Rezension über:

Matthias Rogg: Armee der Einheit? Deutsche Streitkräfte zwischen Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung (= Beiträge zur Militärgeschichte; Bd. 7), Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2025, 248 S., zahlr. Abb., Tbl., ISBN 978-3-11-914179-6, EUR 19,95
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Rezension von:
Hermann Wentker
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Hermann Wentker: Rezension von: Matthias Rogg: Armee der Einheit? Deutsche Streitkräfte zwischen Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 1 [15.01.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/01/40724.html


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Matthias Rogg: Armee der Einheit?

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Bei der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR und der Bundeswehr handelte es sich Matthias Rogg zufolge um zwei Streitkräfte, die "kaum unterschiedlicher sein" konnten. Dennoch sei das "Zusammenwachsen von Ost und West [...] in wenigen gesellschaftlichen Bereichen so geglückt wie bei den Streitkräften". (9) Warum die Vereinigung beim Militär so gut gelang, erläutert Rogg in der vorliegenden knappen, aber gehaltvollen Darstellung, die diesen Prozess in die allgemeine Geschichte des ausgehenden Kalten Kriegs sowie die deutsch-deutsche Geschichte seit den späten 1980er Jahren einbettet. Dabei kann er insbesondere für die NVA-Geschichte auf eine ganze Reihe von Publikationen und Editionen zurückgreifen; die Geschichte der Bundeswehr seit 1989/90 ist hingegen weitgehend unerforscht, so dass er dazu amtliche Akten und private Nachlässe konsultieren musste.

Die DDR zählte allein aufgrund des Umfangs ihrer "bewaffneten Organe" in den 1980er Jahren "zu den militarisiertesten Gesellschaften" (44) der Welt, jedoch funktionierte damals in der NVA das Feindbild Bundeswehr immer weniger; ab Mai 1989 häuften sich die Fahnenfluchten. Die NVA war daher während der friedlichen Revolution zwar präsent; aber sie griff nur einmal, am 6. Oktober 1989, in Dresden ein, als ein Greiftrupp einer Einsatzhundertschaft gezielt Personen festsetzte und der Polizei übergab. Die Führung war sich der Loyalität der Truppe angesichts einer möglichen Bürgerkriegssituation alles andere als sicher.

Nach dem Mauerfall erfolgte in der NVA ein Führungswechsel: Verteidigungsminister Heinz Keßler, der damals noch einigen Einheiten erhöhte Gefechtsbereitschaft befohlen hatte, musste nun seinen Platz zugunsten des politisch unbelasteten und integren Vizeadmirals Theodor Hoffmann räumen, der sich an eine Militärreform machte, die unter anderem die Auflösung der Politstrukturen vorsah. Es handelte sich indes um eine "Reform von oben", die um die Jahreswende 1989/90 ausbrechende Soldatenproteste nicht verhindern konnte. Die NVA brach zwar nicht auseinander, doch blieb die Reform "hinter ihren eigenen Erwartungen zurück", da ihr der nötige gesellschaftliche Bezug fehlte. (82)

Eine weitere Zäsur bildeten die Volkskammerwahlen vom 18. März 1990. Im Zuge der darauffolgenden Regierungsbildung wurde der Bürgerrechtler Rainer Eppelmann Minister für Abrüstung und Verteidigung, der allerdings Hoffmann zum "Chef der NVA" machte. Wenngleich damit der Zug in Richtung Wiedervereinigung Fahrt aufnahm, wollten weder die zivile noch die militärische Leitung der NVA den neuen Realitäten ins Auge sehen: Für beide war das vereinte Deutschland nicht primär NATO-Mitglied, sondern Brücke zwischen dem westlichen und dem östlichen Militärbündnis. Außerdem gingen sie noch bis Mitte Juni 1990 von dem Grundsatz "Ein Staat - zwei Armeen" aus. Das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) unter Gerhard Stoltenberg hingegen machte von Anfang an klar, dass es nur eine deutsche Armee geben könne, die in der NATO fest verankert sein müsse. Als nach den Verhandlungen in Moskau und Archys die NATO-Mitgliedschaft Deutschlands feststand, konnte das BMVg seine Planungen konkretisieren. Nach Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrags am 12. September 1990 stand fest, dass die gesamtdeutschen, einem einheitlichen Kommando unterstehenden Streitkräfte von 470.000 Soldaten im Westen und 90.000 im Osten auf insgesamt 370.000 verringert werden mussten. Gleichzeitig musste im Osten eine zivile Bundeswehrverwaltung mit 20.000 Personen aufgebaut werden. Eine wesentliche Aufgabe übernahm dabei Jörg Schönbohm, der mit dem Bundeswehrkommando Ost betraut wurde. Dabei handelte es sich um ein Novum, da ihm alle drei Teilstreitkräfte in der ehemaligen DDR unterstellt wurden.

