Winfried Baumgart (Hg.): Hans von Seeckt. Aufzeichnungen und politische Korrespondenz 1917 - 1935, Paderborn: Brill / Ferdinand Schöningh 2025, XXXVIII + 324 S., 1 Tbl., ISBN 978-3-506-79779-7, EUR 99,00
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Winfried Baumgart, emeritierter ordentlicher Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität zu Mainz, ist vielen früheren (und vielleicht auch noch jüngeren) Geschichtsstudenten bekannt durch sein unumgängliches "Bücherverzeichnis zur deutschen Geschichte". Die erste Auflage dieser Bücherkunde erschien 1969. Der Verfasser dieser Rezension hat einen Band der "7. durchgesehenen und erweiterten Auflage" von 1988 im Regal stehen; sie war nicht die letzte Überarbeitung. Auch über dieses Hilfsmittel des Historikers hinaus ist Baumgart durch zahlreiche Akteneditionen weltbekannt und zuletzt 2020 mit den edierten Erinnerungen des bayerischen Generals Friedrich Freiherr Kreß von Kressenstein hervorgetreten. [1]
Nun legt Baumgart eine Edition mit wesentlichen Schriftstücken aus dem Nachlass des Generals Hans von Seeckt (1866-1936) vor, einer der "bedeutendsten und faszinierenden Persönlichkeiten der neuesten deutschen Geschichte" (VII). Wer will dem widersprechen? Immerhin gilt Seeckt doch als der Schöpfer der bekannten Parole "Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr!", die immer noch durch Veröffentlichungen zur Weimarer Republik geistert, obwohl sie längst in Frage gestellt werden muss, wenn nicht gar widerlegt ist. Es liegen zwei Seeckt-Biografien vor, von Friedrich von Rabenau (erschienen 1942) und Hans Meier-Welcker (erschienen 1967), dem ersten Chef des Militärgeschichtlichen Forschungsamts der Bundeswehr, mit denen alles über Seeckt gesagt scheint. Zudem existiert mit der Aktenedition "Militär und Innenpolitik" ein zwar älteres, aber umfassendes Sammelwerk, das wesentliche Schriftstücke auch von Hans von Seeckt enthält. [2] Ein Drittel der im vorliegenden Band abgedruckten Dokumente sind dort und anderswo bereits prominent veröffentlicht. Ist dann noch eine solche Quellensammlung notwendig?
Zuerst einmal ist es sicherlich hilfreich, die im Seeckt-Nachlass im Militärarchiv des Bundesarchivs vorhandenen Briefe und Schriftstücke in einer Sammlung geschlossen vorzufinden, selbst wenn der Nachlass mittlerweile vollständig digitalisiert ist. [3] Freilich bedarf es bei seiner Nutzung ausgewiesener Kenntnisse der Handschriftendechiffrierung. Dann lässt sich das militärische und politische Denken Hans von Seeckts, des "Schöpfers der Reichswehr", problemlos nachvollziehen.
Der Edition vorangestellt ist ein kurzes Vorwort, das eine 25-seitige Einführung in den Band und eine Beschreibung von Seeckts Lebenswegs sowie seiner grundlegenden Auffassungen bietet. Hier erfährt der Leser, dass Seeckt die parlamentarische Republik von Weimar nicht als ein "noli me tangere" betrachtete. Für ihn war der Staat, das Reich, mehr als ein Verfassungsstaat. Dass er nicht bereit war, ihn zu schützen, legt der oben genannte Ausspruch aus der Nacht des Kapp-Putsches 1920 nahe - aber bislang haben sich Historiker noch nicht die Mühe gemacht, Seeckts Verhalten damals gegenüber Reichswehrminister Gustav Noske (1868-1946) einer ausgewogenen Kritik zu unterziehen. Baumgart bleibt die Auflösung dieses Dilemmas schuldig, wie man die Reichshauptstadt mit einer unterlegenen und nach innen nicht gefestigten Truppe gegen eine hochmotivierte und gut ausgerüstete Privatarmee mit Aussicht auf Erfolg hätte verteidigen sollen.
