Nicole J. Giannella: The Mind of the Slave. The Limits of Ownership in Roman Law and Society (= Empire and After), Ann Arbor: University of Michigan Press 2026, XII + 228 S., ISBN 978-0-472-13365-9, USD 75,00
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Kyle Harper: Slavery in the late Roman World, AD 275-425, Cambridge: Cambridge University Press 2011
Franco Luciani: Slaves of the People. A Political and Social History of Roman Public Slavery, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2022
Martin Schermaier (Hg.): The Position of Roman Slaves. Social Realities and Legal Differences, Berlin: De Gruyter 2023
Versklavte Menschen sind genau das: Menschen. Und Menschen sind mit den unterschiedlichsten geistigen Eigenschaften und persönlichen Einstellungen versehen. Aus der Perspektive einer Sklavenhaltergesellschaft hat dies Vor- und Nachteile. Im alten Rom wurden zum Beispiel Intelligenz, Arbeitsambitionen und kooperatives Verhalten versklavter Männer immer wieder zum Vorteil der Sklavenhalter/innen eingesetzt, u.a. durch die Ausbildung dieser Männer zu administrativen Spitzenkräften, die das Eigentum ihrer Herren und Herrinnen kompetent verwalteten oder auch für diese lukrative Geschäfte abwickelten. Aber die benötigte Einstellung und Willigkeit stellen auch ein grundsätzliches Problem für Sklavenhalter/innen dar, das immer wieder ihren Herrschaftsanspruch testet, v.a. wenn die versklavten Menschen eigenwillig handeln, oder sogar gegen ihre Sklavenhalter/innen agieren. Diese Problematik ist das Thema von Nicole Giannellas Buch The Mind of the Slave, in dem analysiert wird, wie individuelle Eigenschaften und Einstellungen aus der Sicht altrömischer Sklavenhalter/innen konzipiert wurden. Dabei geht es Giannella darum hervorzuheben, wie das Menschlichste am Menschen - die Eigenwilligkeit - ein Grundproblem für Sklavenhalter/innen darstellte.
Zwischen thematischer Einleitung (1-22) und abschließendem Epilog (175-193) untersuchen drei Großkapitel schriftliche Quellen zum Problem, aus der späten römischen Republik (d. h. Cicero) und v.a. den ersten drei Jahrhunderten der Kaiserzeit. Die Dreiteilung skizziert die Thematik über Hauptmomente des Sklavendaseins: Kauf (und Verkauf) der Menschen (23-93); das Arbeitsleben der versklavten Menschen (94-138); und Wege aus der Sklaverei, wie die Freilassung (139-174).
Zu Beginn zeichnet die Autorin auf, wie Eigenschaften und Einstellungen eine zentrale Rolle sowohl in der juristischen und der allgemeinen römischen Diskussion zum Sklavenkauf einnehmen, mit besonderem Augenmerk auf sogenannte mentale Defekte (vitia animi). Obwohl die römische Diskussion auf Charaktereigenschaften abzielt, ist sie an medizinischen Vorstellungen angelegt: "the Roman cultural and linguistic understanding of disease incorporated precisely these sorts of concerns about character" (52). Die Schwierigkeit einer verlässlichen Evaluierung der geistigen Kapazitäten beim Menschenkauf, und vor allen Dingen der Charaktereigenschaften, wird hervorgehoben. Wenn aber die Sklavenhalter/innen nicht sicher feststellen können, was ihr menschliches Eigentum in spe denkt, will, und letztendlich tut, ergibt sich eine Spannung bzgl. des Eigentumsanspruchs auf den ganzen Menschen. Der eigene Wille ist eben genau das - eigen, was die Grenzen des Besitztums der Sklavenhalter/innen aufzeigt (64): "The presence of this extensive juristic discussion alone reveals the sheer difficulty of evaluation, which in turn reveals the fragile fault lines (or even impossibilities) of ownership of the mind."
Die folgende Diskussion erweitert diese Thematik an diversen Aspekten, die im Bereich des Erwerbes von Menschen in der römischen Gesellschaft eine Rolle spielten, wie z. B. die Frage nach unterschiedlichen Einstellungen, die einerseits zur Flucht und andererseits nur zur gelegentlichen Abwesenheit motivieren. Giannella betont, dass die Flüchtigen (fugitivi) für die Römer einen mentalen Defekt hatten, der den Eigentumsanspruch der Sklavenhalter/innen in Frage stellte. Es wäre interessant gewesen zu untersuchen, warum fugitivi trotzdem gekauft wurden. War deren "mental defect" (74) letztendlich doch nicht so wichtig, oder der vermeintlich niedrige Preis eine zu große Verlockung? Solche sozialgeschichtlichen Fragen werden nicht gestellt, wie auch überhaupt sozialgeschichtliche Sichtweisen kaum eine Rolle in diesem Buch spielen. Müssen sie auch nicht. Aber das Ende des Untertitels, der die Gesellschaft hervorhebt, ist dann eher verwirrend: The Limits of Ownership in Roman Law and Society.
