Michael Sauer: Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik, 15. Auflage, Seelze: Klett Kallmeyer 2025, 415 S., ISBN 978-3-7800-4925-4, EUR 29,95
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Die Geschichtsdidaktik hat innerhalb der Geschichtswissenschaft eine Sonderstellung, da sie erst spät von der berufsbezogenen Meisterlehre zur eigenständigen Sachdisziplin aufgestiegen ist und da sich aus diesem spezifischen Theorie-Praxis-Verhältnis besondere Herausforderungen ergeben. Einerseits untersucht sie wissenschaftlich die Rezeption und Vermittlung von Geschichte nicht nur in der Schule; andererseits erwarten insbesondere Lehramtsstudierende eine praxisorientierte Berufsvorbereitung.
Dementsprechend setzen die gängigen Einführungs- und Überblickswerke verschiedene Schwerpunkte, was schon in den Titeln zum Ausdruck kommt: "Geschichte und ihre Didaktik", "Geschichtsdidaktik", "Geschichts-Didaktik", "Wegweiser Geschichtsdidaktik", "Geschichts-Methodik", "Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts", "Geschichtsdidaktische Grundbegriffe", "Geschichtsunterricht", "Geschichte lernen" oder eben "Geschichte unterrichten". Zurecht behauptet Michael Sauer im ersten Satz: "Der Titel dieses Buches ist Programm" (8), denn seine Einführung richtet sich an Studierende und Referendare, an Berufsanfängerinnen und die nicht kleine Gruppe derjenigen, die Geschichte fachfremd, das heißt ohne entsprechendes Studium, unterrichten. Dieser Praxisbezug, der wohl die hohe Auflagenzahl erklärt, ist eine unbestrittene Stärke des Werks und unterscheidet es von mitunter arg theorieverliebten Publikationen. Michael Sauer bietet nämlich auch eine Fülle von - online verfügbaren - Materialien, die für die unmittelbare Unterrichtsgestaltung hilfreich sind wie "Checklisten, Erläuterungen und Beispiele für Lehrkräfte" (wie zum Beispiel "Stundeneinstiege") oder "Methodische Anleitungen für Schülerinnen und Schüler" (wie zum Beispiel "Textquellen interpretieren").
Die spezifische Schwerpunktsetzung zeigt sich im Aufbau des Werks. In einem einführenden Kapitel beleuchtet der Autor relativ knapp die Rolle von "Geschichte in Schule und Gesellschaft", bevor er die "Lernvoraussetzungen" untersucht. Dies ist ebenso informativ wie kompakt, zeugt von einem beeindruckenden Überblick über das Fach (und darüber hinaus) und zeichnet sich durch einen pragmatischen Blick auf die Bedingungen historischen Lernens aus, über die, nüchtern betrachtet, nicht allzu viel bekannt ist. Immer wieder relativiert Sauer die oft überschießenden Ansprüche, die mit dem Geschichtsunterricht verbunden werden. Allerdings thematisiert er die Rolle des Schulsystems erst später und aktuelle Herausforderungen wie zum Beispiel die Veränderung der Schülerschaft kommen eher beiläufig zur Sprache.
Die zentralen Kapitel widmen sich dann den "Themen und Kompetenzen", dem "Lehren und Lernen", will sagen: den "Prinzipien und Methoden", den "Medien" sowie der "Dokumentation und Präsentation". Damit spricht Sauer alle wesentlichen Aspekte des historischen Lernens in der Schule an. Allerdings wäre zu diskutieren, ob die von Paul Heimann, Gunter Otto und Wolfgang Schulz schon in den 1960er Jahren postulierte systematische Ordnung nach Zielen, Inhalten, Methoden und Medien nicht trennschärfer wäre. [1] Denn Kompetenzen lassen sich den Zielen zuordnen. Diese normative Dimension ist für Geschichte als Unterrichtsfach von großer Bedeutung, da einerseits die Domäne selbst keinen eindeutigen pädagogischen Fluchtpunkt anbietet und andererseits von gesellschaftlicher und politischer Seite mit massiven Ansprüchen konfrontiert wird. Insofern hätte diese Frage eine eingehendere Erörterung verdient. Demgegenüber gibt Sauer im Hinblick auf die "Themen" einen sehr guten Überblick über Fragen der Inhaltsdimension. Daran zeigt sich, dass die Geschichtsdidaktik gerne allgemein über Auswahlkriterien und Strukturierungsverfahren diskutiert, sich aber einer konkreten Erörterung oder gar Festlegungen bestimmter Unterrichtsinhalte entzieht und dies lieber den Bildungsverwaltungen überlässt.
