Donald S. Prudlo (ed.): A Companion to the History of the Roman Curia (= Brill's Companions to the Christian Tradition; Vol. 107), Leiden / Boston: Brill 2025, XVI + 390 S., Diverse Tbl., ISBN 978-90-04-18462-6, EUR 253,59
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Stephan Reinke: Kurie - Kammer - Kollektoren. Die Magister Albertus de Parma und Sinitius als päpstliche Kuriale und Nuntien im 13. Jahrhundert, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2012
Werner Maleczek (Hg.): Die römische Kurie und das Geld. Von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zum frühen 14. Jahrhundert, Ostfildern: Thorbecke 2018
Die Geschichte der Verwaltung ist noch längst nicht ausgeschrieben. Im Gegenteil steht ihre immense Bedeutung als Herrschafts- und Kulturtechnik in einem beinahe grotesken Missverhältnis zur Schärfe jenes Bildes, das sich ein Forscher unserer Zeit, trotz aller Twists und Turns des vergangenen Jahrhunderts, von ihr zu machen vermag: Mit fragendem Blick stehen selbst ausgewiesene Experten bisweilen vor dem Geschäftsgang moderner (und vormoderner) Staatsverwaltungen. Behelfsliteraturen, wie etwa Paraphenlisten oder meterlange Geschäftsgangsrekonstruktionen, sind Legion und noch immer kann die Aktenkunde als 'Diplomatik der Moderne' an Expertise, fachlichem Renommee und institutioneller Konsolidierung nicht annähernd an das heranreichen, was die mittelalterliche Schwesterdisziplin bereits vor anderthalb Jahrhunderten vorexerzierte. Auf welche Weise Entscheidungen in der Vormoderne in Verwaltungen durch wen und aus welchem Grunde getroffen worden sind, ist wenigstens im Großen und Ganzen und besonders für die Frühe Neuzeit ein Arkanum.
Kein Gegenstand kann, angesichts dieser breiten Forschungslücke, von größerer Bedeutung sein als die römische Kurie, deren Geschichte nicht allein beinahe zwanzig Jahrhunderte umfasst und damit als erste Organisation der Menschheitsgeschichte mit weltweitem Verwaltungssprengel gelten muss. Zudem war sie stilprägend für das, was der heutige Betrachter überhaupt als 'Verwaltung' empfinden mag. Aufgrund dieser außergewöhnlichen Bedeutung erscheint ein epochenübergreifender Companion zu ihrer Geschichte so willkommen wie überfällig.
Angesichts der zeitlichen Weite und inhaltlichen Komplexität des Themas erblickt der Leser dankbar die grobe chronologische Gliederung des von Donald S. Prudlo herausgegebenen Bandes, dessen Beiträge auf eine im Mai 2022 im Augustinianum in Rom abgehaltene Tagung zurückgehen.
Den Abschnitt zur antiken Geschichte der Kurie eröffnet Rosamond McKitterick (15-34) mit ihrer Analyse des Liber Pontificalis, dem zurecht in jüngster Zeit größere Aufmerksamkeit zugekommen ist [1], als 'processed archive' (33). So sei eine Geschichtserzählung entstanden, in der das Institutionengedächtnis des Papsttums und der im Entstehen begriffenen Kurie die Hauptrolle spielten (34). Bronwen Neils daran anschließende Ausdeutung der Collectio Avellana (35-52) im Kontext des Akazianischen Schismas zwischen Rom und Konstantinopel gibt dem Leser einen weiteren Einblick in die Motivationen römischer Kompilatoren in der Spätantike (35). Beide Autorinnen reichern ihre speziellen exegetischen Ausführungen mit breiteren historischen Einführungen zur frühen päpstlichen Administration (23-31) bzw. zum frühen päpstlichen Archivwesen (36-39) an, was der im Feld noch unerfahrene Leser dankbar annehmen wird. Abgeschlossen wird der Abschnitt durch die Aufsätze von Rita Lizzi Testa (53-72) und Dominic Moreau (73-94), die sich auf die Suche nach dem Scrinium, dem päpstlichen Archiv der Spätantike, begeben.
Den Abschnitt zum Hohen Mittelalter eröffnet Bruce Brasington (95-108), der den Appellationsprozess im Rom des 12. Jahrhunderts nachzeichnet und konstatiert, auf welche Weise die Kurie vermittels der Einziehung zeitlicher und monetärer Schranken ('legal experiments with money and time', 105) Einfluss auf den dramatischen Anstieg dieser Prozesse zu nehmen suchte. Einem völlig anderen Thema widmet sich im Anschluss Danica Summerlin (109-124), die die Beteiligung kurialer Beamter an Vorbereitung, Durchführung und Durchsetzung von Konzilien und Synoden in demselben Jahrhundert untersucht. Der Herausgeber des Bandes (125-142) schließt den Abschnitt mit seiner sehr gut lesbaren Untersuchung zur Symbiose der Kurie ('curial-mendicant interpenetration', 140) mit den aufsteigenden Bettelorden des 13. Jahrhunderts anhand der Stichworte 'Patronage' (127-130), 'Privileges' (130-132), 'Public Worship' (132-135) und 'Property' (135-138).
