Nele Falldorf / Nina Kleinöder / Christian Marx (Hgg.): Migration und Unternehmen. Die vergessenen Akteure der deutschen Wirtschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert (= Bochumer Schriften zur Unternehmens- und Industriegeschichte; Bd. 3), Paderborn: Brill / Ferdinand Schöningh 2026, 305 S., 1 s/w-Abb., 4 Tbl., ISBN 978-3-506-79830-5, EUR 89,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Paul Windolf / Christian Marx: Die braune Wirtschaftselite. Unternehmer und Manager in der NSDAP, Frankfurt/M.: Campus 2022
Christian Marx: Wegbereiter der Globalisierung. Multinationale Unternehmen der westeuropäischen Chemieindustrie in der Zeit nach dem Boom (1960er-2000er Jahre), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2023
Nina Kleinöder / Stefan Müller / Karsten Uhl (Hgg.): "Humanisierung der Arbeit". Aufbrüche und Konflikte in der rationalisierten Arbeitswelt des 20. Jahrhunderts, Bielefeld: transcript 2019
Die Bundesrepublik Deutschland gilt heute übereinstimmend als Migrationsgesellschaft. In den Anfängen der Bundesrepublik wurden Migrant:innen meist als Arbeitskräfte in den Industriebetrieben, als "Gastarbeiter" wahrgenommen. Migrant:innen waren jedoch schon bald in sämtlichen Branchen des Arbeitsmarktes vertreten und zunehmend in Unternehmensgründungen involviert. Dennoch enden viele Untersuchungen zu arbeitenden Migrant:innen "vor dem Werkstor". (17) Der Sammelband setzt sich daher zum Ziel, eine Verbindung zwischen Migrations- und Unternehmensgeschichte herzustellen.
Die Herausgebenden legen einen weiten Unternehmensbegriff zugrunde: "Unternehmen" umfasst weitestgehend unternehmerisches Handeln, sodass abhängige Lohnverhältnisse ebenso berücksichtigt werden wie migrantische Kleinunternehmen. Damit bietet der Band zwei Perspektiven: Unternehmen werden als Orte alltagsgeschichtlicher Erfahrungen und Sozialisation verstanden; zugleich erscheinen Migrant:innen als Akteure mit eigener Agency. Der Fokus verschiebt sich von einer institutions- zu einer akteursbezogenen Migrationsgeschichte.
Die ersten Beiträge behandeln Grundlagen migrantischen Unternehmertums und Wissens. Hartmut Berghoff zeigt, dass migrantisches Unternehmertum vielfältige Formen und Motive umfasst: Unternehmen können transnational ausgerichtet sein, als "ethnische Enklaven" die eigene Community versorgen, Ressourcen für das Herkunftsland mobilisieren oder als Reaktion auf verschlossene Zugänge entstehen. Migrant:innen sind Akteur:innen mit eigenen Zielen. "Foreignness" kann Chance und Belastung sein. Jan Logemann untersucht das Potenzial migrantischen Wissens für Unternehmen. "Migrant knowledge" ist vielfältig, Mobilität erkennt er als grundlegenden Modus historischer Wissensproduktion. Die Nutzbarkeit des Wissens hängt von der Haltung des Aufnahmelandes ab: Restriktionen, Barrieren, Diskriminierung und Vorurteile können Anerkennung verhindern, eine offene Haltung Implementierung begünstigen. Welche Wissensbestände anerkannt werden, hängt von institutionellen und sprachlichen Barrieren sowie Diskriminierung und Vorurteilen ab.
Mehrere Beiträge widmen sich Migrant:innen als Gewerbetreibenden. Margit Schulte Beerbühl skizziert die Lebens- und Arbeitswelten italienischer Eismacher:innen. Sie hebt hervor, dass italienische Wanderarbeiter maßgeblich zur Verbreitung von Speiseeis in Deutschland beitrugen. Der saisonale Eisverkauf wurde zum zweiten Standbein und förderte Kettenmigration; ein Boom setzte in der Nachkriegszeit ein. Frauen stellten nur einen kleinen Anteil und arbeiteten eher im Service und in der Geschäftsleitung als in der körperlich anstrengenden Eisfertigung. Stefan Zeppenfeld untersucht migrantische Läden. Während Eisdielen früh deutsche Kundschaft ansprachen, galten migrantische Läden zunächst als Mittel zur Bedarfsdeckung der eigenen Landsleute. Zeppenfeld zeigt jedoch, dass sie Lücken schlossen, die durch deutsche Geschäftsschließungen entstanden. Die Inhaber:innen handelten innovativ; kostensparende Lösungen wurden jedoch häufig als "Ghettoisierung" aufgefasst. Zeppenfeld plädiert daher für eine Dekonstruktion rassistischer Narrative. Alisha Edwards untersucht migrantische Sexarbeiterinnen in Deutschland und Großbritannien und verdeutlicht dabei die Bedeutung von Intersektionalität. Restriktionen und Stigmatisierung von Sexarbeit erzeugten Grauzonen und begrenzten für Migrantinnen selbstbestimmte Handlungsmöglichkeiten. Die Konzentration auf Zwangsprostitution, verbunden mit rassistischen und sexistischen Stereotypen, erschwerte den Zugang zu sicheren Arbeitsbedingungen und grundlegenden Arbeitsrechten.
