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Volker Berghahn: Hans-Günther Sohl als Stahlunternehmer und Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. 1906-1989, Göttingen: Wallstein 2020, 589 S., ISBN 978-3-8353-3852-4, EUR 56,00
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Rezension von:
Ralf Ahrens
Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam
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Ralf Ahrens: Rezension von: Volker Berghahn: Hans-Günther Sohl als Stahlunternehmer und Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. 1906-1989, Göttingen: Wallstein 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 9 [15.09.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/09/35508.html


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Volker Berghahn: Hans-Günther Sohl als Stahlunternehmer und Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie

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Hans-Günther Sohl gilt als einer der einflussreichsten Industriellen der alten Bundesrepublik, und zwar als Unternehmer wie als Verbandsfunktionär. Insofern ist es folgerichtig, dass Volker Berghahns biografische Studie beiden Karrierephasen etwa das gleiche Gewicht zuweist. Zunächst als Vorstandsmitglied der Vereinigten Stahlwerke (VSt), seit 1953 dann als Vorstandsvorsitzender der aus ihrer Entflechtung hervorgegangenen August Thyssen-Hütte AG leitete Sohl die jeweils größten deutschen Stahlkonzerne, bevor er die Präsidentschaft des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) übernahm. Berghahns Leitfragen richten sich auf Sohls Verhalten in der NS-Zeit, vor allem aber auf sein Selbstverständnis als Unternehmer und Interessenvertreter in der Sozialen Marktwirtschaft.

Sohls "Kollaboration" (12) mit dem NS-Regime begann mit einem frühen opportunistischen Parteieintritt, erstreckte sich dann aber vor allem auf die Rohstoffbeschaffung für die Rüstungsproduktion der Vereinigten Stahlwerke. Seine Mitverantwortung für den umfassenden Zwangsarbeitereinsatz des Konzerns steht außer Frage, seine konkrete Rolle bleibt jedoch offenbar quellenbedingt recht unscharf. Das ändert sich in den Kapiteln über die Jahrzehnte nach 1945. Nach anderthalbjähriger Internierung in der britischen Besatzungszone zunächst für die Entflechtung der VSt und die Demontage ihrer Werke zuständig, betätigte Sohl sich bei den Versuchen, Schlimmeres zu verhindern, vor allem als Netzwerker - eine Qualität, die auch beim Wiederanlaufen der Rohstoffbeschaffung von Nutzen war. Seit den 1950er Jahren arbeitete er dann auf den erneuten Ausbau und die Diversifizierung des Thyssen-Konzerns hin, in dem die Beteiligungsunternehmen deutlich mehr Freiraum genossen als vor 1945. Die Trennung vom Steinkohlenbergbau, die sich angesichts der Weltmarktöffnung bald sogar als ökonomisch vorteilhaft herausstellen sollte, fiel ihm offenbar recht leicht. Sein vergleichsweise pragmatisches Verhältnis zu den Gewerkschaften und Betriebsräten erleichterte die Anpassung des Konzerns an die neuen Machtverhältnisse und zeugte ebenso von grundsätzlicher Offenheit wie seine kulturellen Interessen.

Knapp die Hälfte des Buchs ist Sohls Aktivitäten als Verbandspolitiker gewidmet, obwohl seine Präsidentschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie nur von 1972 bis 1976 dauerte. Nachdem der Verband mehr als zwei Jahrzehnte lang von dem sauerländischen Eigentümerunternehmer Fritz Berg geführt worden war, der eher autoritäre und gewerkschaftsfeindliche Traditionen repräsentierte, demonstrierte die Berufung des Manager-Unternehmers Sohl auch hier, dass die Großindustrie von der Ruhr in der Sozialen Marktwirtschaft angekommen war. Das bedeutete natürlich nicht, dass Sohl von den Reformvorhaben der sozialliberalen Koalition - insbesondere zur Vermögensbildung für Arbeitnehmer und zur Ausdehnung der gewerkschaftlichen Mitbestimmung - und den daraus resultierenden Steuererhöhungsplänen begeistert gewesen wäre. Aber sein diplomatisches Geschick sprach ebenso für Kooperationsbereitschaft wie seine Überzeugung, dass Staat und Wirtschaft letztlich aufeinander angewiesen seien. Im Fall der Ostverträge hatten denn hinter dem Interesse an einer weiteren Öffnung des sowjetischen Exportmarkts auch die parteipolitischen Präferenzen zurückzustehen, und in den Bundestagswahlkämpfen hütete sich Sohl vor allzu eindeutigen Bekenntnissen.

Das Buch füllt zweifellos eine empfindliche Lücke in der Unternehmer- und Verbandsgeschichte der Bundesrepublik. Berghahn bleibt nah an den Quellen und stützt sich weitgehend auf Sohls Nachlass im Duisburger Thyssen-Archiv, dessen Dokumente häufig sehr ausführlich referiert werden. Deutlich straffer wünscht man sich oft auch die Abschnitte zur allgemeinen Geschichte, in die Sohls Denken und Handeln eingeordnet werden, in denen aber der Protagonist bisweilen über weite Strecken nicht auftritt. Nicht nur der Seitenanteil zeigt dabei, dass Berghahn sich letztlich mehr für den Verbandsvertreter Sohl interessiert als für den Manager: Abschließend findet sich zwar ein Vergleich mit Sohls Pendants bei den anderen unternehmerischen Spitzenverbänden, Otto Wolff von Amerongen (Deutscher Industrie- und Handelstag) und Otto A. Friedrich (Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände), dem er bereits 1993 eine Biografie gewidmet hat [1]. Was man hingegen schmerzlich vermisst, ist eine Einordnung von Sohls Leben und Werk in die neuere unternehmenshistorische Diskussion und vor allem in all die Unternehmerbiografien, die die historische Forschung in den letzten 15 Jahren mit unterschiedlichen Ansätzen hervorgebracht hat [2].


Anmerkungen:

[1] Vgl. Volker Berghahn / Paul J. Friedrich: Otto A. Friedrich, ein politischer Unternehmer. Sein Leben und seine Zeit 1902-1975, Frankfurt/M. 1993. Vgl. auch bereits Volker Berghahn: Unternehmer und Politik in der Bundesrepublik, Frankfurt/M. 1985.

[2] Vgl. nur die Beispiele in: Werner Plumpe (Hg.): Unternehmer - Fakten und Fiktionen. Historisch-biographische Studien, München 2014.

Ralf Ahrens