Rezension über:

Dale W. Tomich / Paul E. Lovejoy (eds.): The Atlantic and Africa. The Second Slavery and Beyond (= Fernand Braudel Center Studies in Historical Social Science), New York: Suny Press 2021, xi + 324 S., ISBN 978-1-4384-8443-3, USD 104,00
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Rezension von:
Stephan Conermann
Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Conermann: Rezension von: Dale W. Tomich / Paul E. Lovejoy (eds.): The Atlantic and Africa. The Second Slavery and Beyond, New York: Suny Press 2021, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/07/41476.html


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Dale W. Tomich / Paul E. Lovejoy (eds.): The Atlantic and Africa

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In diesem Sammelband verknüpfen die Herausgeber Dale W. Tomich und Paul E. Lovejoy zwei Forschungsrichtungen, die lange getrennt voneinander behandelt wurden: die Geschichte der sogenannten "Second Slavery" in den Amerikas und die Geschichte der Sklaverei innerhalb Afrikas im 19. Jahrhundert. Das zentrale Anliegen des Werkes besteht darin zu zeigen, dass beide Phänomene Teil eines einzigen globalen historischen Prozesses waren, nämlich der Umstrukturierung der kapitalistischen Weltwirtschaft im Zeitalter der Industrialisierung.

Den Begriff "Second Slavery" hat Dale Tomich entwickelt. [1] In diesem Band wird er noch einmal gesondert von Michael Zeuske aufgegriffen und diskutiert. ("The Atlantic and Atlantic Slavery, Second Slavery, the Hidden Atlantic and Capitalism", 65-106) Beide beschreiben damit die Expansion und Neuorganisation von Sklavensystemen nach dem Ende des formalen transatlantischen Sklavenhandels durch Großbritannien Anfang des 19. Jahrhunderts. Entgegen älteren Vorstellungen verschwand die Sklaverei nicht einfach mit dem Aufstieg des Industriekapitalismus. Vielmehr erlebten bestimmte Regionen eine neue Phase intensiver Sklavenarbeit. Diese "zweite Sklaverei" konzentrierte sich vor allem auf die Baumwollplantagen des amerikanischen Südens, die Zuckerproduktion Kubas und die Kaffeewirtschaft Brasiliens. Zwischen etwa 1815 und 1880 expandierte die Sklaverei in diesen Regionen, die dadurch zu zentralen Lieferanten von Rohstoffen für die industrielle Weltwirtschaft wurden. Die industrielle Entwicklung Europas beruhte damit nicht auf einer Auflösung der Sklaverei, sondern auch auf deren Modernisierung und Ausweitung. Diese Entwicklung kann, so der Tenor des Sammelbandes, nur verstanden werden, wenn man Afrika in die Analyse einbezieht. Die Geschichte der Sklaverei in Afrika und die Geschichte der Plantagenökonomien der Amerikas bildeten ein zusammenhängendes System. Die Abschaffung des transatlantischen Sklavenhandels bedeutete, wie gesagt, keineswegs das Ende der Sklaverei in Afrika (Christopher R. DeCorse: "Atlantic Slavery, African Landscapes: Change and Transformation in the Era of the Atlantic World", 131-158; Patrick Manning: "The 'Second Slavery' in Africa: Migration and Political Economy in the Nineteenth Century", 203-216). Im Gegenteil: In vielen Regionen Afrikas nahm die Zahl versklavter Menschen sogar zu und erreichte historische Höchststände.

Sehr spannend ist der Beitrag von Paul Lovejoy über die islamischen Jihad-Bewegungen Westafrikas im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert ("The Jihad Movement and the Development of 'Second Slavery' in West Africa in the Nineteenth Century", 47-66). Lovejoy argumentiert, dass diese muslimischen Gruppendynamiken entscheidend für die Transformation der Sklaverei in Afrika waren. Die Jihads führten zur Entstehung neuer Staaten, insbesondere des Sokoto-Kalifats. Während diese Bewegungen sich teilweise gegen den Atlantikhandel richteten, lehnten sie die Sklaverei als Institution nicht grundsätzlich ab. Stattdessen entstand eine verstärkte Nutzung versklavter Arbeitskräfte innerhalb Afrikas. Paul Lovejoy zeigt, dass die Verlagerung von Sklavenarbeit nach innen nicht nur eine Folge europäischer Abschaffungspolitik darstellte. Ebenso wichtig waren politische und religiöse Veränderungen innerhalb Afrikas selbst. Damit widerspricht er Darstellungen, die afrikanische Entwicklungen lediglich als Reaktion auf europäische Einflüsse verstehen.

Der Rolle afrikanischer Frauen innerhalb der Sklavenwirtschaft ist Mariana Candidos' Studie über Angola gewidmet ("African Businesswomen in the Age of Second Slavery in Angola", 179-202). Candido zeigt, dass afrikanische und afro-portugiesische Geschäftsfrauen eine wichtige Rolle im Handel spielten. Sie waren nicht nur Vermittlerinnen zwischen afrikanischen und europäischen Handelsnetzwerken, sondern konnten beträchtlichen Reichtum erwerben. Viele besaßen selbst Land, Häuser und versklavte Menschen. Der Beitrag erweitert das Verständnis afrikanischer Gesellschaften, indem er hervorhebt, dass Frauen keineswegs nur Opfer der Sklaverei waren. Einige nahmen aktiv an den wirtschaftlichen Strukturen teil und profitierten von ihnen. Dadurch entsteht ein komplexes Bild sozialer Hierarchien und Machtverhältnisse.

