Rezension über:

Lene Jaspert: "zur Verschönerung der Stadt und zum Nutzen der Menschen". Die Promenade in Münster im 18. Jahrhundert als Spaziergang, Stadtgrenze und Stadtverschönerung (= Kleine Schriften aus dem Stadtarchiv Münster; Bd. 20), Münster: Aschendorff 2024, 151 S., ISBN 978-3-402-13127-5, EUR 19,90
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Rezension von:
Christoph Bellot
München
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Bellot: Rezension von: Lene Jaspert: "zur Verschönerung der Stadt und zum Nutzen der Menschen". Die Promenade in Münster im 18. Jahrhundert als Spaziergang, Stadtgrenze und Stadtverschönerung, Münster: Aschendorff 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 4 [15.04.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/04/39612.html


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Lene Jaspert: "zur Verschönerung der Stadt und zum Nutzen der Menschen"

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Die Promenade ist für Münster ein Identifikationssymbol wie der Prinzipalmarkt. Beide bewahren die Erinnerung an die alte, im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörte Stadt. Sie ist zwar über dem historischen Plan und in den ursprünglichen Dimensionen wiederaufgebaut worden, aber in neuen, vereinfachten Formen. Diese Stadt der Nachkriegszeit umgibt nach wie vor die Promenade. Dass dieser Grüngürtel auf der alten Wallanlage verläuft, ist allgemein bekannt, aber das Wissen darüber bleibt bislang ziemlich vage. Nach der näheren Darstellung im Großinventar von Max Geisberg 1932 [1] wurde über die Promenade meistens nur in eher pauschaler Weise geschrieben. [2]

Eine an der Universität Leipzig 2017/18 verfasste Masterarbeit, die vom Stadtarchiv Münster in einem schmalen Band herausgegeben wurde, legt die Geschichte vom Anfang um 1770 bis zur Vollendung um 1800 erstmals genauer dar. Grundlage sind alle erhaltenen Pläne und schriftlichen Dokumente zu jener starken Veränderung der Stadt, als man deren Ummauerung aufgab und die Promenade anlegte.

Eingangs wird der weitere Zusammenhang umrissen. Sehr knapp ist in Form eines Literaturüberblicks von den Entfestigungen deutscher Städte im 18. und 19. Jahrhundert und den neuen Gartenanlagen an der Stelle der Mauern die Rede, und es wird angedeutet, jeder Fall sei trotz gewisser Parallelen ein anderer. Dass die jeweilige Geschichte, politische Situation, Topographie und Befestigung zu einem je eigenen Ergebnis führte, versteht sich. Der Fall Münster beweist das. Dort gab es, wie kurz beschrieben wird, eine wohl nach der Mitte des 13. Jahrhunderts fertiggestellte Stadtmauer mit Graben, die im mittleren 14. Jahrhundert mit einem zweiten Mauerring und Graben verstärkt wurde. Später kamen gemäß den modernen Prinzipien Türme, Rondelle, Bastionen und Schanzen hinzu. Münster wurde eine starke Festung, zumal mit der Zitadelle des Fürstbischofs (ab 1661), die aber nicht nur nach außen, sondern auch gegen die Stadt gerichtet war.

Nach dem Siebenjährigen Krieg war, wie an vielen Orten, deutlich, dass die traditionellen Fortifikationen keinen wirksamen Schutz mehr bieten konnten. Auch um weitere Belagerungen und Besetzungen zu vermeiden und die hohen Unterhaltskosten zu sparen, forderte das Domkapitel 1762 in der Wahlkapitulation für Fürstbischof Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels die Demolierung der Festungen im Hochstift Münster, besonders die der Stadt Münster. Zudem sollte an der Stelle der bei der Bevölkerung schon lange verhassten Zitadelle ein Residenzschloss mit großem Garten errichtet werden.

