Said Aljoumai / Konrad Hirschler: Owning Books and Preserving Documents in Medieval Jerusalem. The Library of Burah al-Din (= Edinburgh Studies in Classical Islamic History and Culture), Edinburgh: Edinburgh University Press 2023, XII + 408 S., ISBN 978-1-4744-9206-5, GBP 100,00
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Said Aljoumani und Konrad Hirschler, die beide in dem Hamburger Exzellenzcluster "Understanding Written Artefacts" (UWA) arbeiten, untersuchen die Buch-, Schrift- und Dokumentenkultur Jerusalems im späten 14. Jahrhundert anhand eines auf den ersten Blick unscheinbaren Einzelfalls. Im Mittelpunkt steht Burhān ad-Dīn Ibrāhīm al-Nāṣirī, ein 1387 verstorbener Einwohner der Stadt, der weder zur politischen oder wirtschaftlichen Elite gehörte noch als bedeutender Gelehrter in den zeitgenössischen Chroniken erscheint. Er arbeitete vor allem als Rezitator religiöser Texte und verfügte über mehrere kleinere, teilweise gleichzeitig ausgeübte Posten an religiösen und wohltätigen Stiftungen. Nach seinem Tod hinterließ Burhān ad-Dīn eine überraschend umfangreiche Privatbibliothek mit 273 Büchern, die im Zuge der Abwicklung seines Nachlasses öffentlich versteigert wurden. Eine detaillierte Aufstellung der verkauften Bücher sowie weitere mit seinem Leben und seinem Nachlass verbundene Dokumente sind im Bestand der Privaturkunden des Islamischen Museums auf dem Jerusalemer Tempelberg (Ḥaram aš-Šarīf) erhalten geblieben. Konrad Hirschler setzt damit seine intensive Beschäftigung mit mamlukenzeitlichen Bibliotheken fort. 2016 erschien seine wegweisende Arbeit über einen etwa 1270 von einem Bibliothekar zusammengestellten Katalog der Ašrafiyya-Bibliothek in Damaskus. [1] Fünf Jahre später veröffentlichte er dann eine ebenso profunde Studie über die beachtliche Sammlung eines offenbar nicht sehr berühmten Damaszener Gelehrten aus dem 15. Jahrhundert. [2] Auf die Untersuchungen einer öffentlichen Einrichtung und die Kollektion eines mittelrangigen ʿālim folgt nun die Analyse der Buchbestände eines interessierten und gebildeten Laien.
Zunächst rekonstruieren die Autoren die soziale und ökonomische Stellung Burhān ad-Dīns. Einen wesentlichen Teil seines Lebensunterhalts bezog er aus religiösen Stiftungen, den sogenannten awqāf. Jerusalem besaß im 14. Jahrhundert eine dichte Landschaft solcher Einrichtungen. Moscheen, Madrasas, Mausoleen und andere Institutionen finanzierten eine Vielzahl kleiner Stellen, darunter Tätigkeiten für Koranrezitatoren und Rezitatoren anderer religiöser Texte. Burhān ad-Dīn kombinierte, wie gesagt, mehrere solcher Positionen. Zugleich beschränkte sich seine wirtschaftliche Tätigkeit nicht auf die Stiftungswelt. Die erhaltenen Dokumente zeigen ihn auch als Akteur in der Welt der Kredite und Immobilien. In den letzten Jahren seines Lebens verbesserte sich offenbar seine ökonomische Lage deutlich, wobei seine Bibliothek für ihn in diesem Zusammenhang eine sehr gute Geldanlage gewesen zu sein scheint.
