"Sous les figues" von Erige Sehiri (Tunesien, Frankreich, Schweiz, Deutschland, Qatar 2022) und "Le bleu du caftan" von Maryam Touzani (Marokko, Frankreich, Belgien, Dänemark 2022)

Von Assia Maria Harwazinski, Tübingen


Zwei arabische Beiträge machten während der 39. Französischen Filmtage auf sich aufmerksam. Sie scheinen wie die Verlängerung des arabischen Frühlings - der schnell wieder abgewürgten "Arabellion" - durch Kultur schaffende, engagierte wie mutige Frauen aus diesen Ländern zu sein, friedfertig fortgeführt und weiter getragen durch internationale Kooperationen, was in den vergangenen Jahren bereits durch mehrere Filmproduktionen von Leyla Bouzid (Spielfilmdebüt "À peine j'ouvre les yeux" 2015), Haifa'a al-Mansour (Spielfilmdebüt "Das Mädchen Wadjda", 2012) und Marwa Zein (Dokumentarfilm "Khartoum Offside" über die erste sudanesische Frauenfußballmannschaft, 2019) gezeigt wurde.

"Sous les figues" von Erige Sehiri (Tunesien, Frankreich, Schweiz, Deutschland, Qatar 2022)

Erige Sehiri präsentiert mit "Sous les figues" ihren ersten Spielfilm, der dennoch einen stark dokumentarischen Charakter hat, denn die Darsteller sind alle Laien aus einem Bergdorf im Nordwesten von Tunesien: Landarbeiter und -arbeiterinnen, die in der Erntesaison auf Feigenplantagen arbeiten. Im Original lautet der Titel "Tahta š-šağara" (Unter dem Baum). Er wurde während der 39. Französischen Filmtage Tübingen-Stuttgart als internationaler Wettbewerbsbeitrag vorgestellt.

Hauptdarstellerin ist die junge Fidé Fdhili, die auch den Kontakt zu anderen Dorfbewohnern herstellte und weitere Darsteller rekrutieren half. Sie war von der Idee, einen Film zu drehen und darin mitzuwirken, begeistert. Wirklich viel passiert nicht in diesem Streifen; man wird zur Arbeit auf der Plantage eingesammelt und hingefahren, wo man sich den ganzen Tag nebenbei unterhält und erzählt. Hier, unter den weit nach unten reichenden Feigenbäumen, geht das, da sie nicht nur Schatten, sondern auch einen gewissen Schutz vor Blicken der Anderen bieten. So kann man genau hier auch flirten, sich mit Männern austauschen, die man lange nicht gesehen oder neu kennen gelernt hat. Und das tun die jungen Frauen, die eigentlich noch Mädchen sind: Flirten, was das Zeug hält, kokettieren, Heiratspläne schmieden oder fallen lassen, erste Erfahrungen mit der Liebe austauschen, die oft noch sehr platonisch und unschuldig sind. Hier kontrolliert sie niemand, höchstens ihr Gegenüber. Man spricht darüber, ob man schon einmal liiert war - was bedeuten kann, dass man den Partner noch nie gesehen hat und die Verbindung wieder gelöst wurde, auch welchen Gründen auch immer. Geschichten auch über Andere, die bereits hier gearbeitet haben und vom Chef belästigt, gar geschwängert wurden und eine Abtreibung vornehmen ließen. Folglich muss man auf der Hut vor ihm sein. Die älteren Frauen sitzen mittags zum Picknick etwas getrennt von den jungen, erzählen ihre eigenen Geschichten zum Essen, einem einfachen Mahl aus Brot, Nudeln, Gemüse und sehr süßem Tee. Von unglücklicher Liebe, die eine Ältere - sie kannte den Mann, mit dem sie verheiratet wurde, vorher nicht - in einem Lied so eindrücklich besingt, dass man erahnen kann, wo der spanische Flamenco-Gesang, der Cante Jondo, seinen Ursprung hatte. Doch auch die Männer haben ihre Geschichten und Probleme, vor allem mit unerfüllter Sexualität. Man kann nichts mit einem Mädchen machen, sie nicht einmal küssen, wenn man nicht mit ihr verheiratet ist. So gibt es die Empfehlung eines Freundes, doch einmal nach Nabeul (ein sehr touristischer Ort an der Küste von Kap Bon, Zentrum der Keramikindustrie) zu fahren, dort gäbe es offenere Frauen, die nicht so zimperlich seien, die Musik hören, tanzen und küssen würden, vielleicht sogar mehr. Es kommt sogar zu einem heftigen verbalen Schlagabtausch zwischen der jungen, selbstbewussten Fidé und einem alten Mann, der ebenfalls dort arbeitet, als es um Politik und die Rolle der Frauen darin geht. Fidé weist zurück, dass die Frauen keine Bedeutung hatten, keine Rolle gespielt haben im Befreiungskampf gegen die französischen Kolonisatoren, sie hätten genauso ihren Teil dazu beigetragen und würden dies auch heute in vielen Bereichen tun. Der alte Mann beschwert sich und fragt, weshalb Fidé die Männer so beleidigen und anklagen müsse; ihm ist Rebellion und Widerstand einer Frau offenbar fremd und zuwider. Dieser Streit war nicht im Drehbuch geplant, er entwickelte sich völlig spontan und wurde bewusst im Film beibehalten informierte eine Mitarbeiterin der Regisseurin. - Am Ende der Arbeitswoche werden alle ausbezahlt, mit einem nicht sehr üppigen Lohn, auf den sie dennoch angewiesen sind. Man fährt gemeinsam auf der Ladefläche der Pick-Up-LKWs wieder zurück ins Dorf, fröhlich singend und klatschend, mit und ohne Kopftücher.

