Honorius Augustodunensis / Zachary Thomas / Gerhard Eger (eds.): Jewel of the Soul. Volume I (= Dumbarton Oaks Medieval Library), Cambridge, MA / London: Harvard University Press 2023, XXVII + 623 S., ISBN 978-0-674-29081-5, USD 35,00
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Honorius Augustodunensis / Zachary Thomas / Gerhard Eger (eds.): Jewel of the Soul. Volume II (= Dumbarton Oaks Medieval Library), Cambridge, MA / London: Harvard University Press 2023, V + 606 S., ISBN 978-0-674-29253-6, GBP 35,00
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Honorius Augustodunensis (c. 1080-1150/51) gab seinem um 1140 entstandenen Gottesdienstkommentar den Namen Gemma animae (Juwel der Seele). In allegorischer Optik wird dabei der Gottesdienst zur Morgengabe für die christliche Seele stilisiert, zu einem Vorgeschmack auf das himmlische Jerusalem. In nur fünf Zeilen innerhalb des Vorworts umreißt Honorius den Inhalt seiner Schrift: Sie handelt von der (lebensspendenden) Messe, vom Kirchengebäude, in dem sie stattfindet und von den Menschen, die an ihrer Feier beteiligt sind. "So wie Gold durch einen Edelstein wird die Seele durch den Gottesdienst geschmückt" (quia videlicet veluti aurum gemma ornatur, sic anima divino officio decoratur) - dieser dort zu findende, bescheidene Satz verweist programmatisch auf den Inhalt eines der bedeutendsten liturgischen Kommentare des Mittelalters. Er liegt nun in einer von Zachary Thomas und Gerhard Eger besorgten Ausgabe vor, in der sich der lateinische Text und eine englische Übersetzung jeweils gegenüberstehen.
Wenig ist über das Leben des Honorius bekannt: "In the end, the clearest window into Honorius's person remain his works." (VII) Er wurde vermutlich um 1080 geboren und starb nach 1150. Wahrscheinlich stammte er aus England oder Irland und wirkte später im deutschsprachigen Raum, unter anderem im Umfeld des Klosters St. Peter in Regensburg. Der Beiname "Augustodunensis" verweist auf Autun, obwohl nicht eindeutig geklärt ist, ob Honorius tatsächlich dort lebte oder ausgebildet wurde. Honorius verfasste zahlreiche theologische und enzyklopädische Werke. Sein besonderes Anliegen war es, christliches Wissen verständlich zu ordnen und einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Zu seinen bekanntesten Schriften gehören das Elucidarium, ein Lehrdialog über grundlegende Fragen des christlichen Glaubens, sowie eine Imago mundi betitelte mittelalterliche Weltchronik und Enzyklopädie. In seinen Werken (er selbst listet in seinem Spätwerk De luminaribus 21 eigene Werke auf) verbinden sich Theologie, Philosophie, Naturkunde und Geschichtswissen zu einem überzeugenden Ganzen und geben breiten Einblick in das mittelalterliche Weltverständnis.
In seiner Gemma animae beschäftigt sich Honorius vor allem mit der Bedeutung und Symbolik der christlichen Liturgie und des Gottesdienstes. Auf Grundlage der Lehre von den vier Schriftsinnen werden die verschiedenen Bestandteile des kirchlichen Gottesdienstes (darunter auch der Kirchenraum), die liturgischen Geräte, Gewänder, Gebete und Handlungen erklärt. Von besonderer Bedeutung sind dabei Honorius' gewandtechnische Ausführungen - "the longest written in the Middle Ages" (XVI). Der beschriebene Ritus ist derjenige eines Pontifikalhochamts, so wie es im 12. Jahrhundert in den Kathedralen des Reichs gefeiert wurde. Dabei geht Honorius weit über die einfache Beschreibung der äußeren Formen hinaus. Vielmehr versucht er zu zeigen, welche geistliche und symbolische Bedeutung hinter den einzelnen Elementen steht. Sichtbare Handlungen der Liturgie werden auf diese Weise mit unsichtbaren Glaubensinhalten verwoben, Kirchengebäude, liturgische Gegenstände und Riten als Zeichen für geistige Wirklichkeiten verstanden. Die Liturgie erscheint als symbolische Darstellung der Heilsgeschichte und des christlichen Glaubens.