Das wichtigste Einzelstück des untersuchten Quellenbestandes ist das von den Autoren als "sale booklet" bezeichnete Verkaufsheft der von Burhān ad-Dīn gesammelten Bücher. Es entstand im Zusammenhang mit der Versteigerung seines Nachlasses und enthält vor allem Angaben über die veräußerten Werke, ihre Käufer und die dabei erzielten Preise. Bücher ließen sich somit nach dem Tod ihres Besitzers wieder in Geld verwandeln und waren damit Teil der Vermögensmasse eines Haushalts. Said Aljoumani und Konrad Hirschler rücken die Buchgeschichte mit ihrer mikrohistorischen Untersuchung der Lebenswelt eines nicht der Elite zugehörigen Mannes näher an die Wirtschaftsgeschichte heran: Ein Manuskript war nicht nur Träger eines Textes, sondern zugleich ein produziertes und bewert- wie veräußerbares Objekt. Die Auktion macht auch deutlich, dass eine vormoderne Privatbibliothek keine dauerhaft geschlossene Einheit darstellen musste. Burhān ad-Dīns Sammlung entstand durch zahlreiche Erwerbungen und zerfiel anschließend wieder in einzelne Bücher, die dann in andere Haushalte und Sammlungen gelangten, wobei die Käufer aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen kamen. Die Versteigerung erlaubt es Aljoumani und Hirschler, nicht nur den Besitz von Büchern, sondern auch deren soziale Bewegung zu untersuchen. Methodisch demonstriert die Studie, welches Erkenntnispotential in seriellen, fragmentarischen und zunächst wenig spektakulären Dokumenten liegt. Burhān ad-Dīn hinterließ weder eine Autobiographie noch eine gelehrte Biographie oder ein berühmtes Werk. Seine Geschichte konnte dennoch aus verstreuten administrativen und wirtschaftlichen Spuren zusammengesetzt werden. Die beiden Autoren zeigen damit sehr schön, wie sich durch die Kombination von Objekt- und Sozialgeschichte und genauer Dokumentenanalyse eine Person unterhalb der Ebene der bekannten Herrscher, Emire und Gelehrten sichtbar machen lässt.
Der zweite Teil des Buches macht die Quellenbasis transparent. Die Autoren edieren und übersetzen sehr sorgsam das Verkaufsheft und rekonstruieren einige der damit verbundenen Dokumente der Nachlassabwicklung. Sie bemühen sich dabei, jedes Buch (mitsamt seines Verfassers) zu identifizieren. Eine sehr mühsame, aber natürlich im Ergebnis spannende Arbeit! Vier weitere zentrale Schriftstücke - darunter Zahlungs- und Forderungslisten sowie Abrechnungen - werden als zusammenhängendes Netzwerk analysiert. Hinzu kommen Übersichten und Editionen weiterer Dokumente aus Burhān ad-Dīns Umfeld.
Insgesamt liegt die große Bedeutung von Owning Books and Preserving Documents in Medieval Jerusalem darin, dass aus dem Nachlass eines nahezu unbekannten Mannes ein neues Bild spätmittelalterlicher Schriftkultur entwickelt wird. Burhān ad-Dīn erscheint nicht als großer Gelehrter oder wohlhabender Mäzen, sondern als sozial aufsteigender Stadtbewohner, der verschiedene kleinere Einkommensquellen kombinierte, wirtschaftliche Beziehungen unterhielt, Dokumente aufbewahrte und einen beträchtlichen Teil seiner Ressourcen in Bücher investierte. Seine Bibliothek verdeutlicht, dass Buchbesitz weit über die obersten gelehrten und politischen Schichten hinausreichen konnte. Seine Dokumente zeigen zugleich, dass alltägliche Schriftlichkeit und Formen privaten Archivierens einen festen Bestandteil sozialer Praxis bildeten. Die Versteigerung seines Nachlasses macht schließlich sichtbar, dass Bücher nicht statisch in Bibliotheken ruhten, sondern innerhalb eines lebhaften Marktes zwischen Besitzern zirkulierten und zugleich kulturelle wie ökonomische Werte verkörperten. Aus der Geschichte eines einzelnen Jerusalemer Rezitators entsteht so eine sehr überzeugende These über die mamlukenzeitliche Gesellschaft: Das geschriebene Wort war nicht nur das Medium von Gelehrsamkeit und Herrschaft, sondern tief in den Alltag, die Ökonomie und die sozialen Strategien städtischer Bevölkerungsschichten eingebettet. Gerade indem Aljoumani und Hirschler Bücher und Dokumente konsequent als materielle Gegenstände und als Bestandteile sozialer Handlungen untersuchen, können sie uns vor Augen führen, wie eng Wissen, Besitz und wirtschaftlicher Aufstieg im Jerusalem des späten 14. Jahrhunderts miteinander verflochten waren. Das Werk ist nicht nur eine historische Interpretation, sondern zugleich eine umfangreiche Quellenedition, die zukünftige Forschungen zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ermöglicht. Es bildet den Abschluss der wirklich großartigen Trilogie von Konrad Hirschler zur mamlukenzeitlichen Buchkultur!
Anmerkungen:
[1] Konrad Hirschler: Medieval Damascus. Plurality and Diversity in an Arabic Library. The Ashrafīya Library Catalogue, Edinburgh: Edinburgh University Press 2016. Vgl. meine Rezension in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 7/8.
[2] Konrad Hirschler: A Monument to Medieval Syrian Book Culture. The Library of Ibn ʿAbd al-Hādī, Edinburgh: Edinburgh University Press 2020. Vgl. die Besprechung von Anna Kollatz in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 2.
Stephan Conermann