1764 begann man, das gesamte Festungswerk abzutragen. Die Leitung hatte Johann Conrad Schlaun (1695-1773), der oberste Festungsbaumeister des Fürstbistums. Er entwickelte auch den Plan zur Promenade. Von der Zitadelle blieben die Wälle samt dem Graben bestehen, um die Stadt wurde der innere der beiden Wälle mit der mittelalterlichen Mauer abgetragen und der innere Graben zugeschüttet. Der äußere wurde mit den Bastionen und Ravelins darin beibehalten. Auf dem äußeren Wall legte Schlaun die um die gesamte Stadt laufende Promenade an: eine Allee mit vier, teils drei Reihen von Linden, mit einem breiten Fahrweg für Kutschen und Reiter in der Mitte und zwei schmaleren Fußwegen daneben. Die Anregung dazu gaben offenbar die Grands Boulevards in Paris, die in den 1670er Jahren an der Stelle der Mauern konzipiert worden waren und die Schlaun auf seiner Studienreise 1720/23 gesehen haben wird. Bis zu dessen Tod 1773 konnten zwei längere Abschnitte der Promenade fertiggestellt werden, der größere Rest unter seinem Nachfolger, dem Bau-, später Oberbaudirektor Wilhelm Ferdinand Lipper (1733-1800), der nach eigenen Plänen arbeitete, da es keinen Gesamtplan gab. Um 1800 führte die Promenade um die ganze Stadt.

Deren Planungs- und Baugeschichte legt die Autorin anhand der schriftlichen Quellen (Protokolle des Geheimen Rats, Korrespondenzen von Schlaun, Lipper, Fürstbischof etc.) und der (keineswegs vollständig erhaltenen) Pläne in den einzelnen Schritten dar. Die meisten Pläne sind abgebildet. Da das Buchformat aber klein ist, sind dankenswerterweise auch Links und QR-Codes beigegeben, um ihre Digitalisate im Archivportal NRW besser ansehen zu können. Die Beschreibung der Blätter beschränkt sich auf das, was zur Erläuterung der Baugeschichte notwendig ist. Ein Katalog und eine detailliertere Analyse hätten den Anspruch einer Masterarbeit und der Publikation in den 'Kleinen Schriften' überfordert.

Beschrieben werden die Planung mit ihren Varianten und das Ergebnis der Maßnahmen, wie es die Pläne darstellen. Schon Schlaun konzipierte außer den Alleen auch Ruheplätze auf den ehemaligen Bastionen. Lipper, der die Alleen in derselben Weise fortführte, plante für die Aussichtspunkte dann mehr: gerade und gewundene Wege, Bäume, Hecken, Lichtungen, unterschiedlich bepflanzte Boskette, auch aufgeschüttete niedrige Berge auf zwei Bastionen. Diese kleinen Parkanlagen markieren durch ihren Anteil an landschaftlicher Gestaltung einen stilistischen Wandel gegenüber Schlaun. Den spiegeln auch die (hier nicht näher besprochenen) Planungen des Schlossgartens durch Schlaun und dann Lipper. Neben den herausgehobenen Punkten der Promenade bedurften die Stadttore besonderer Bemühung, da die mittelalterlichen Türme nach und nach abgebrochen wurden und die Wegführung reguliert sowie neue kleine Torhäuser errichtet werden konnten. Schwierig war die Verbindung zwischen dem nördlichen und südlichen Abschnitt der Promenade im Westen, wo die Residenz (1767 begonnen) an die Stadt angeschlossen werden sollte und die Allee über die ungegliederte weite Fläche der Esplanade zu führen war, um ein repräsentatives Ensemble herzustellen.

Zunächst wird die Entstehung der Alleen chronologisch-linear dargelegt, dann ist unter dem Gesichtspunkt 'Öffnung und Grenze' von den neuen Stadttoren, den landschaftsgärtnerischen Anlagen, der 'Kultur des Spaziergangs' und der 'Schönen Stadt' im Sinn des 18. Jahrhunderts und Anderem die Rede. Dieser Wechsel in der Darstellungsweise erschwert das Verständnis ein wenig - zumal die Geschichte ohne Ortskenntnis sowieso nicht ohne Weiteres nachzuvollziehen ist. Selbst dem Kundigen könnte es nicht ganz leichtfallen zu folgen, da außer der Wegführung kaum mehr etwas von der ursprünglichen Konzeption der Promenade zu erkennen ist.