Das zweite Großkapitel untersucht das Thema im Kontext der Arbeitswelt. Sowohl die Rolle des Vertrauens, als auch die der Motivation und Motivationssteigerung, z.B. durch Belohnungen von Seiten der Sklavenhalter/innen, werden angesprochen, wie auch das Problem der Sklavenkorruption. Interessant hier ist u. a. die Diskussion Columellas, und seiner Vorstellung eines speziellen Sklavencharakters (ingenium). Giannella unterstreicht, dass diese Idee an Aristoteles erinnert: "to discuss an ingenium as being servile recalls Aristotle's theory of slavery rather than the Roman model of slavery as a status imposed on others" (100). Diese Idee, die unsere Konzeption des "Roman model of slavery" durchaus weiterentwickeln könnte, wird aber nicht verfolgt. Dafür wird das Freiheitsversprechen unter die Lupe genommen, jedoch ohne intensiv auf die wissenschaftliche Literatur einzugehen, was generell anzumerken ist. So werden regelmäßig Quellen ausführlich zitiert und detailliert zusammengefasst, anstatt kurz und bündig auf die entsprechende Literatur und ihre Thesen zu verweisen. Die Diskussion zu Freilassungen, die an Bedingungen geknüpft sind, ist hierfür ebenso ein gutes Beispiel wie auch die verwandte Diskussion im anschließenden, dritten Großkapitel, das sich mit dem Ende des Besitzanspruches der Sklavenhalter/innen auf die versklavten Menschen beschäftigt. Die Distanz zur wissenschaftlichen Diskussion schwächt hier die Ausführung zur Freilassung, besonders was die Idee anbelangt, dass der 'gute Sklave' letztendlich ein 'guter Bürger' ist, und deshalb die Freiheit verdient: "The virtues displayed by these slaves are not simply virtues of a good slave, but of a good citizen" (150). Aber wie verhält sich diese Idee mit der Rolle der Freilassung ohne Bürgerrecht, gerade in der Kaiserzeit? Andersherum ausgedrückt: Wenn römische Freilassungen in der Kaiserzeit unzählbare sog. Junianische Lateiner produzierten, ohne römisches Bürgerrecht, was wird dann aus der Idee des 'guten Bürgers'? Dies betrifft nicht nur die sozialhistorische Situation, sondern auch gerade die römische Ideenwelt, die in diesem Buch im Vordergrund steht. Und was ist mit den Sklavinnen? Versklavte Frauen spielen eine Nebenrolle in der Diskussion. Ist dies sozialhistorisch und ideengeschichtlich von Bedeutung? Ist der Eigentumsanspruch der Sklavenhalter/innen geschlechtsspezifisch - wie auch die Theorie dieses Anspruches? Und Kinder? Obgleich die berüchtigte Eigenwilligkeit von Kindern transient ist, bleibt die Frage, wie der Eigentumsanspruch auf Kinder konzipiert ist (cf. 66, 69, 93), mit besonderem Bezug auf Giannellas Grundthese, dass das unbekannte Innere den Eigentumsanspruch maximal in Frage stellt: "it was [...] in the realm of the unknowable interior of the slave, that ownership was most challenged" (177).
Die vielen Fragen, die dieses Buch aufwirft, zeugen von der Bedeutung des Themas, das Giannella in den Blickpunkt stellt, und damit auch für den wissenschaftlichen Instinkt der Autorin. Dies ist ein interessantes Buch, dem es gelingt, eingefahrene Perspektiven zu korrigieren. Der Hauptverdienst der Autorin liegt in der Zusammenschau vieler relevanter und interessanter Quellen zur Spannung zwischen dem Eigenwillen des versklavten Menschen und des Eigentumsanspruchs römischer Sklavenhalter/innen. Diese Quellen sind durchaus bekannt und intensiv studiert, und damit auch das unterschwellige Thema. Aber Giannella gelingt es, eine frische Sichtweise einzunehmen und diese konzentriert zu verfolgen. Ihr Buch verdeutlicht, dass dieses Thema nach größerer Aufmerksamkeit nahezu schreit, komparatistische und theoretisch untermauerte Ansätze inklusive.
Ulrike Roth