Rezension über:

François de Jaucourt de Villarnoul, marquis d'Ausson: Mémoires. Édition et notes par Éliane Itti (= Vie des Huguenots; No. 100), Paris: Editions Honoré Champion 2025, 372 S., ISBN 978-2-7453-6283-4, EUR 60,00
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Rezension von:
Sven Externbrink
FernUniversität Hagen
Redaktionelle Betreuung:
FNZ-Redaktion (S. Becker, B. Braun, S. Dittmar, M. Schnettger, L. Schott-Storch)
Empfohlene Zitierweise:
Sven Externbrink: Rezension von: François de Jaucourt de Villarnoul, marquis d'Ausson: Mémoires. Édition et notes par Éliane Itti, Paris: Editions Honoré Champion 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 1 [15.01.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/01/40316.html


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François de Jaucourt de Villarnoul, marquis d'Ausson: Mémoires

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Die Aufhebung des Edikts von Nantes im Oktober 1685 zwang bekanntlich Zehntausende Hugenotten, wie die Reformierten in Frankreich genannt wurden, ins selbstgewählte Exil. Der Weg in die protestantischen Nachbarländer barg für die Flüchtlinge große Gefahren, denn das Edikt verbot ausdrücklich die Auswanderung. Die Erfahrung von Flucht, Verfolgung und Exil prägt die zahlreichen zeitgenössischen Memoiren und Ego-Dokumente der Betroffenen, wie die eines Dumont de Bostaquet, die des Galeerensträflings Jean Marteilhe oder die weniger bekannten Berichte von Flüchtlingen aus Metz, um nur einige zu nennen. [1] Zu diesen schon beeindruckenden Zeugnissen treten nun die Mémoires des François de Jaucourt de Villarnoul, Marquis d'Ausson, deren Manuskript die Herausgeberin in der Universitätsbibliothek Leiden aufgespürt hat.

François de Jaucourt de Villarnoul, Marquis d'Ausson (um 1653-1729) entstammt einer ursprünglich in der Picardie ansässigen Adelsfamilie, die sich früh dem Protestantismus angeschlossen hatte. Er selbst ist einer der Nachkommen einer Linie, die sich im Morvan niedergelassen hat; doch sein Großvater, der eine Tochter von Philipp Duplessis-Mornay geheiratet hatte, ließ sich im Poitou, in der Nähe von Niort nieder, wo auch François als vierter Sohn geboren wurde. Nach einer typischen Ausbildung für einen Adeligen ohne große Hoffnung auf ein Erbe (protestantische Akademie in Saumur, danach eine Akademie in Paris, 42 f.) trat der junge Marquis d'Ausson ebenso wie sein älterer Bruder zu Beginn des Holländischen Krieges (1672-1678) in die Armee Ludwigs XIV. ein. Zu arm, ein eigenes Regiment zu kaufen, musste sich Ausson mit subalternen Posten abfinden und lernte den Krieg in allen Facetten kennen, wobei er nach schweren Verwundungen nur knapp dem Tode bzw. der Amputation seines Armes entkam.

Obwohl er sich bewährt hatte, gab es nach Kriegsende keine weitere Anstellung in der Armee und so begab sich Ausson auf Reisen, durch England, die Niederlande und das Alte Reich, wo er sich in Hannover und in Berlin bekannt machte (und Deutsch lernte). Es folgten der Eintritt in venezianische Dienste und die Teilnahme an Feldzügen in Griechenland. Im Herbst 1685 traf er wieder in der Heimat ein, wo wenige Wochen zuvor das Edikt von Fontainebleau das Ende der Duldung der Hugenotten verkündet hatte. Schnell entschied sich Jaucourt zur Flucht, die ihm auch gelang. Über England ging es zurück nach Berlin, wo er Aufnahme am Hof fand, Kammerherr und Stallmeister wurde, zuerst am Hofe des Großen Kurfürsten (dessen letzte Stunden er eindrucksvoll beschreibt), dann bei Friedrich III./I. und im Gefolge des Prinzen Philipp Wilhelm von Brandenburg-Schwedt, des ältesten der Söhne des Großen Kurfürsten aus seiner zweiten Ehe. In diesen Funktionen war Ausson beständig auf Reisen durch Europa, nahm an den Feldzügen des Neunjährigen und des Spanischen Erbfolgekrieges teil, besuchte im Gefolge der Königin von Preußen mehrfach Hannover, wo er Sophie von Hannover und Leibniz kennenlernte (von beiden sind unbekannte Briefe im Anhang abgedruckt). Warum er sich 1706 von seinen Ämtern zurückzog und sich in den Niederlanden niederließ (wo er 1727 auch starb), erklärt er nicht. Seine Memoiren verfasste er dort im "Ruhestand", auf der Grundlage eines nicht mehr erhaltenen Tagebuches (19).