Die Mitarbeiterin der Regisseurin erläuterte den Titel und eine kleine Szene im Film, wo einige zerquetschte Feigen aussortiert und weggeworfen werden: Die Feige sei eine empfindliche Frucht, eigentlich eine nach innen gewachsene Blume. So sei es auch häufig mit Beziehungen, auch sexueller Art; man muss sehr behutsam mit ihnen umgehen, damit sie nicht verletzt oder zerstört werden. Die Feige als umfassendes Sinnbild für Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit. Sie berichtete davon, dass der Streifen in Tunesien privat organisiert in Kulturzentren und auf dem Filmfestival in Karthago gezeigt wurde und die Darsteller alle sehr stolz darauf sind, darin mitgewirkt zu haben. Zum ersten Mal wurde ihnen, als ansonsten völlig unbeachtete Landbevölkerung, Aufmerksamkeit gewidmet und eine Bedeutung zugewiesen, die sie bisher nicht hatten. Er ist gekennzeichnet von einer frischen Natürlichkeit, Spontanität und Unbekümmertheit der Darsteller, die vermutlich ihrem Laienstatus geschuldet ist. Alle sprechen im tunesisch-arabischen Dialekt.

Der Film hatte seine Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes im Mai 2022 und wurde danach noch auf dem Filmfest München, demjenigen in Karlovy Vary, dem Festival International du Film in Namur, dem Toronto Film Festival und dem Chicago International Film Festival gezeigt. "Sous les figues" erhielt im Rahmen der Französischen Filmtage den Filmtage-Preis der Jury im Internationalen Wettbewerb.

"Le bleu du caftan" von Maryam Touzani (Marokko, Frankreich, Belgien, Dänemark 2022)

Der feinfühlige Film von Maryam Touzani spielt im Titel auf die präzise Unterscheidung der Farbtöne an - bei Stoffen ebenso wie bei allen Dingen, aus denen der Stoff des Lebens gemacht ist. Die ersten Bildsequenzen zeigen den blauen Stoff, der sich in weichen, schimmernden Wellen im Hintergrund zeigt. Es ist die Liebesgeschichte eines kinderlosen Paares, das gemeinsam eine Schneiderei betreibt - nach altem Stil, ohne Einsatz von Nähmaschinen, mit ausschließlicher Handarbeit im traditionellen Bereich der Herstellung von Kaftans, ein Handwerk, das vom Aussterben bedroht ist. Viele dieses typisch arabischen Kleidungsstücks sind Auftragsarbeiten für besondere Anlässe, wie beispielsweise Hochzeiten. Die Frau, Mina (Lubna Azabal), unterstützt ihren Mann Halim (Saleh Bakri) in jeder Hinsicht, Sorgen ebenso wie auf humorvolle Weise Frustrationen teilend, seine Kunstfertigkeit anerkennend und beschützend; Beide leben in ihrer Wohnung wie in einem geschützten Kokon, solange die Fenster zur Nachbarschaft geschlossen bleiben. Halim verarbeitet nur die schönsten und hochwertigsten Stoffe zu aufwendig verarbeiteten Kaftans. Da sie schwer erkrankt ist, lassen ihre Kräfte nach. Ein junger Mann, der sich für das Schneider-Handwerk interessiert, wird als Lehrling angenommen - ein schöner Mann mit starker Ausstrahlung (Ayoub Missioui). Mina beobachtet Ehemann und Lehrling aufmerksam. Ihr Mann hat gelernt, seine Homosexualität sein Leben lang zu verbergen - bis heute der Normalfall im arabisch-islamisch geprägten Kulturraum. Sie wird üblicherweise heimlich ausgelebt, die Badehalle (Hammam) ist der Ort, wo sich Homosexuelle kennen lernen, treffen, verabreden und ihre gesellschaftlich als anstößig geltende Form der Sexualität diskret ausleben können, ohne mit größeren Problemen rechnen zu müssen. Mina beginnt, zu verstehen, ihren einfühlsamen, aufmerksamen Mann nach wie vor begehrend.

