Alexander D. Brown: Paul Merker, the GDR, and the Politics of Memory. 'Purging Cosmopolitism'?, Cham: Palgrave Macmillan 2024, XI + 230 S., ISBN 978-3-031-62067-6, EUR 149,79
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Paul Merker war als Politbüromitglied der ranghöchste Politiker des Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED), der Opfer stalinistischer Repressalien wurde. Bis zum Lebensende blieb er ein äußerlich loyaler, doch innerlich gebrochener Parteikommunist. Sein wechselvoller Weg führte ihn über die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) aus der Weimarer Republik in die USA, die Sowjetunion, nach Frankreich und Mexiko, schließlich zurück in den Osten Deutschlands. Zu den wenigen größeren Publikationen von Jeffrey Herf, Angelika Timm und Wolfgang Kießling über ihn tritt nun das vorliegende Buch, das sich als Alternative zur staatlich verordneten Erinnerungspolitik versteht, wie Brown sie sieht.
Merker wurde am 1. Februar 1894 im sächsischen Oberlößnitz in einer Arbeiterfamilie geboren und erlernte den Beruf des Kellners. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er zur Armee eingezogen. Das Verteilen antimilitaristischer Flugblätter führte zum ersten Arrest. 1918 trat er der USPD bei und schloss die erste seiner beiden Ehen, der zwei Töchter entstammten. In der Weimarer Republik rückte Merker in das Zentralkomitee (ZK) und zeitweise das Politbüro der KPD auf. 1929/30 war er Reichsleiter der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition und wurde durch seinen Linksradikalismus auch außerhalb der Partei bekannt. Von 1931 bis 1933 war er unter dem Namen Max Fischer Berater der Roten Gewerkschafts-Internationale in den USA.
1934 wurde er von Moskau aus zur illegalen Arbeit nach Berlin entsandt und war Mitglied der illegalen KPD-Reichsleitung. Dass er der Gestapo nicht in die Hände fiel, verdankte er Juden, die ihn verbargen und somit ihr Leben für ihn riskierten. Von 1935 bis 1937 war Merker Mitglied des ZK-Sekretariats der KPD-Auslandsleitung in Paris. Nach Internierung bei Kriegsbeginn gelang ihm 1941 die Flucht nach Mexiko, wo er eine führende Rolle im KPD-Exil spielte. Merker gab bisherige ultralinke Positionen auf. Er wurde zum weltoffenen und mehrsprachigen Arbeiter-Intellektuellen.
In seinem im letzten Kriegsjahr erschienenen zweibändigen Hauptwerk "Deutschland - Sein oder Nichtsein" über Aufstieg und Herrschaft des Hitler-Regimes räumte Merker dessen Rassenideologie einen zentralen Platz ein. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Juli 1946 war Merker als Politbüro-Mitglied zuständig für Agrar- und Sozialpolitik. Er war führend an der Eingliederung der sogenannten Umsiedler aus den früheren deutschen Ostgebieten in die Sowjetische Besatzungszone beteiligt.
Während seiner Jahre in Mexiko und nach seiner Rückkehr hatte sich Merker für Entschädigungen für die vom Hitler-Regime verfolgten und enteigneten Juden eingesetzt und die Gründung des Staates Israel begrüßt; dies galt aber nach der antisemitischen Wendung Stalins seit 1949 als Verbrechen. 1950 wurde Merker deshalb aus der SED ausgeschlossen und verlor alle Funktionen. Bis 1952 arbeitete er als Kellner in einem Restaurant in Luckenwalde. Im Zusammenhang mit dem antisemitischen Prozess gegen "Rudolf Slánský und Komplizen" in Prag wurde Merker am 30. November 1952 als "Agent des Zionismus" verhaftet und im März 1955 in einem Geheimprozess zu acht Jahren Haft verurteilt. Im Januar 1956 wurde er aus der Haft entlassen, im Juli des gleichen Jahres sprachen ihn die gleichen Richter, die ihn verurteilt hatten, frei.