Neben der "Second Slavery" stellt die "Great Transformation" des 19. Jahrhunderts, also der durch die Industrialisierung, neue Transporttechnologien und Finanzmärkte sowie die Ausdehnung des Welthandels ausgelöste tiefgreifende Wandel der globalen Wirtschaft, einen weiteren wichtigen theoretischen Referenzpunkt des Bandes dar (Tâmis Parron: "The Great Transformation: World Capitalism and the Crisis of Slavery in the Americas", 19-46). Großbritannien trat dabei einerseits als führende Macht der Abolition auf und bekämpfte den transatlantischen Sklavenhandel. Andererseits förderte die britische Politik die Ausweitung des Weltmarkts und die globale Durchsetzung kapitalistischer Produktionsweisen. Beide Prozesse waren eng miteinander verbunden. Die Expansion der Weltmärkte erzeugte einen steigenden Bedarf an billigen Rohstoffen. Um diesen zu decken, wurden in vielen Teilen der Welt neue Systeme der Arbeitskontrolle geschaffen. Sklaverei war daher kein Überbleibsel einer vormodernen Vergangenheit, sondern ein aktiver Bestandteil der modernen kapitalistischen Entwicklung. Innerhalb der Vereinigten Staaten entwickelte sich vor diesem Hintergrund ein großer Binnenhandel mit versklavten Menschen, der Arbeitskräfte aus den älteren Sklavenstaaten in die Baumwollgebiete des Südens verlagerte. Die Abschaffung des Sklavenhandels führte eben keineswegs sofort zu einem Rückgang der Sklaverei. Stattdessen entstanden neue Formen ihrer Organisation. Insgesamt können der amerikanische Süden, Kuba und Brasilien als eine durch Kapitalströme, Handelsnetzwerke und Migration miteinander verbundene Region der "Second Slavery" betrachtet werden.

Einer der Artikel untersucht die "Kommodifizierung der Freiheit" auf Kuba (Henry L. Lovejoy: "The Commodification of Freedom in Cuba during Second Slavery", 107-130). Henry Lovejoy verdeutlicht, dass Freiheit selbst zu einem handelbaren Gut wurde. Versklavte Menschen konnten unter bestimmten Bedingungen ihre Freilassung kaufen oder finanzielle Strategien entwickeln, um sich selbst oder Angehörige freizukaufen. Der Beitrag verdeutlicht die Widersprüche einer Gesellschaft, in der Freiheit zwar einen Marktwert besaß, aber weiterhin innerhalb eines Systems massiver Unfreiheit existierte. Freiheit wurde dadurch nicht zu einem universellen Recht, sondern zu einer Ressource, die erworben werden musste. Der Verfasser führt uns dies am Beispiel von Angehörigen der westafrikanischen Egba-Gesellschaft vor Augen. Diese Menschen nutzten gemeinschaftliche Sparsysteme, um ihre Freiheit zu erwerben und teilweise nach Afrika zurückzukehren. Versklavte Menschen waren eben keineswegs nur passive Opfer. Sie entwickelten eigene Netzwerke, Strategien und Formen kollektiven Handelns. Dadurch entstanden transatlantische Verbindungen, die auch nach der formalen Abschaffung der Sklaverei fortbestanden.

Eine interessante Perspektive des Sammelbandes besteht darin, die Geschichte des Atlantiks mit der des Indischen Ozeans zu verbinden. Traditionell werden beide Räume in der Forschung getrennt behandelt. Mehrere Autor*innen argumentieren jedoch, dass dies historisch irreführend ist (Rafael Marquese: "The Cultivation System in Java, Second Slavery in Brazil, and the World Coffee Economy (ca. 1760-1860)", 159-178; Janet J. Ewald: "African Enslavement and the East India Articles: Two Captive-Labor Regimes in the Western Indian Ocean ca. 1750-1900", 217-246; Pepijn Brandon: "Dutch Capitalism and Slavery in the Longer Run: A Reorientation", 247-272). Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Wirtschaftssysteme beider Regionen zunehmend miteinander verflochten. Produkte, Kapital und Arbeitskräfte bewegten sich über globale Netzwerke hinweg. Handelsbeziehungen verbanden Brasilien, Europa, Ostafrika, Sansibar, Mauritius, Indien und Südostasien miteinander. Der Ausbau des Welthandels und Ereignisse wie die Eröffnung des Suezkanals verstärkten diese Verbindungen zusätzlich. Vor allem Richard Allens Aufsatz ("Merchant Capital and Slave Trading in the Western Indian Ocean, 1770-1830", 273-296) verdeutlicht, dass der Sklavenhandel im Indischen Ozean überhaupt nicht marginal war. Auch hier wurden Menschen in sehr großem Umfang verschleppt und ausgebeutet.

Alles in allem untermauert The Atlantic and Africa: The Second Slavery and Beyond die wichtige Erkenntnis, dass die Expansion des Kapitalismus im 19. Jahrhundert nicht mit dem Niedergang der Sklaverei einherging, sondern auf ihrer Ausweitung beruhte. Afrika erscheint dabei nicht als passiver Lieferant von Arbeitskräften, sondern als aktiver Bestandteil globaler wirtschaftlicher und politischer Transformationen. Die Beiträge machen darüber hinaus deutlich, dass die Geschichte von Sklaverei, Emanzipation, Kapitalismus und Globalisierung nur dann angemessen verstanden werden kann, wenn Afrika, die Amerikas und der Indische Ozean gemeinsam betrachtet werden.


Anmerkung:

[1] Siehe Dale Tomich: The "Second Slavery". Bonded Labor and the Transformation of the Nineteenth-Century World Economy, in: Francisco O. Ramirez (ed.): Rethinking the Nineteenth Century. Movements and Contradictions, Westport, CT 1988, 103-107; Ders: The Second Slavery and World Capitalism. A Perspective for Historical Inquiry, in: International Review of Social History 63,3 (2018), 477-501.

Stephan Conermann