Rezension über:

Till van Rahden: Juden und andere Breslauer. Die Beziehungen zwischen Juden, Protestanten und Katholiken in einer deutschen Grossstadt von 1860 bis 1925 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft; Bd. 139), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000, 382 S., 47 Tab., ISBN 978-3-525-35732-3, EUR 39,00
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Rezension von:
Stefan Schreiner
Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Schreiner: Rezension von: Till van Rahden: Juden und andere Breslauer. Die Beziehungen zwischen Juden, Protestanten und Katholiken in einer deutschen Grossstadt von 1860 bis 1925, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 2 [15.02.2002], URL: https://www.sehepunkte.de
/2002/02/3217.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Till van Rahden: Juden und andere Breslauer

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Wesentlich drei Fragestellungen sind es, denen Till van Rahden in seiner preisgekrönten Dissertation (Fraenkel Prize in Contemporary History 1999), dabei entsprechende Anregungen besonders aus der amerikanischen sozialwissenschaftlichen Forschung aufgreifend, nachgeht. Dem Thema seiner Arbeit entsprechend, beschäftigt ihn zuerst und vor allem die Frage nach der Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft des Kaiserreichs bis zur frühen Weimarer Republik. Die Stadt Breslau dient ihm dabei gleichsam "nur" als Beispiel, "an dem sich zentrale Entwicklungslinien und Konfliktfelder der deutschen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert bündelten" (33). Denn mit seiner Untersuchung möchte der Verfasser auch einen Beitrag zur "Geschichte der Juden zugleich als Teil der modernen jüdischen, der deutsch-jüdischen und der allgemeinen deutschen Geschichte" insgesamt liefern; dabei weicht er auch "der Frage nach der Kontinuität der Beziehungen zwischen Juden und anderen Deutschen im Kaiserreich und dem nationalsozialistischen Antisemitismus nicht aus" (13). Indem der Verfasser die Geschichte der Breslauer Juden im Kaiserreich vom "Modell des multikulturellen Liberalismus" her betrachtet (15), möchte er seine Arbeit in ihrem Ergebnis darüber hinaus auch für die "gegenwärtige Diskussion über das Wagnis der multikulturellen Gesellschaft" als fruchtbar ansehen (14). Zum Glück für seine Arbeit, um es gleich eingangs zu sagen, hat sich van Rahden indessen durchweg streng an sein eigentliches Thema gehalten und die beiden weiterführenden Gesichtspunkte, wenn auch nicht ausgeblendet, so doch weit in den Hintergrund treten lassen. Das gilt im Hinblick auf die Verallgemeinerbarkeit der für Breslau erzielten Untersuchungsergebnisse ebenso wie für die Frage ihrer Bedeutung im aktuellen (gesellschafts-)politischen Diskurs. Und in der Konzentration auf das eigentliche Thema hatte der Verfasser auch genug an Forschung zu leisten; ist doch Breslau - von wenigen Ausnahmen abgesehen - "eine terra incognita der neueren deutschen und deutsch-jüdischen Geschichte" (33).

Nach methodologischer Rechenschaftslegung und gelungenem Exposee (13-36) analysiert van Rahden zuerst die "Sozialstruktur von Juden, Protestanten und Katholiken" (37-100) und räumt dabei zugleich mit verbreiteten Stereotypen hinsichtlich des jüdischen Anteils an einzelnen Berufsgruppen und gesellschaftlichen Schichten gründlich auf; denn wenn auch der jüdische Anteil an den sog. freien Berufen und im Kaufmannsstand vergleichsweise hoch war, kann der Verfasser belegen, dass er am Kleinbürgertum hingegen sehr gering gewesen ist. Im nicht minder aufschlussreichen nächsten Kapitel "Grenzgänger. Juden im allgemeinen und im jüdischen Vereinswesen Breslaus" (101-139) zeigt van Rahden, dass die große Mehrheit der Breslauer Vereine den Juden offen stand, sich eine ganze Reihe von Juden dennoch zugleich auch in eigenen jüdischen Vereinen betätigte. Ein Anwachsen persönlicher, über soziale Kontakte hinausgehender Beziehungen und Bindungen über konfessionelle Grenzen hinweg belegen insbesondere Heiratsregister und Selbstzeugnisse, denen sich van Rahden in "Jüdisch-christliche Ehen, die 'Neue Frau' und die situative Ethnizität" (141-174) zuwendet. Ihnen ist zugleich zu entnehmen, dass sich Frauen aus "unterbürgerlichen" Kreisen weit häufiger zur Mischehe entschieden als Männer, ganz zu schweigen von "bürgerlichen Juden". Welch besondere Bedeutung für die faktische Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung die Schule hatte, dokumentiert der Verfasser in "Einheit, Vielfalt und Differenz. Juden, Protestanten und Katholiken in Breslauer Schulen" (175-244), indem er zeigen kann, dass zwischen 1870 und 1918 fast alle Breslauer jüdischen Schüler und Schülerinnen staatliche beziehungsweise städtische Schulen mit christlichem Schulstatut besuchten, ohne dass sie dabei struktureller Diskriminierung ausgesetzt worden wären. Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang das als Fallbeispiel betrachtete Johannesgymnasium und der dort im Gefolge des Kulturkampfes ausgetragene Streit, der mit der Einführung obligatorischen jüdischen Religionsunterrichts endete (194-224). Die Juden als "Kerngruppe" des städtischen Linksliberalismus und ihre "Inklusion in die Kommunalpolitik" schließlich sind Gegenstand des letzten Kapitels "Liberalismus, Juden, Antisemitismus und jüdische Gleichberechtigung" (245-315), in dem gezeigt wird, wie es Juden gemeinsam mit nichtjüdischen Liberalen gelungen ist, durchaus vorhandenen und nicht übergangenen politischen Antisemitismus zurückzudrängen; und im Unterschied zu den staatlichen Institutionen bescheinigt der Verfasser dabei den städtischen Behörden eine im Hinblick auf die jüdischen Belange insgesamt "liberale Grundhaltung".

Van Rahdens Analysen, gestützt auf alles nur erreichbare ungedruckte und gedruckte Archiv- und Quellenmaterial (333-343) sowie beeindruckend umfangreiche Sekundärliteratur (343-370), zeichnen sich durch solide Gründlichkeit bei der Durchforstung und Auswertung der Quellen aus. So folgt man bereitwillig dem im Epilog (317-329) vorgetragenen Fazit, dass sich trotz "des rapiden Aufstiegs des Antisemitismus und der Verschlechterung des Verhältnisses von Juden und anderen Breslauern zwischen 1916 und 1925" (326) "eine direkte oder verschlungene Kontinuitätslinie, die vom Kaiserreich zum Nationalsozialismus und zum Holocaust führt, [...] anhand der Geschichte von Juden und anderen Breslauern vor 1914 nicht zeichnen" lasse (329). Eine offene Frage muss schließlich auch bleiben, ob das hier beleuchtete Kapitel Breslauer Geschichte, wie es anfangs den Anschein erweckte, am Ende etwas für die heutige Diskussion um Multikulturalismus beiträgt oder eher nicht. Für alle weitere Beschäftigung mit der Geschichte der Stadt Breslau in der Zeit des Kaiserreiches und der frühen Weimarer Republik jedoch ist die Arbeit unentbehrlich.

Stefan Schreiner