Die Memoiren umfassen die vita activa Aussons von 1672 bis 1706, auf wenigen Seiten wird die Schulzeit abgehandelt, bevor er die Leser mitten in den Holländischen Krieg führt. Seine Erlebnisse, die Teilnahme an Schlachten und Kämpfen (z.B. die Rheinüberquerung 1672, die Schlacht von Seneffe) schildert er, wie auch die weiteren Teilnahmen an Feldzügen, lakonisch, scheinbar unbeteiligt angesichts des vielfachen Todes, dessen Zeuge er wird. Das Überleben im Krieg ist reiner Zufall: der eine wird von einer Kanonenkugel in Stücke gerissen, der andere direkt daneben stehend entgeht ihr um Zentimeter (47). Eindrücklich vermitteln seine Erinnerungen den "Impôt de Sang", den der französische Adel in den Kriegen Ludwigs XIV. zahlte. [2] Typisch für Kriegserinnerungen von Adligen listet Ausson im Anschluss an Schlachten und Belagerungen seitenlang die Namen von gefallenen Standesgenossen auf. Erwähnt er Bekannte oder Freunde, mit denen er ein Gefecht durchgestanden hat, ergänzt er oft, in welchem Krieg und welcher Schlacht sie später gefallen seien.

Die Schilderung seiner Flucht - er reiste von Marseille über seine Heimat, das Morvan, über Paris nach Calais, um nach England zu gelangen - gleicht einem Agentenroman. Überall war Ausson darauf angewiesen, nicht als Hugenotte erkannt zu werden und profitierte von Verwandten und Freunden, die, obwohl "fort catholique" (165), ihm und seiner Familie (Mutter und Schwestern) bei der Flucht halfen. Aussons Beschreibung einer Atmosphäre der Spitzelei erinnert an Überwachungsstaaten der Gegenwart. Hilfreich waren seine Sprachkenntnisse. Er gab sich als Italiener und Deutscher aus und hatte einen Moment der Angst auszustehen, als er von einem Deutschen kontrolliert wurde und fürchtete, wegen seines Akzentes erkannt zu werden (166 f.). Der Versuch, von Saint-Omer die Grenze zu den Spanischen Niederlanden zu erreichen, scheiterte wegen der Grenzkontrollen, so dass nur der Seeweg blieb. Als alle Passkontrollen durchgestanden waren, er sich in Calais einschiffen konnte, zwangen ihn Sturm und Regen zu einem letzten Stopp in Dünkirchen. Doch er hatte Glück: Dauerregen hatte alle Spitzel vertrieben und noch am selben Tag erreichte er Dover.

Ausson verfügte über eine solide literarische Bildung, Zitate der antiken Klassiker fließen ebenso in seine Erzählung ein wie auch Anspielungen aus Montaigne, der ihm wohl auch als Vorbild für den Rückblick auf sein Leben dient (19, 310). Manche Bemerkungen, wie über das Verhalten der brandenburgischen Höflinge nach dem Tode des Großen Kurfürsten (186) erinnern an Moralisten wie La Bruyère.

Rechtschreibung, Grammatik wie auch Namen wurden modernisiert und vereinheitlicht, was die Lektüre erleichtert; textkritische Erläuterungen erhält die Edition nicht. Gerne hätte man sich an einem Auszug aus dem Originalmanuskript einen Eindruck von der Sprache Aussons gemacht. Die Kommentierung beschränkt sich nicht nur auf Identifizierung von Personen, sondern erläutert Kontexte, weist auf textuelle Referenzen hin, löst Zitate auf und erleichtert somit den Zugang zum Text. Bei Spanheim allerdings, der Ausson am 16. Juli 1686 durch die Universität Leiden führte (178), handelte es sich um Friedrich Spanheim (1632-1701), Professor der Theologie ebenda, und nicht um den brandenburgischen Gesandten in Paris, Ezechiel Spanheim, der Aussons Familie bei der Flucht unterstützt hatte und in dessen Villa die Schwägerin Aussons verstorben war (166). Eine Karte, die die Reisen Aussons abbildet, fehlt leider.

In ihrer Einleitung fragt die Herausgeberin (18) - wohl rhetorisch - ob es sich lohnt, noch eine weitere hugenottische Autobiographie zu publizieren: Die Antwort lautet, es lohnt sich. Aussons Erinnerungen bieten einen eindrucksvollen Einblick in die Lebenswelt und Mentalität eines französischen Adligen, der die Treue zu seiner Konfession höherstellt als die Loyalität zu seinem König und dem im Exil letztlich eine höfische Karriere gelingt, die ihm in Frankreich nicht möglich gewesen wäre.


Anmerkungen:

[1] Marcel Richard (éd.): Mémoires d'Isaac Dumont de Bostaquet sur les temps qui ont précédé et suivi la révocation de l'Édit de Nantes, Paris 1968; Jean Marteilhe / André Zysberg (éds.): Mémoires d'un galérien du Roi-Soleil, Paris 1982; Jochen Desel / Walter Mogk (Hgg.): Wege in eine neue Heimat. Fluchtbericht von Hugenotten aus Metz, Lahr 1987.

[2] Hervé Drévillon: L'Impôt du sang. Le métier des armes sous Louis XIV, Paris 2005.

Sven Externbrink