Sandro Carocci eröffnet die Aufsätze zu Spätmittelalter und Renaissance mit einer überblicksartigen und wenig quellennahen Betrachtung des päpstlichen Nepotismus (143-188). Anthony Lappin (159-174) bringt im Anschluss mit der Geschichte des Magister Sacri Palatii eine institutionengeschichtliche Perspektive in den Band, wobei er einem Amt folgt, das von der Lehre in die Verwaltung hineinwandert und damit eine Wende vom mittelalterlichen zum modernen Hof hin markiert. Peter Clarke widmet sich daraufhin (175-190) der päpstlichen Pönitentiarie, woraufhin sich Barbara Bombis Text mit der Begriffsgeschichte der Curia beschäftigt, bevor sie die Organisation der päpstlichen Kanzlei und des Stilus curiae im 13. Jahrhundert darstellt (191-206). Zuletzt beschäftigt sich Kirsi Salonen (207-226) in einem in bester Weise handbuchartigen Text mit der Rota, deren Geschichte sie nicht zuletzt als Reformgeschichte schreibt.
Der Moderne sind zuletzt sechs Aufsätze gewidmet. Den Anfang macht Miles Pattenden (227-244), dessen essayhafter Text sich der Re-Etablierung der Kurie in Rom nach dem Abendländischen Schisma widmet, bevor Elena Bonora (245-262) den Einfluss der Gegenreformation auf die Arbeit einer Kurie analysiert, die sich fortan in einem multikonfessionellen Europa zurechtzufinden hatte. Maria Teresa Fattoris anschließender Text (263-283) behandelt das Verhältnis der Konzilskongregation zu den Provinzialkongregationen im Anschluss an das Konzil von Trient, Cesare Santus (284-301) das Verhältnis von Kurie und Ostkirchen in der Frühen Neuzeit. Von immenser Bedeutung - wie alles Ökonomische - sind Massimo Carlo Gianninis anschließende Ausführungen zu den päpstlichen Finanzen ab 1564 (302-320), bevor Giovanni Pizzorusso, der dem Leser die Gründung der Congregatio de Propaganda Fide aus der Sicht ihres ersten Sekretärs, Francesco Ingoli, erzählt, dem Band seinen Abschluss gibt.
Eine Tour de Force also ist der vorliegende Band zu nennen, widmet er sich doch der Geschichte der päpstlichen Kurie von ihren Anfängen bis an die Schwelle der Französischen Revolution. Ein derart breites Thema in Form eines Sammelbandes aufzuarbeiten, ist letztlich eine Arbeit der Auswahl von Beiträgern und Texten, ihn zu bewerten bedeutet letztlich, eine Aussage über die Validität der Schwerpunktsetzung zu treffen.
Anderen Bänden derselben Reihe mag dies besser gelungen sein, widmet sich dieselbe doch u.a. der mittelalterlichen Marienverehrung, den Waldensern oder der Reformation in Schottland [2], die aufgrund ihres geringeren zeitlichen Horizontes und ihrer besseren wissenschaftlichen Durchdringung gewiss leichter zu kompilieren sind. Die eingangs angesprochene enorme Bedeutung eines im Ganzen schwach durchforschten Gegenstandes jedoch macht dies verzeihlich. Wo der Sammelband gezwungen ist, spezifischere Themenschwerpunkte zu setzen, gelingt dies demselben im Ganzen sehr überzeugend. Der Leser erfährt hier einiges über das Verhältnis der Kurie zu den Ostkirchen, ebenso wie zum nichtkatholischen Europa nach der Reformation. Er erhält einen Einblick in die Wirtschafts- und Institutionengeschichte, in Struktur und Wandel dieses einzigartigen Verwaltungsapparates. Dem Anspruch der Reihe, "full balanced accounts at an advanced level" sowie "synthesis of debate and the state of scholarship" bereitzustellen [3], ist damit ebenso Genüge getan, wie der Hoffnung des Herausgebers "that the many studies contained herein will offer the reader a solid overview of the many facets of the Roman Curia" (12).
Anmerkungen:
[1] Vgl. Klaus Herbers / Matthias Simperl (Hgg.): Das Buch der Päpste - Liber pontificalis. Ein Schlüsseldokument europäischer Geschichte (= Römische Quartalschrift, Supplementbände; Bd. 67), Freiburg: Herder 2010.
[2] Bd. 117, 103, 100 derselben Reihe.
[3] Selbstbeschreibung des Verlages.
Kevin Hecken