Während im nächsten Kapitel die informativen Ausführungen über den "Organisatorischen Rahmen" auch im ersten Kapitel seinen Platz finden könnten, greifen die Unterrichtsprinzipien noch einmal auf mögliche Ziele des historischen Lernens zurück. Bei den "Lehr- und Lernmethoden" bietet Sauer dann in 16 Unterkapiteln einen reichen Schatz an Unterrichtselementen, die sich vornehmlich auf Verlaufsformen (zum Beispiel "Einstiege") und Aktionsformen (zum Beispiel "Geschichte erzählen") konzentrieren, das heißt die Sozialformen nicht eigens thematisieren, und theoretisch auf verschiedenen Ebenen angesiedelt sind (wie zum Beispiel "Urteilsbildung" versus "Hausaufgaben"). Hier werden die Leserinnen und Leser umfassend informiert, erhalten weiterführende Hinweise auf einschlägige Literatur und Unterrichtsvorschläge sowie online verfügbare unterrichtsrelevante Materialien. Über einzelne Fragen lässt sich trefflich diskutieren, etwa ob der Unterrichtsverlauf den "Prozess einer historischen Untersuchung nachvollziehen" soll (132), ob "Aufgaben" nicht ein eigenes Unterkapitel verdient hätten oder ob "Außerschulische Lernorte" - ein diffuser Sammelbegriff - nicht besser im folgenden Kapitel einzuordnen wären, wo "Bauwerke und Denkmäler" ihren Platz haben.
Denn hier werden die "Medien" des historischen Lernens - wiederum ebenso informativ wie ansprechend - vorgestellt. Es begegnen allerdings auch noch einmal "Quellen", die schon im Teilkapitel 4.3.4 "Quellenarbeit" Thema waren. Sie werden in sieben Unterkapiteln gattungsspezifisch aufgeschlüsselt - von "Textquellen" bis zu "Zeitzeugenaussagen". Dem stellt Sauer in 6 Unterkapiteln "Darstellungen" gegenüber - von "Geschichtskarten" bis zu, was besonders begrüßenswert ist, "Geschichtsunterricht in der digitalen Welt". Allerdings hat diese Unterscheidung im Blick auf die historische Entwicklung, worauf Sauer selbst natürlich hinweist, seine Tücken. So gibt es historische Karten und aktuelle Geschichtskarten, die selbst wieder zu historischen werden können; dies gilt auch für Statistiken, Schulbücher und historische Romane. Hinweise zu "Dokumentation und Präsentation", wobei "Referate" überraschenderweis zu den "schriftlichen Ausarbeitungen" gerechnet werden, runden den Band ab.
Insgesamt hat Michael Sauer sein Standardwerk auf den neuesten Stand gebracht und bietet den Leserinnen und Lesern fundierte Informationen und praktische Hilfen. Damit ist das eingangs angesprochene Theorie-Praxis-Problem nicht gelöst, aber es wird klar benannt: Guter Geschichtsunterricht bedarf der geschichtsdidaktischen Reflexion.
Anmerkung:
[1] Paul Heimann / Gunter Otto / Wolfgang Schulz: Unterricht. Analyse und Planung, 10. Aufl., Hannover 1979 [zuerst 1965].
Ulrich Baumgärtner