Merve Lühr: Erinnern an die Arbeit im Kollektiv. Retrospektive Deutungen des Brigadelebens in der DDR (= Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde; Bd. 73), Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2025, 343 S., 35 Abb., ISBN 978-3-96023-628-3, EUR 48,00
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Das Arbeitsleben in der DDR wurde in den vergangenen 35 Jahren eher aus einer sozial- und politikgeschichtlichen Perspektive betrachtet. Es stellten sich Fragen nach dem Eigensinn der Arbeiterinnen und Arbeiter, nach der Stellung des Arbeitslebens in der DDR-Gesellschaft sowie nach dem politischen Machtgefüge und dem Durchherrschtsein in den Betrieben. Hierbei wurde quellennah und unter Zuhilfenahme von Zeitzeugen gearbeitet. Die vorliegende Studie verfolgt hingegen einen kulturanthropologischen Ansatz nach der Grounded Theory. Hierfür wertet die Autorin 61 Brigadebücher und 19 Interviews mit 24 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mittels qualitativer Inhaltsanalyse aus. Sie verfolgt den Anspruch, der Eigenlogik der Quellen sowie den Produktions- und Rezeptionspraktiken zu folgen.
Die Autorin beschäftigt sich intensiv mit der Aussagekraft ihrer Quellen; sie stellt die historische Entwicklung der Brigadebewegung heraus, beschreibt detailliert den Aufbau und den Entstehungsprozess von Brigadebüchern und grenzt diese deutlich von der Textgattung der Tagebücher ab, die im Gegensatz zu den Brigadebüchern meist nur eine Autorin oder einen Autor haben und nicht für die Veröffentlichung bestimmt waren. Die Brigadebücher hingegen sind textsortenspezifisch sprachlich normiert; die Berichte verfolgen ein klares Ziel, das einem Rechenschaftsbericht vergleichbar ist. Sie waren darauf ausgelegt, der Betriebsleitung vorgelegt zu werden, um am Wettbewerb "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" teilzunehmen. Auch in Bezug auf die Einordnung des Quellenwerts der Zeitzeugeninterviews arbeitet die Autorin sehr reflektiert. Wünschenswert wäre jedoch gewesen, die Passagen, in denen die Interviews ausführlich rezipiert werden, nicht nur kulturanthropologisch, sondern auch stärker historisch einzuordnen.
Aus der Gesamtstudie ergibt sich, dass die Brigadebücher vor allem als Aufhänger für die Strukturierung der Interviews und für die Auswertung dienen. Als Quellen besitzen sie eine begrenzte Aussagekraft. In der Kombination, die Brigadebücher mit den Interviewten als Einstieg und roten Faden zu verwenden, offenbart sich jedoch viel über Anspruch und Wirklichkeit der Brigadebewegung, über das Arbeiten im Kollektiv sowie über die gelebten Dimensionen gemeinsamer Freizeit. Hier zeigt sich beispielsweise, dass die "10 Gebote der sozialistischen Moral" im Arbeitsalltag keine nennenswerte Rolle spielten und Vermeidungsstrategien verfolgt wurden, um politischen Vorgaben aus dem Weg zu gehen.
Die Studie besticht dort, wo sie den Doppelcharakter der Brigade als Bindeglied zwischen Arbeit und Privatleben herausarbeitet. Die Brigade organisierte Freizeiten, Feiern und Ausflüge, schuf Netzwerke, fungierte als Interessenvertretung und war zugleich eine Instanz der Kontrolle und gegenseitigen Disziplinierung. Besonders anschaulich wird die Dialektik von Zwang und Freiwilligkeit anhand der obligatorischen Pflichttermine dargestellt. Die Teilnahme am 1. Mai war hierarchisch organisiert; retrospektiv wahren die Interviewten Distanz und erklären ihre Anpassung teils mit Pflichtbewusstsein, Scham und pragmatischer Fügung. Subbotniks (unbezahlte Arbeitseinsätze außerhalb der Arbeitszeit) werden fast durchgängig positiv erinnert; als sinnstiftend, lokal wirksam und gemeinschaftsbildend. Sport spielte jenseits der Betriebssportgruppen in den Brigadebüchern eine Nebenrolle - ein weiterer Hinweis darauf, dass die Zugehörigkeit zur Brigade, anders als es der Anspruch der SED-Führung vorsah, nicht alle Felder der Freizeit strukturierte.
Erinnerungskulturell arbeitet die Studie ein stabiles Muster heraus. Insbesondere im Vergleich der DDR-Zeit und der Zeit nach der Wiedervereinigung wird Kollegialität als besonders positiv erinnert, selbst wenn Interviewpassagen darauf hinweisen, dass dies vor allem eine retrospektive Deutung und nachträgliche Sinnstiftung sein könnte. Die Kritik der Zeitzeugen richtet sich eher gegen wirtschaftliche Ineffizienz und die allzu dominante SED als gegen den Sozialismus als Idee. Der Wert der Freiheit wird von den Interviewten nur selten als Identifikationsfigur herangezogen.
Die Stärke der Studie liegt in der Mikroperspektive auf die Arbeitswelt in der DDR und in der dichten Beschreibung der Praktiken, die sich vom Anspruch der SED-Führung immer wieder unterschieden. Gleichzeitig zeigt die Analyse, wie Rituale wie das Führen von Brigadebüchern in den Alltag übergingen. Die Geschlechterdimension kommt etwas zu kurz, da über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf allein die Frauen sprechen. Außerdem bleibt offen, wie sich das Wettbewerbssystem zu anderen leistungsorientierten Entlohnungssystemen in anderen Staaten verhält. Diese Frage beantwortet die Studie aufgrund ihres Zuschnitts leider nicht. Die Interviewten nahmen die Sinnstiftung durch die Arbeit durchweg als prägend wahr. In der Retrospektive sahen sie die Brigadebücher, das Kollektiv und den sozialistischen Wettbewerb eher als Herrschaftsmittel des Staates und nicht als Leistungsanreiz.
Anita Krätzner-Ebert