Mit Migrant:innen in Großunternehmen befassen sich Lena Foerster, Simon Goeke und Katharina Bothe/Harald Wixforth. Foerster untersucht die Konfliktregulierung bei der Hüttenwerke Oberhausen AG (HOAG). Der Ausschuss für Personalfragen fungierte als eine Art "Werksgericht". Ausländische Beschäftigte brachten über Sprecher Beschwerden vor, klärten Missverständnisse und nutzten Arbeitsniederlegungen als Machtressource. Die HOAG nahm diese Anliegen ernst; zugleich wurden Beschwerden und Fehlverhalten mit dem Stereotyp des "südländischen Temperaments" verharmlost. Auch Simon Goeke thematisiert die Erinnerungskultur migrantischer Proteste. Mobilität und migrantische Streiks galten als Risiko für die innere Sicherheit der Bundesrepublik. Am Streik italienischer VW-Arbeiter in Wolfsburg 1962 zeigt Goeke, dass Migrant:innen Streiks gezielt als Kritikinstrument nutzten. Obwohl das Unternehmen Forderungen erfüllte, kündigte es zahlreiche italienische Arbeiter; die Berichterstattung wertete den Protest als Ausdruck "südländischen Temperaments". Die Erinnerung macht Fortschritte und offene Forderungen sichtbar. Bothe/Wixforth thematisieren migrantische Arbeitskräfte in der deutschen Werftindustrie. Unternehmen wollten Migrant:innen zunächst qualifizieren. Fehlende Anerkennung von Abschlüssen führte jedoch häufig zu Hilfsarbeiten sowie gefährlichen und prekären Tätigkeiten. Der Wandel von blue- zu white-collar-Tätigkeiten schloss migrantische Beschäftigte weitgehend aus. Oral-History-Interviews verdeutlichen das Fehlen einer integrativen Unternehmensführung. Die Beiträge veranschaulichen, wie Migrant:innen in verschiedenen Bereichen zu Akteur:innen wurden.
Christoph Lorke und Nele Falldorf untersuchen die Verflechtungen von Unternehmen, Migration und Verwaltung. Lorke zeigt am Beispiel Güterslohs, wie ansässige Unternehmen wie zum Beispiel Bertelsmann und Miele mit der Stadtverwaltung kooperierten. Enge Beziehungen zwischen Verwaltung und Unternehmensspitzen führten 1984-1987 zur Schaffung mehrerer Dutzend zusätzlicher Ausbildungsplätze. Die Stadt verstand sich als "ausländerfreundlich und tolerant" und wirkte mit Unternehmen auf Migrationspolitik ein. Auch Falldorf verdeutlicht die Bedeutung nichtstaatlicher Akteur:innen für Arbeitsmarktintegration. Am Beispiel chilenischer Geflüchteter in den 1970er Jahren zeigt sie, dass die Bundesrepublik bei deren Aufnahme neben der humanitären Situation auch sicherheits- und arbeitsmarktpolitische Kriterien berücksichtigte. Für bereits aufgenommene Personen prägten dagegen NGOs, Kirchen, Hochschulen und Gewerkschaften durch Unterstützung den qualifikationsgerechten Arbeitsmarkteintritt. Erfolgreiche Erwerbsbiografien zeichneten sich durch hohe Motivation zum Spracherwerb und zur Teilhabe aus.
Obwohl der breite Unternehmens-Begriff zu analytischer Unschärfe führen könnte, funktioniert das Konzept des Sammelbandes sehr gut. Gerade das breite Verständnis von Unternehmen als unternehmerisches Handeln ermöglicht dem Band eine vielfältige Darstellung migrantischer Akteur:innen und bricht dadurch mit dem stereotypen Bild des "Gastarbeiters". In den Beiträgen werden dadurch strukturelle und rassistische Barrieren deutlich gemacht, innerbetriebliche Konflikte aufgearbeitet und die Bedeutung nichtstaatlicher Akteur:innen skizziert. Vor allem gelingt es den Beitragenden jedoch, Migrant:innen und ihr Handeln in den Vordergrund zu rücken und durch die Synthese von unternehmens- und migrationshistorischer Betrachtung die aktuelle Forschungslandschaft zu ergänzen.
Patricia Zeitz