Die Gemma animae wurde im Mittelalter als wichtige Darstellung und Deutung der christlichen Liturgie rezipiert. Die Schrift ist in mindestens 72 Handschriften erhalten. Teile wurden ins Deutsche übersetzt und in den Lucidarius (1190-1195), eine Enzyklopädie für ein Laienpublikum, eingefügt. Zu Recht wird auf die inhaltliche Verbindung dieser Schrift mit der Glossa ordinaria, den Konkordanzen des kanonischen Rechts und den frühen Summen hingewiesen. Honorius' Werk, Hauptquelle auch für das Mitrale (um 1180) des Sicard von Cremona, gehört zu den Schriften, durch die liturgisches Wissen und mittelalterliche Symbolvorstellungen weitergegeben wurden.[1] Seine Wirkung steht dabei im Zusammenhang mit einer größeren mittelalterlichen Tradition der allegorischen Liturgieexegese, zu der auch andere bedeutende Autoren wie Amalar von Metz (Liber officialis) und Wilhelm Durandus gehören. Durandus' Rationale divinorum officiorum (1291-92) sollte Honorius' Schrift als autoritativer Referenzpunkt ablösen.
Mit der lateinischen Textedition und der englischen Übersetzung liegt die Gemma animae nun in einer Gestalt vor, die sich in Ermangelung einer systematischen Auswertung der gesamten handschriftlichen Überlieferung zwar nicht mit dem Prädikat "kritische Edition" schmücken kann, aber dennoch gegenüber der alten Migne-Ausgabe einen deutlichen Fortschritt darstellt. [2] Die Herausgeber legten ihrer Edition die Handschrift Admont, Stiftsbibliothek, Cod. 366 zugrunde. Sie stammt aus der Mitte des 12. Jahrhunderts und liegt damit zeitlich relativ nahe an der Entstehung des insgesamt vier Bücher umfassenden Werkes. Lateinischer Text und Übersetzung kommen ohne kritischen Apparat oder Fußnoten aus. Die wenigen textkritischen Bemerkungen finden sich jeweils am Ende der beiden Bände und beschränken sich zumeist auf die Angabe alternativer Lesarten in einer weiteren Handschrift (Lambach, Benediktinerstift, Cml XXXV). Da die Gliederung, wie sie die Handschrift Admont bietet, als "inadequate" (561) empfunden wurde, folgt sie in der vorliegenden Fassung derjenigen bei Migne. Drei Anhänge in Bd. 2 liefern 1. unvollendetes hagiographisches Material in der Handschrift Admont, 2. Gedanken über den kaiserlichen adventus und weitere Zeremonien, 3. eine knappe Bemerkung zum mos paganorum. Die Übersetzung liest sich hervorragend und trägt der Problematik so mancher Begriffe mit ihrem schillernden Bedeutungsgehalt wie etwa organum Rechnung. Mitunter wird auf problematische Stellen in den "Notes to the Translation" (569-623) eingegangen. Dort finden sich auch inhaltliche Erläuterungen und weiterführende Literatur.
Während Buch I also den Ablauf einer vom Bischof gefeierten Messe symbolisch deutet, wird der Blick in Buch II auf die Bedeutung der täglichen Stundengebete gerichtet. Buch III behandelt die Hauptfeste im Kirchenjahr und Buch IV stellt den Versuch dar, sämtliche Sonntage ausgehend von einem uniformen allegorischen Schema zu deuten. [3] Honorius schöpft extensiv aus den Schriften Amalars, stützt sich aber auch auf das, was zuvor Berno von Reichenau und Bernold von Konstanz in ihren historisch-kanonistisch ausgerichteten Schriften entfaltet hatten.