Doch warum Merker? In völliger Verkennung der Tatsachen sah Walter Ulbricht in ihm einen Rivalen im Kampf um die Führungsposition in der SED. Ihn auszuschalten, gelang Ulbricht mit dem Stigma der West-Emigration. Die nur scheinbar paradoxe Tatsache, dass Merker als Nichtjude des "Zionismus" angeklagt wurde, sollte Stalins Wünschen Rechnung tragen. Ein offen antisemitischer Schauprozess wie in Prag war angesichts der offenen Grenze zu West-Berlin nicht durchführbar. Brown leugnet dies nicht, beantwortet aber auch nicht die Frage, warum Merker noch 1955 der Prozess gemacht wurde, nachdem mit Noel Field die Schlüsselfigur aller erfundenen Beschuldigungen aus dem Budapester Gefängnis bereits entlassen worden war. Mehrmals zieht Brown jüdische Stimmen heran, die den antisemitischen Charakter der Gesamtkampagne für die DDR abwiesen, ohne zu berücksichtigen, unter welchem Druck besonders Parteimitglieder aus der West-Emigration damals standen.
Merker führte nach seiner Freilassung einen ungleichen Kampf nicht nur um seine erfolgte juristische, sondern auch um seine politische Rehabilitierung und die Offenlegung seines Falls, was ihm Ulbricht natürlich verweigerte. Brown nennt die Merker zuerkannte Summe von 50.000 Mark hingegen als Bereitschaft zur Reintegration in das politische Leben. Merkers wiederholte Ehrbezeigungen für die SED-Spitze, auf deren taktische Natur Wolfgang Kießling hinwies, nimmt er für bare Münze.
Merkers Handlungsoptionen blieben begrenzt: So sagte er, um nicht noch einmal in das Räderwerk parteiinterner Verfolgung zu geraten, 1957 im Prozess gegen Walter Janka, den Chef des Aufbau-Verlags, aus - 1956 war er zufällig bei einem Treffen von Janka und Wolfgang Harich anwesend, bei dem eine mögliche Ablösung Walter Ulbrichts das Thema war.
Merker war ein gebrochener Mann, als er 1957 eine Lektorenstelle im Verlag Volk und Welt zugewiesen bekam. 1959 ging er in Rente und lebte zurückgezogen in Eichwalde. Ab 1966 erfolgte seine zögernde öffentliche Erwähnung in der DDR. Kurz vor seinem Tod am 13. Mai 1969 wurde er mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet. Er wurde auf dem Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde in der Gedenkstätte der Sozialisten beigesetzt, doch gab es kein Staatsbegräbnis. Eine Aufarbeitung seines Schicksals erfolgte in der DDR bis 1989 nie.
Ab 1990 hätten, so Brown, sich vor allem Autoren mit Merker befasst, die das sozialistische Experiment auf deutschem Boden rundweg verdammten - was nicht stimmt. Manche täten dies grobschlächtig im Sinne von Joachim Gauck und Erhard Neubert. Doch auch liberale Stimmen wie die von Martin Sabrow zeugten bestenfalls von "scheinbarer Pluralität", teilten sie doch mit den Vorgenannten den tiefsitzenden Antikommunismus (191). All dies gehöre zur staatlich verordneten Erinnerungspolitik. Das Wort "state mandated" erscheint im Text 195-mal.
Brown sieht sich hingegen als einsamer Verteidiger des antifaschistischen Charakters der DDR. Mit der Beschönigung stalinistischer Praktiken aber stellt er sich selbst ein Bein. Er verweigert sich dem Kernproblem, dass der Antifaschismus, um glaubwürdig zu bleiben, in der DDR eine sozialistische Demokratie erfordert hätte. Ohne sie erstarrte der antifaschistische Auftrag jedoch immer mehr zur Leerformel und verlor an Glaubwürdigkeit. Dies ist auch einer der Gründe, wenn auch nicht der einzige für das Erstarken des Rechtsextremismus in den ostdeutschen Bundesländern nach 1990.
Mario Keßler