Der ehemalige Wall wurde ein allgemein zugänglicher Ort zum öffentlichen Promenieren und - besonders in den seitlichen Anlagen - zum privaten Spazieren. Die Entfestigung öffnete die Stadt, doch auch der bepflanzte Wall blieb ein Wall und behielt seinen Graben, an den Eingängen standen zwar die hohen Tore nicht mehr und der Raum war weiter, aber es gab Wachthäuser und Schlagbaum, Kontrolle und Zoll. Die Promenade blieb eine Grenze, sie war anders als die Pariser Grand Boulevards kein Verkehrsweg zwischen Altstadt und Vororten.

Zugleich ließ sie aber nach außen in die Umgebung blicken und förderte beim Spazieren - es war die Zeit des Landschaftsgartens - die 'Annäherung an die Natur'. Sie entsprach auch dem Konzept der 'Stadtverschönerung', das freilich mehr bedeutete als ästhetisch ordnende Eingriffe in die historisch gewachsene Stadt. Wie weit dies in Münster konkret auf die französischen Ideen zum 'embellissement des villes' zurückging, ob dies mit anderen Maßnahmen (Straßenpflaster und -beleuchtung etc.) konzeptionell zusammenhing (vgl. 23f.), ob es eine unmittelbare Wirkung neuester Schriften zu Stadt, Garten, Spazieren, Stadtgestaltung etc. gab [3], wäre über die von der Autorin angedeuteten Bezüge hinaus (z.B. 73-79, 121-127) näher zu erkunden.

Ebenso wäre das Verhältnis zu weiteren früh entfestigten Städten zu bestimmen und der skizzierte Vergleich mit anderen Promenaden auf Wallanlagen (Leipzig und Braunschweig, nach 1769) auszudehnen und zu präzisieren. Damit könnte die münsterische Promenade als eigenes, eher kleines Beispiel schärfer charakterisiert werden, dessen diverse formale Motive andernorts bald systematisch und monumental eingesetzt wurden.

Dies bliebe Aufgabe einer Arbeit, die die Geschichte der Promenade mit den großen Veränderungen bis heute darlegt: In den 1890er Jahren wurde sie umfassend neugestaltet, die Wälle teils weiter abgetragen, die Gräben zugeschüttet, die kleinräumigen Gartenpartien beseitigt etc., an den ehemaligen Stadttoren legte man Plätze an. Nach der Kriegszerstörung haben Straßen die Anlage beeinträchtigt, die obendrein noch mehr vereinfacht wurde. Für eine Gesamtdarstellung ist mit dem von der Autorin publizierten Material und dem dargelegten Zusammenhang mit städtebaulichen und gartenkünstlerischen Ideen des späten 18. Jahrhunderts ein guter Anfang gemacht.


Anmerkungen:

[1] Max Geisberg: Die Stadt Münster. T. 1, Münster 1932 (Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen; Bd. 41, T. 1), 245-258 und 63-78 passim (Pläne und Ansichten).

[2] Einzelne Abschnitte wurden freilich näher behandelt, vgl. z.B. Eberhard Grunsky: Der verplante Platz. Nicht realisierte Projekte 1719-2003, in: Schlossplatz - Hindenburgplatz - Neuplatz in Münster. 350 Jahre viel Platz, Münster 2012 (Arbeitshefte des LWL-Amtes für Denkmalpflege in Westfalen; 11), 81-117.

[3] Z.B. Johann Peter Willebrand: Grundriß einer schönen Stadt. In Absicht ihrer Anlage und Einrichtung zur Bequemlichkeit, zum Vergnügen, zum Anwachs und zur Erhaltung ihrer Einwohner [...]. T. 1, Hamburg 1775.

Christoph Bellot