens der Bismarckzeit". Sie stellt, vor allem am Beispiel der Juli-Krise des Jahres 1870, die Bedeutung kulturell geprägter Gefühlswelten bzw. eines spezifisch männlichen Ehrbegriffs der politischen Akteure, und hierbei vor allem Otto von Bismarcks, in den Vordergrund ihrer Analyse. Diese Facette der Persönlichkeit des "Eisernen Kanzlers" ist zweifellos bedeutsam. Man fragt sich aber schon, ob ihre Befunde wirklich den zwingenden Schluss zulassen, dass es sich hierbei um einen gamechanger handelt.

Den Abschluss des Bandes bildet ein Beitrag des früheren Kanzleramtsministers und Bundeswirtschaftsministers Peter Altmaier (CDU), der sich mit Entscheidungskulturen der Gegenwart beschäftigt und hierbei selbstverständlich auf seine vielfältigen politischen Erfahrungen rekurrieren kann. An diesen Beitrag kann man, obgleich der studierte Jurist Altmaier bekanntermaßen ein sehr belesener, historisch interessierter Zeitgenosse mit einer bemerkenswerten, großen Privatbibliothek ist, dessen Interesse auch der Geschichte des Deutschen Kaiserreichs gilt, selbstverständlich nicht den gleichen Maßstab anlegen wie an die Aufsätze der in dem Band versammelten Fachwissenschaftler. Altmaiers Ausführungen sind aber dennoch lesenswert und passen auch gleichsam als finaler Ausblick, weil Altmaier schlaglichtartig ihn interessierende politische Themen (auch) in historischer Perspektive in den Blick nimmt. Wenn immer wieder beklagt wird, dass heutige Politiker sich jenseits von Schlagworten der historischen Dimensionen ihres Handelns nicht mehr bewusst sind, so finden wir hier in mancherlei Hinsicht ein Gegenbeispiel.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der vorliegende Sammelband bei allen kritischen Anmerkungen im Detail als sehr gelungen bezeichnet werden kann. Die Beiträge liefern in der Summe keine fertigen bzw. abgeschlossenen Antworten auf die gestellten Fragen, es werden vielmehr divergierende Sichtweisen deutlich. Widersprüche werden nicht geglättet, sondern es wird ein mehrstimmiges Konzert zur Geschichte des Bismarck-Reichs präsentiert bzw. dokumentiert, das sich auch auf Dissonanzen einlässt. Insofern entsteht ein differenziertes Bild, das deutlich macht, dass das Deutsche Kaiserreich ein sich dynamisch fortentwickelnder monarchischer Bundesstaat war, weshalb sich schlichte Schwarz-Weiß-Interpretationen verbieten. Deshalb eignet sich das Kaiserreich auch nicht für schlichte Instrumentalisierungen im Rahmen einer modisch gewordenen, geschichtspolitisch motivierten Erinnerungskultur, sei es in apologetischer oder in dämonisierender Absicht. Insofern ist dem gut lesbaren Band weite Verbreitung zu wünschen.

Matthias Stickler