An diesem Konflikt des Jahres 1920 wird aber auch Seeckts Haltung zur Politik und zu seinem Minister deutlich, wie er sie schon zuvor gegenüber Noske verdeutlicht hatte: Der Minister habe die Drecksarbeit zu machen und sich aus dem Militär herauszuhalten. Das bleibe wie immer gleich: "Die Form wechselt, der Geist bleibt der Alte." Mit, neben oder unter dem Reichswehrminister Dr. Otto Geßler (1875-1955), einem vormaligen Oberbürgermeister Nürnbergs, spielte Seeckt dieses Spiel weiter. Beide arrangierten sich, wobei sich - ausweislich der abgedruckten Dokumente - beide nicht mochten. Seeckt genügte es, der Generalissimus mit unbeschränkten Vollmachten zu sein, wohingegen Geßler frühzeitig seine Rolle als parlamentarischer Kugelfang übernahm [4] - bis er Seeckt 1926 entlassen ließ.
Insofern sind für Interessierte besonders Seeckts Aufzeichnungen über seinen Abschied interessant, die er durch die Einladung des Prinzen Wilhelm von Preußen (dem Sohn des vormaligen Kronprinzen Wilhelm) zu einem Manöver der Reichswehr im Sommer 1926 provoziert hatte. Dieses Dokument ist das ausdrucksstärkste des Bandes. Darin spiegelt sich Seeckts antidemokratische, aber zugleich lange Zeit pragmatische Haltung gegenüber der Republik als Staatsform und zugleich die innere Ablehnung aller Vorgesetzten wider. Er handelte oft ohne Rücksicht auf seinen Minister, der nach außen die Reichswehr vertreten und politisch rechtfertigen musste - selbst wenn Seeckt ihn vielmals vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. Der General schob nun vor, er habe den Minister nicht über diesen Besuch informieren können, weil dieser zwischen April und August nicht im Dienst gewesen sei. Er versuchte offensichtlich nicht einmal, seinen Minister, der sicher auffindbar gewesen wäre, zu erreichen. Diese Eigenmächtigkeit war die letzte, die Seeckt sich erlauben konnte. Reichspräsident Paul von Hindenburg legte dem Ansinnen der Reichsregierung, den General loszuwerden, keine Steine in den Weg.
Insgesamt liegt eine spannende Edition vor, die Seeckt viel differenzierter erscheinen lässt, als es die bisherigen Werke und Phrasen über ihn nahelegen. Schade ist nur, dass Baumgart die mittlerweile doch üppige Literatur zur Weimarer Republik, zur Reichswehr und zu deren Akteuren völlig außer Acht lässt. Die Anmerkungen erschöpfen sich überwiegend in Namen und Lebensdaten - selbst wenn es Literatur zu den Personen gibt. Das gilt nicht nur für Otto Geßler. Die Literaturliste im Anhang muss damit als wenig hilfreich bewertet werden, sie listet in Teilen alte Werke zur Reichswehr auf, die es ihrerseits bereits zur Zeit des Erscheinens an archivalischen Grundlagen haben missen lassen. Und im Übrigen begann Hans von Seeckt seinen militärischen Dienst als Fahnenjunker im "Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1" in Berlin und nicht in Potsdam beim "1. (Potsdamer) Garde-Grenadier-Regiment".
Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu auch https://www.sehepunkte.de/2021/05/34652.html .
[2] Online verfügbar unter https://kgparl.de/publikationen/?_pusearch=Milit%C3%A4r.
[3] Zu recherchieren über https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/main.xhtml.
[4] Vgl. Reichswehrpolitik in der Weimarer Zeit, Geleitwort von Theodor Heuss, hg. von Kurt Sendtner, Stuttgart 1958, 136.
Heiner Möllers