Schönbohm gab die Parole aus: "Wir [...] kommen nicht als Sieger und Eroberer. Wir kommen als Deutsche zu Deutschen." (134) Dabei war allerdings von vornherein klar, dass die Vereinigung des westdeutschen und des ostdeutschen Militärs ein asymmetrischer Prozess war, in dem die westdeutsche Seite bestimmend war und damit auch die Verantwortung trug. Die Bundeswehrführung verfügte zunächst nur über mangelnde Kenntnisse der Gegenseite, so dass eine möglichst rasche Bestandsaufnahme erforderlich war.

Eines der zentralen Probleme bildete der Umgang mit dem NVA-Personal, das zwar stark reduziert, aber nicht gänzlich entlassen werden sollte. Dabei ging es nicht nur darum, die Übernahme von Stasi-Zuträgern zu verhindern. Hinzu kam, dass die NVA über weit mehr Offiziere verfügte als nötig - im Verhältnis zur Bundeswehr hatte sie dreimal so viele Offiziere, dreimal so viele Generale/Admirale und sechs Mal so viele Oberste/Kapitäne zur See. Während kein General oder Admiral dauerhaft übernommen wurde, mussten die anderen Offiziere daher entweder entlassen oder herabgestuft werden, was diese als Degradierung empfanden. Allerdings benötigte die Bundeswehrführung für eine Übergangszeit noch den Sachverstand einiger höherer NVA-Offiziere, um den Prozess steuern zu können. Des Weiteren mussten Unmengen an Waffen und Gerät übernommen und abgebaut werden - entweder durch Verkauf oder Vernichtung. Bei den Liegenschaften bestand ein enormer Sanierungsbedarf, zum Teil weil die Kasernen marode waren, zum Teil wegen starker Umweltbelastungen. Als weitere Aufgaben kamen der Abbau der Grenzanlagen, einschließlich der Minenräumung, sowie die Unterstützung des Abzugs der sowjetischen/russischen Truppen bis 1994 hinzu.

Es gelang zwar in neun Monaten, den Personalumfang der ehemaligen NVA um fast die Hälfte auf 48.500 Mann zu reduzieren. Ohne Härten ging der Transformationsprozess jedoch nicht ab. Das galt nicht nur für die Entlassenen - denen auch untersagt wurde, den alten Dienstgrad mit dem Zusatz a. D. zu führen -, sondern auch für die in der Bundeswehr Verbliebenen. Denn diese mussten nicht nur mit einer Herabstufung, sondern auch bei gleichen Dienstgraden mit einem geringeren Gehalt leben. Insgesamt erlitten sie einen erheblichen Statusverlust, auch in der Bevölkerung. In dieser Situation kam Rogg zufolge die beste Unterstützung vom "freundlichen Klassenfeind". (205) Denn fachlich kamen sich ost- und westdeutsche Soldaten rasch näher. Außerdem wurden die Streitkräfte durch Versetzungen von Ost nach West und umgekehrt stärker durchmischt als andere gesellschaftliche Bereiche. Rogg bewertet daher die Schaffung der "Armee der Einheit" als Erfolgsgeschichte. Dem möchte man gern zustimmen, es bleiben jedoch ein paar Zweifel. Denn die am Ende von der Bundeswehr übernommenen Zeit- und Berufssoldaten "machten zum Stichtag 3. Oktober 1990 gerade einmal 10 % des Gesamtbestandes dieser Personalkategorie" aus (218). Zweifellos ist auch deren Integration in die gesamtdeutschen Streitkräfte ein Verdienst, aber bei einem solchen Ungleichgewicht von "Zusammenwachsen" zu sprechen, ist etwas irreführend.

Hermann Wentker