Ein Streitgespräch mit einer Kundin wird von ihr und ihm nach deren Weggang komödiantisch parodiert. Sie zeigte Interesse an einem sich gerade in Arbeit befindenden blauen Kaftan mit goldener Bordürenstickerei, doch dieser ist reserviert. Ihr Angebot, deutlich mehr zu bezahlen als die entsprechende Kundin, wird von Halim abgelehnt, der sie auch über ihr Missverständnis aufklärt: Es sei kein Königsblau, wie sie es nannte, sondern die Farbe sei Petrol - ein intensiver, ins Grünliche changierender Ton, der für den Ausgleich der Emotionen und für Stabilität steht und damit wie eine Metapher für die entsprechende Persönlichkeit, die ihn trägt. Beide Eheleute parodieren anschließend die anmaßende Zickigkeit der Kundin, und Mina gesteht, wenn sie Beide jemals eine richtige Hochzeitsfeier gehabt hätten, hätte sie gerne diesen blauen Kaftan dazu getragen. Zunehmend durch ihre Krankheit geschwächt, ist Mina mehr und mehr ruhebedürftig und bleibt häufiger zuhause; eine weitere, teure Behandlung lehnt sie ab. Dadurch wird der neue Lehrling als Arbeitskraft immer wichtiger für Beide und verbringt mehr Zeit in der Werkstatt; auch er widmet sich nun intensiv dem blauen Kaftan, damit er fertig wird und packt auch sonst helfend mit an. Mina isst am liebsten Mandarinen; deren Frische und leuchtende Farbe scheinen die Lebenslust dieser Frau zu spiegeln, die ihren Mann dazu überredet, mit ihr eines Abends in ein Café zu gehen, an dem sie 15 Jahren lang vorbeiging. Natürlich ist es ein Männercafé, und sie ist vermutlich die erste Frau, die sich dort zeigt; in Begleitung ihres Mannes erlaubt, doch sie fällt auf mit ihrer selbstbewussten Spontanität. Auch trägt sie ein Kopftuch nur zuhause zum Beten. Halim, in Sorge um seine zunehmend schwächer werdende Frau, lässt einen Arzt kommen, der sie untersuchen soll. Dieser sagt resigniert, er könne nur noch die Morphin-Dosis gegen die Schmerzen erhöhen. So beginnt die Phase des Abschieds. In dieser lässt Mina den hilfsbereiten jungen Lehrling in ihr Haus, alle drei essen gemeinsam, tauschen sich aus, tanzen zu Dritt am offenen Fenster. Sie klärt den jungen Mann auf, dass sie es gewesen war, die ihrem Mann den Wunsch zur Heirat antrug. Wieder alleine, kommt es zum intimsten Gedankenaustausch zwischen den Eheleuten; Halim gesteht seiner Frau seine lebenslang geheim gehaltene Homosexualität, Mina entlastet ihn durch ihr liebevolles Geständnis, dass er für sie der reinste und ehrenwerteste Mann sei, den sie sich vorstellen kann; sie sei stolz, seine Frau gewesen zu sein. In einer berührenden Sequenz legt sie seine Hand auf ihre operierte linke Brust, nachdem er ihr wenige Tage zuvor zum ersten Mal nach 25 Jahren die Haare auf ihren Wunsch hin gewaschen hat. Die Intimität der Beiden scheint sich angesichts des unaufhaltsamen Krankheitsverlaufs zu steigern, die aufmerksame Zärtlichkeit ebenfalls, und beide Männer sind voller Bewunderung für diese schöne, selbstbewusste und humorvolle Frau, die Beide in ihr Innerstes aufnimmt und diese Beziehung akzeptiert, ja gutheißt, denn beide Männer ergänzen sich hervorragend. Sie brechen gemeinsam auf die menschlichste Art mit den gesellschaftlichen Regeln, um sich gegenseitig zu schützen und zu stützen in bemerkenswerter Zuneigung und Zärtlichkeit. Ein Plädoyer für umfassende Menschlichkeit. - Diese Produktion wurde von marokkanischer Seite, der Cinémathèque Marocaine, unterstützt. Fraglich ist, ob und wann dieser Film in Marokko in den Kinos gezeigt wird, da Homosexualität in diesem Land - wie in allen arabischen Staaten - bis heute offiziell verboten ist, die Tatsache leugnend, dass sie weit verbreitet ist. Dieser Streifen wurde im Frühjahr 2023 vom Arsenal-Filmverleih übernommen, übersetzt für deutsche Kinos - nachdem er als internationaler Beitrag für die Oscar-Nominierung in den USA eingereicht und deshalb zuvor nicht regulär ausgestrahlt werden durfte. Man darf gespannt sein auf die längerfristige Resonanz dieses Streifens.