Die Gemma animae bietet eine Fülle nicht nur liturgisch, sondern auch kulturhistorisch interessanter Details. So mutet etwa der Lobpreis ungerader Zahlen angesichts der symbolischen Bedeutung "perfekter" Zahlen einigermaßen überraschend an: mit Blick auf die Vertreter unterschiedlicher Weihegrade, die an der Messe (zumeist als Septenar) partizipieren, wird klar formuliert, dass es nicht zulässig sei, zu sechst, viert oder zu zweit zu agieren, da eine gerade Zahl geteilt werden kann. Da die Kirche selbst jedoch niemals geteilt werden könne, müsse dies auch für die Anzahl der jeweils am Messgeschehen Beteiligten gelten: Sie müssten in ungerader Zahl (numerus impar) auftreten (I, 11, 30).
Erstaunlich auch die durchgängig agonale Grundierung des Messgeschehens, das ebenso als Kampf Davids gegen Goliath, als Auseinandersetzung des Guten mit dem Bösen gedeutet wird, wie als Gerichtsverfahren (quia in Missa causa populi cum Deo iudice agitur, I, 80, 150) oder als Aufführung einer Tragödie (I, 83, 156).[4]
Der sorgfältig lektorierte Editions- und Übersetzungstext - Ausnahmen bestätigen die Regel [5] - dürfte zukünftig nicht nur liturgische, sondern auch ganz allgemein mentalitäts- und kulturgeschichtliche Forschungen beflügeln. Die durchgehende Allegorisierung verortet das Gottesdienstgeschehen im hic et nunc menschlicher Existenz und öffnet so ein Fenster hinein in die religiöse Vorstellungs- und Gedankenwelt des mittelalterlichen Menschen.
Anmerkungen:
[1] Gábor Sarback / Lorenz Weinrich (ed.): Sicardi Cremonensis episcopi Mitralis de officiis (CCCM 228), Turnhout 2008.
[2] Jacques-Paul Migne (ed.): Patrologia Latina, Bd. 172, Paris 1854, Sp. 541-738. Migne griff auf den von Melchior Lotter besorgten und 1514 in Leipzig erschienenen Erstdruck zurück.
[3] In primis igitur de Missa per quam nobis vita redditur, et de ecclesia in qua agitur, et de ministris per quos celebratur videamus. Deinde de reliquis horis, quae sunt debitum nostrae servitutis edisseramus. Tertio de sollemnitatibus totius anni dicamus. Quarto de concordia officiorum rite subiungamus (I, 1, 10).
[4] Sciendum quod hii qui tragoedias in theatris recitabant, actus pugnantium gestibus populo repraesentabant. Sic tragicus noster pugnam Christi populo Christiano in theatro ecclesie gestibus suis repraesentat, eique victoriam redemptionis suae inculcat (I, 83, 156) ; vgl. auch I, 45, 88: Hoc totum episcopus imaginator, et quasi tragicis gestibus exprimere conatur.
[5] In I, 192b, 348, blieb ein Element unübersetzt (Carminum relatores, vel comici, vel tragoedi, sunt acolythi, lectores, cantores, psalmistae - [...] and acolytes, cantors, and psalmists to minstrels, comedians, and tragedians); I, 77, 144, ist mit De cantore quod vicem praeconis agat überschrieben, müsste aufgrund des folgenden Inhalts aber doch wohl eher De lectore quod vicem praeconis agat lauten; nur unregelmäßig werden für die Übersetzung liturgischer, noch heute verwendeter Messtexte die traditionellen englischen Sprachformen verwendet, wie etwa in I, 108, 211 (De ordinibus), wo per quem omnia bona erfreulicherweise mit through whom thou dost create all these good things übersetzt wird.
Ralf Lützelschwab